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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 23:05

    David Munoz, Tirso, Javi Montes: Das Schloss der Stummen Schreie

    21.11.2012

    Monströses Coming of Age

    Das Schloss der stummen Schreie von David Munoz, Tirsc und Javi Montes ist eine Geschichte über Monster, zu schnelles Erwachsenwerden und die tragischen Verstrickungen von Lüge, Hass und Heimlichtuerei. PETER KLEMENT bittet zu einem Ausflug in die Unterwelt, der trotz allem besonders für Jugendliche geeignet ist.

     

    Das Schloss der stummen Schreie ist eine abgeschlossene Geschichte und hebt sich dadurch von den meisten vergleichbaren Produkten ab, die ihre Geschichte über mehrere Bände entfalten. Doch die Abgeschlossenheit ist hier eine gute Sache, denn nach der letzten Seite dürften die meisten LeserInnen eine kleine Pause machen, um die wunderschön gezeichnete und erzählte Geschichte noch mal Revue passieren zu lassen.

     

    Nietzsche, mal wieder...

    Das Schloss der stummen Schreie beginnt mit einer Rückblende in die Zeit der Kreuzzüge, in der ein Ritterorden in einem Kloster eine Gruppe junger Menschen gefangen hält und jegliche Fluchtversuche mit dem Tod ahndet. Danach folgt ein Sprung ins Jahr 1949, das Kloster ist nur noch eine Ruine, doch daneben wurde ein neues Gebäude errichtet, in dem die junge Protagonistin Sarah aufwacht. Die Ärzte erklären ihr, dass ihre Familie von einem Monster getötet wurde, das durch einen Virus der Nazis erschaffen wurde und dass sie ebenfalls infiziert ist. Doch die Behandlung der Ärzte verhindert, dass sie sich ebenfalls in ein Monster verwandelt. Als sie auf dem Gang ein Spielzeugflugzeug findet, ist klar, dass sie nicht das einzige Kind ist, das in dem abgelegen Schloss irgendwo in der Tschechoslowakei behandelt wird. Und schon bald nimmt eines von Ihnen, der schlaksige Milos, Kontakt mit ihr auf, in dem er die zahlreichen Geheimgänge des Schlosses nutzt, um sich unentdeckt zu bewegen.

     

    Beim Treffen mit den anderen Kindern wird schnell klar, dass unheimliche Dinge in dem Gemäuer vorgehen: Nachts sind ferne Schreie zu hören und schon bald werden die Kinder Zeuge, wie ein totes Kind auf einer Bahre weggetragen wird. Als sie auf eigene Faust recherchieren, finden sie heraus, dass sie in der Gewalt von Druiden sind, die schon seit Hunderten von Jahren gegen alle Arten von Monstern kämpfen und fieberhaft nach einem medizinischen Ausweg aus diesem ungleichen Krieg suchen. Denn jeder, der von einem Monster gebissen wird, wird ebenfalls zu einem – Nietzsche würde sich die Hände reiben.

     

    Die Monster in uns

    Über Monster gibt es allerlei wissenschaftliche Abhandlungen, die sie als Verkörperung unserer gesellschaftlichen Probleme oder der menschlichen Psyche sehen: Vampire sind die adelige Dekadenz und der ungezügelte Sexualtrieb, Frankenstein das entfesselte Proletariat und Hexen die Verkörperung der männlichen Furcht vor der Weiblichkeit. Die Perspektiven sind zahlreich, stellenweise auslegungsbedürftig und immer wieder neuen Interpretationen unterworfen.

     

    Im Schloss der stummen Schreie sind Monster jedoch sehr real und übertragen ihre Monströsität per Virus auf jeden, der von ihnen gebissen wird oder mit ihrem Blut in Kontakt kommt. Das gilt für Vampire genauso wie für eher seltene Gäste der modernen Fantasy, wie Minotauren oder Harpyien. Fast jeder dieser Protagonisten trägt ein anderes Monster in sich, das unterschiedliche Grade der Kontrolle fordert und dadurch die Charaktere umso interessanter macht. Denn manche wehren sich, andere suchen aktiv danach, ein Monster zu werden, und einige haben sich mehr oder minder widerwillig mit ihrem Schicksal abgefunden.

