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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 08:48

    Forza Horizon

    13.11.2012

    I drive.

    Wenn Autofahren und Freiheit untrennbar miteinander verbunden sind, dann ist Forza Horizon die bislang schönste Videospiel-Interpretation dieser Beziehung. VOLKER BONACKER wollte eigentlich von langen Fahrten durch Colorado berichten. Es kam ein wenig anders.

     

    Also ich hatte diesen Text geschrieben über Forza Horizon, Sonntag morgen, auf der Couch meiner Eltern sitzend und darüber nachdenkend, wie das denn nun in eine Reihe mit Automobilhelden-Filmen wie Vanishing Point oder Death Proof zu bringen sei. Jenes libertinäre Moment, das die genannten Filme und ihre HeldInnen auszeichnet, findet sich schließlich dank offener Spielwelt und nicht vorhandener Staatsgewalt auch im neuen, nicht mehr ganz so simulations-lastigen Teil der Xbox 360-exklusiven Rennspielserie an jeder Straßenecke – und man hätte einen guten Vers darauf aufbauen können. Eigentlich hatte ich ihn bereits aufgebaut, doch etwas kam dazwischen, das viel besser ist als ein Videospiel rund um Autos. Nämlich selbst Auto fahren. Spielebesprechungen sollen mehr ein Reisebericht sein, wünschen sich mündige LeserInnen, die mit der Waschmaschinentest-Texterei einer in Sachen inhaltlicher Weiterentwicklung erstaunlich resistenten Zunft nicht mehr zurecht kommen. Was, wenn nicht eine Tour über A81, A6, A67 und A5 wäre dafür prädestiniert?


    Hintergrund der ganzen Angelegenheit ist der traurige Umstand, dass ich seit 2008 kein eigenes Automobil mehr besitze, dabei aber stets ein leidenschaftlicher Autofahrer bin. Das mag dem Umstand geschuldet sein, dass ich lange Stunden meiner Oberschulzeit auf den Autobahnen dieses Landes verbrachte, unterwegs von Konstanz (Homebase) nach Magdeburg (Freundin), ausgestattet mit einer Unmenge an selbstgebrannten MP3-CDs (inklusive genial-passender Beschriftungen wie Hartkern oder  Rockbarer Scheiß), einem mittelprächtigen Player dafür (300 Euro!) und einem 75PS starken, ultramarinblauen Ford Fiesta, Baujahr 1998. Es gäbe hier unzählige Anekdoten automobiler Herkunft zu erzählen, deren Unvereinbarkeit mit bestehendem Recht vermutlich nicht nur bei maßlosem Übertreten von Geschwindigkeitsbegrenzungen endeten.

    Kurz: Es war eine tolle Zeit. Unsere Beziehung hielt 368.000 Kilometer, fast auf den Tag genau sechs Jahre nach dem Erwerb endete der Wagen unrühmlich auf der Ladefläche eines Abtransport-Vehikels. Da war nichts mehr zu machen sagte der Mann, der ihn verlud, so dermaßen wäre der Wagen hinüber. Seither kam kein Neuer ins beziehungsweise vor das Haus; warum auch, der moderne Stadtmensch hat ja alles in Laufweite und man versucht ja, die Anschaffung eines Wagens mit funktionalen Beweggründen zu verargumentieren. Bisweilen geht es dennoch nicht ohne, etwa wenn die Bahnverbindung auf dem Weg nach Homebase derart schlecht ist, dass der Gang zum Verleiher unumgänglich scheint (frei nach dem Motto: »Ich konnte ja gar nicht anders!«). So kam ich in den Besitz des BMW, unsere Beziehung hielt rund drei Tage lang.

