• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 23:06

    nichtlustig: Interview mit Cartoon-Zeichner Joscha Sauer

    14.11.2012

    »Abmalen aus dem Hirn«

    Seit Jahren sind seine Cartoons ganz oben in der Beliebtheitsskala der deutschen Internet-Community: Joscha Sauer, das Hirn hinter nichtlustig, schenkte dem Tod einen pinken Pudel und tötet regelmäßig Lemminge auf immer neue Weise. Neben Sammelbänden, Kochbuch, Kuscheltieren und Cornflakes – um nur wenige der unzähligen Konsumgüter zu nennen – erblickte vor wenigen Tagen der erste Teil seiner Trickserie das Licht der Welt. Auf der Frankfurter Buchmesse hat FRANZISKA BECHTOLD sich den Mann mit dem besonderen Humor zum Interview geschnappt.

     

    Joscha Sauer – stelle dich doch mal kurz vor!

     

    Ich bin der Zeichner und Autor der nichtlustig-Cartoons. Vor zwölf Jahren habe ich damit angefangen und ursprünglich war es eine Überbrückungsphase in meinem Leben – es war zumindest so gedacht. Ich hatte eine Website und stellte dort Cartoons online, die ich gezeichnet und getextet habe. Daraus hat sich dann ein richtiger Job entwickelt. Inzwischen gibt es davon Bücher und Merchandise und gerade arbeite ich an der Trickfilmserie.  

     

    Wie kam es zur Gründung von nichtlustig? Hast du schon immer gerne gezeichnet?

     

    Ich habe immer gezeichnet, aber früh in meinem Leben den Wunsch verloren, mit dem Zeichnen Geld zu verdienen. Das Zeichnen an sich macht mir gar nicht so viel Spaß. Wenn ich es irgendwann abgeben könnte, würde es mir nicht wehtun. Sehr viel wichtiger war es mir, Geschichten zu erzählen und Menschen zu unterhalten. Mir war es relativ egal, ob ich das zeichnerisch mache, in schriftlicher Form oder auf der Bühne. Aber das Zeichnen war der leichteste Zugang für mich, weil ich dadurch natürlich einen Vorteil gegenüber anderen hatte. Dementsprechend hatte ich keine große Hürde und mache nun Cartoons und kein Stand-up Programm.  

     

    An welchem Arbeitsprozess hast du am meisten Spaß?

     

    Am kreativen Prozess. Das Zeichnen ist ja eher das Handwerk, was viele verwechseln. Es ist auch wichtig, dass es gut gezeichnet ist und das hat natürlich auch mit Kreativität zu tun. Aber die eigentlich kreative Arbeit passiert vorher, also die Ideenfindung. Dann hat man immer noch diese paar Stunden Arbeit um es zu Papier zu bringen. Das ist eigentlich ein bisschen nervig, denn man weiß schon, wie es aussehen soll und muss es eben nur noch umsetzen. So ein bisschen wie Abmalen aus dem Gehirn.

     

    Wie lange brauchst du, um einen Cartoon fertigzustellen – von der Idee bis zur fertigen Zeichnung?

     

    Das ist unterschiedlich. Wenn ich einen Yeti in einer Eislandschaft zeichnen muss, ist farblich natürlich nicht viel zu tun. Aber wenn es ein Wimmelbild wird, in dem ein Fahrstuhl mit zwanzig Figuren vollgestopft ist, dauert das natürlich länger. Meistens brauche ich für Zeichnungen etwa zwei Stunden.  Die Ideen für Cartoons sind oft jahrelang in Form von wenigen Sätzen in meinem Skizzenbuch. Ich  blättere dann zurück, wenn ich verzweifelt bin oder gerade keine neuen Ideen habe. Dann fragt man sich: Gibt es da einen Ansatz, den ich noch nicht verbraten habe? Es gibt Ideen, die einfach jahrelang brauchen, bis sie fertig sind.Und es gibt Ideen, die sofort da sind, also die sagenumwobene Eingebung - und dann ist es auch gleich perfekt!  

     

    Wie bekämpfst du Ideenlosigkeit, also das »leere Blatt«?

    Das ist meiner Ansicht nach immer die größte Hürde in diesem Job. Sich selbst immer wieder zu sagen, dass man gar nicht leer sein kann, obwohl man dieses Gefühl natürlich ständig hat. Inspiration kommt erst dann, wenn man etwas tut. Das ist auch für mich unglaublich schwierig umzusetzen. Man fühlt sich leer, hat keine Ideen, ist ausgelaugt. Sich dann trotzdem hinzusetzen und etwas zu machen, ist das Schwierigste. Tut man das aber, passiert etwas, denn man inspiriert sich selbst.

     

    Schmeißt du viele Zeichnungen weg?

    Eigentlich nicht. Denn den meisten Müll schmeiße ich bereits im Kopf weg. Ich zeichne nicht viel mehr als das, was ich veröffentliche.  

     

    Wie entwickelst du deine Figuren?

      

    Das hat eine Eigendynamik. Mittlerweile habe ich ein Arsenal an Figuren, die die Bandbreite davon, was ich mit nichtlustig machen will, abdeckt. Deswegen kommt auch relativ selten etwas Neues dazu. Es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und denke »Ich entwickle nun eine neue Figur zu diesem Thema«. Meistens gab es die Idee für einen Cartoon, die Figur darin diente nur für einen Gag. Plötzlich merkt man, dass diese Figur visuell interessant ist und man hat mehr Ideen zu ihr. Sie entwickelt dann einen eigenen Charakter.

     

    Welche Kriterien hast du für Cartoons in deinen Sammelbänden - zum Beispiel für das Dicke Cartoonbuch?