     

    David Munoz gibt den Charakteren viel Raum, um sich zu entwickeln und baut gekonnt eine Geschichte auf, an deren Ende keiner der Protagonisten unverändert geblieben ist. Der Plot beginnt mit einer scheinbar klaren Linie zwischen Gut und Böse, die sich im Verlauf der Geschichte immer mehr verwischt. Denn die Monster sind nicht die instinktgetriebenen Bestien oder die herablassenden Überwesen, die in Menschen bestenfalls ein Frühstück sehen – und die Druiden bei weitem nicht die Retter in strahlender Rüstung, die sich zwischen die Menschheit und Bedrohung durch die Monster stellen. Beide Seiten haben Dreck am Stecken, beiden Seiten haben ein Recht auf Leben und beide Seiten instrumentalisieren die Gruppe Kinder und vor allem Sarah gnadenlos.

     

    Dadurch müssen die Kinder schneller erwachsen werden, als ihnen lieb ist, denn im Schloss der stummen Schreie müssen Entscheidungen gefällt werden, die bittere Konsequenzen haben, egal, für welche Seite sie sich entscheiden. Dabei rutscht Das Schloss der stummen Schreie aber nie in ein zynisches oder nihilistisches Weltbild ab und das macht es trotz der gelegentlich vorkommenden blutigen Gewaltdarstellung auch ein Stück weit geeignet für Jugendliche: Es zeichnet ein realistisches Menschenbild im Sinne des bürgerlichen Realismus, der zwar finstere Seiten kennt, aber doch humanistisch bleibt und vor allem die kindlichen Protagonisten sehr ernst nimmt. Am Ende der Geschichte sind einige der Kinder dem Erwachsensein, auch im moralischen Sinne, einen gewaltigen Schritt nähergekommen, mussten aber ein blutiges Lehrgeld bezahlen.

     

    Der Plot ist gekonnt konstruiert und mit intelligenten Wechseln und Rückblenden durchzogen. Die Geschichte vom Schloss der stummen Schreie entfaltet sich so, dass mit der Lösung eines Rätsels schon das nächste aufgebaut wird. Und zwar mit so vielen kleinen Hinweisen, dass auch beim zweiten oder dritten Lesen neue Details ans Tageslicht kommen. Umso verwunderlicher ist der äußerst knappe Klappentext, der wenig von der spannenden Geschichte durchblicken lässt. Denn die Graphic Novel läuft, aufgrund der seit einiger Zeit andauernden Vampir-Schwemme, leider Gefahr, für eine der zahllosen auf den Markt gespülten Wir-machen-jetzt-halt-was-mit-Vampiren-Produktionen gehalten zu werden.

     

    Eine gekonnte Synthese

    Die überaus spannende und erwachsene Geschichte bekommt durch die Zeichnungen von Tirso und die Kolorierungen von Javi Montes eine eigenartige kinetische Dynamik, in der sich die detailverliebte frankobelgische Schule mit den explosiven Zeichnungen des Mangastils vereint. Auch die Motive der Panels fördern durch die rasanten Wechsel von der Totalen hin zur Großaufnahme den fast schon filmischen Stil der Graphic Novel. Jedes Panel in Das Schloss der stummen Schreie ist extrem aufwendig gezeichnet und koloriert. Man muss sich in seinem Lesefluss bremsen, um die tollen Bilder vollständig aufnehmen zu können. Für Liebhaber schöner Bilder hält die Graphic Novel einiges an Überraschungen und gekonnten Experimenten bereit.

     

    Das Schloss der stummen Schreie steckt voller positiver Überraschungen: Es versucht nicht, mit dem Vampirhype mitzuschwimmen, hat eine toll erzählte Geschichte und ist künstlerisch wirklich schön umgesetzt. Wenn man so will, ist es eine Parabel seiner selbst. Außen wirkt es eher abschreckend, doch wenn man es aufgeschlagen hat, hält man einen kleinen Schatz der Neunten Kunst in seinen Händen. Ein idealer Band für Schnupperkäufer, die noch auf der Suche nach ihrem Stil sind und Sammelmuffel, die zwar gute Comics schätzen, aber nicht den Nerv haben, fünf oder zehn Jahre lang mit Cliffhangern konfrontiert zu werden.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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