     

    Die Kennenlernphase verlief denkbar rasch, nach etwa zehn Minuten war ich mit den meisten Features des Wagen so vertraut wie mit der Bedienung meines iPod. Vermutlich, weil beides auf ähnlich bequeme, lernfaule Nutzergruppen ausgelegt ist. Gut gemacht, BMW. Der iPod sei nicht grundlos erwähnt, denn noch heute ist die klangliche Untermalung einer Autobahnfahrt für mich eine der bedeutendsten Geschichten am Autofahren überhaupt (fügen Sie hier bitte einen Querverweis zu Forza Horizon ein, denn auch dort ist der Soundtrack überaus gelungen und passt von Kommerz-Rock bis Dubstep zur Stimmung während der Fahrten durch Colorado). Mit etwas mehr als 11.000 Songs und dank eines simplen Kabels, das Apple-Musikabspielgerät und bayerische Motorenwerke zusammenbringt, ist dieser Punkt recht schnell erledigt gewesen. Den Rest der drei Tage haben mich diverse Platten von Foo Fighters bis zum Soundtrack von Drive über diese und jene Autobahn begleitet, tagsüber, nachtsüber, im Regen, im Nebel.


    Der BMW (ein unverschämt gut ausgestatteter 118i übrigens) und ich sind zu einer unglaublich schönen, funktionalen Einheit verschmolzen, ich fühlte mich in diesem Wagen geborgen, sicher, gut aufgehoben. Kaum auf der Autobahn irgendwo jenseits der Marke von 200 Stundenkilometern angekommen, waren jene Momente des Dahindriftens wieder da, die ich noch aus der Zeit mit dem Fiesta kenne und seither beinahe vergessen geglaubt habe. Jenes Gefühl, das die meisten Menschen wohl als Freiheit subsumieren. In einen Wagen steigen, losfahren, auf der Straße sein, ein Ziel haben, auf dem Weg dorthin versunken in einem Mikrokosmos aus Blech, Stoffsitzen und Plastikarmaturen fernab der Welt, die draußen vor dem Fenster vorüberzieht. Mein eigenes, kleines, mobiles Königreich mit mir auf dem Thron und den Stieber Twins als Hofband, die hypnotisch-beschwörend beisteuern: »Isch weiß, das was isch weiß, das weiß isch«. Ich weiß: Ich habe das Unterwegssein vermisst. Sehr vermisst.

     

    Rund 72 Stunden später war er weg, der 118i mit dem Münchner Kennzeichen. Jemand anders wird nun das Gefühl haben, das ich hatte, das ich – hier muss nun wirklich mal eine Brücke geschlagen werden, ist dies doch das Tollste an diesem Spiel - auch bei Forza Horizon in ganz ähnlicher Weise wieder und wieder hatte. Die bestmögliche Illusion von Freiheit, die es geben kann; der große Traum vom niemals ankommen, stets unterwegs zu sein, Tage und Nächte zu durchfahren, im Warmen zu sein, während vor der Türe schneidende Kälte herrscht.

     

    Ich werde die Dame oder den Herrn am Rückgabeschalter bitten, mir ein Datenblatt des Wagens auszudrucken. Der Händler ist im gleichen Haus verortet. Dort werde ich besagtes Blatt auf einem Tresen hinterlegen, versehen mit meiner Telefonnummer und der Bitte um Rückruf. Mit einem unverbindlichen Angebot. Es gilt schließlich, eine lange vergessene Zeit zurückzuholen. Es wird vermutlich nicht ganz so sein, wie es war. Das war es auch mit Forza Horizon nicht, dieser grandiosen Mixtur aus PS-Lifestyle-Subkultur, spielerischer Freiheit und einem permanenten »Alles kann, nichts muss-Gefühl«. Muss es aber auch nicht. Ich habe gelernt, dass es etwas gibt, das ich sehr vermisst habe, ohne zu wissen, dass dem so war. Dafür seien Spiel und Autohersteller gedankt und zumindest ersteres bedingungslos weiterempfohlen. Da ich von letzterem keine Werbegelder beziehe, bleibt es bei der nüchternen Anmerkung, dass der 118i ein verdammt cooler Wagen ist. Den ich mit der Rückgabe hoffentlich nicht zum letzten Mal gesehen habe.

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