     
    In den meisten Fällen suche ich ganz pragmatisch danach aus, welche neuen Cartoons ich habe. Ich versuche diese dann dramaturgisch zusammenzustellen. Beispielsweise keine ähnlichen Gags auf einer Doppelseite zusammenzustellen. Außerdem soll es auch farblich zusammenpassen und harmonisch aussehen. Bei der Auswahl gibt es keine großen Überlegungen. Es gibt wenige Cartoons, die ich nicht im Buch haben möchte, weil sie nicht funktionieren oder ich sie selbst nicht mehr gut finde.  

     

    ... wie selbstkritisch bist du?

    Wenn etwas fertig ist, bin ich meistens sehr überzeugt davon. Die Quote der Cartoons, die ich dann doch nicht veröffentliche, ist extrem gering. Nur wenn ich merke, dass die Leute etwas überhaupt nicht verstanden haben, oder mir auffällt, dass man Zeichnungen doch noch ein bisschen anders machen kann, erneuere ich es für die Bücher. Aber in 99 Prozent der Fälle eben nicht. 

    Zeigst du einen fertigen Cartoon jemandem, bevor du ihn veröffentlichst?

    Nein, überhaupt nicht.  

     

    Du hast vor einiger Zeit ein Kochbuch veröffentlicht – wie kam es zu der ungewöhnlichen Idee?

     

    Ich brauche für ein Buch recht lange, da ich nicht täglich arbeite und viel nebenher mache. Bis sich ein großes Buch füllt, dauert es dann schon einmal zwei Jahre. Und zwei Jahre Stille ist eben nicht so toll. Ich wollte aber nichts Unkreatives machen, nur um Geld zu verdienen, sondern ein Projekt, bei dem ich mit Leuten zusammenarbeite und etwas ausprobieren kann, was beim Cartoon nicht möglich ist. Das Rezepte-Entwickeln mit dem Koch war dann sehr spaßig. Ich sagte, was ich gerne umsetzen wollte – also zum Beispiel »Ich würde gerne einen Tintenfisch zeichnen - Mach etwas mit Calamares!« - oder andersherum. So ging es hin und her, bis wir die Rezepte hatten, die ins Konzept passten.

     

    Du arbeitest an einer Trickserie – es gibt schon einen recht alten, kurzen Ausschnitt (zum youtube-Video) – wann wird das Projekt konkret?

    Ich arbeite seit eineinhalb Jahren wieder sehr intensiv daran. Das ist natürlich kostenintensiver, als alleine ein paar Cartoons zu zeichnen. Dementsprechend ist es immer eine Frage des Geldes und des Teams gewesen. Momentan habe ich die richtigen Leute: ein tolles Trickstudio, einen tollen Musiker, tolle Sprecher. Die Vorproduktion und die ersten zehn Minuten sind jetzt fertig und werden bald veröffentlicht (inzwischen kann man das Video auf nichtlustig.tv sehen, A.d.R.). Mit einer Crowdfunding-Aktion wollen wir die zweite Hälfte der ersten Episode finanzieren. Haben wir das geschafft, schauen wir nach Investoren, um die ganze Serie produzieren.

     

    Was wird es in der Serie zu sehen geben - bekannte Figuren aus deinen Cartoons?

    Ja, genau. Es ist ein bisschen wie in den Büchern. Jede Figur hat dort seine eigene Geschichte und diese überschneidet sich mir den Geschichten anderer Figuren. So ist auch das Konzept der Serie, nur sehr viel extremer. Wir befinden uns auch gerade in einer Ausprobier-Phase, in der man den richtigen Rhythmus und die richtige Dramaturgie finden muss.

     

    Wie kam es überhaupt zu der Idee, deine Cartoons filmisch umzusetzen?

    Der Film ist immer meine Passion gewesen. Bevor ich mit dem Cartoon-Zeichnen begann, habe ich bei Musikvideos Regie geführt. In diese Richtung wollte ich eigentlich auch weitergehen. Es gab aber viele Leute in diesem Business, die mir vorschreiben wollten, was ich tun soll und ich brauchte etwas, um mich auszutoben. Es war aber immer mein Plan und Wunsch, irgendwann in den Filmbereich zurückzukehren.

     

    Ist das auch weiterhin dein Plan?

     
    Ja. Ich denke es gibt immer nur begrenzte Möglichkeiten, Neues zu produzieren. Und ich finde es immer schade, wenn Künstler stagnieren, weil sie sich immer wiederholen. Das will ich vermeiden, weil es mir dann selbst zu langweilig wird. Mein Wunsch ist es, beruflich auch immer wieder Neues zu erleben.

     

    Welche aktuellen Projekte hast du noch?

    Es gab einige Ideen, aber es ist so viel Arbeit in die Trickserie gewandert, dass deshalb alles andere zurückgestellt werden musste. Die nächsten Monate sind sozusagen wegweisend dafür, wie es mit mir und mit nichtlustig weitergeht. Je nachdem, ob der Trickfilm meine ganze Energie weiterhin fordert. Mein Wunsch wäre natürlich, dass es erst mal mit der Trickserie weitergeht.
    Vielen Dank für das Gespräch! 

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Verteidigung des Schlagers

    Klar, man kann sagen: der Schlager geht musikalisch über das kleine Einmaleins der Harmonielehre nicht hinaus, seine Texte haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun, er ist ein konservatives ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Das Ende der Sommerzeit

    Es gibt Bücher, die schleichen sich ganz unmerklich ins Herz und treffen einen im Innersten. Tamara Bachs Geschichte gehört dazu. Von ANDREA WANNER

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter