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    Freitag, 18. August 2017 | 08:46

    Millar / Yu: Superior

    24.10.2012

    Es war einmal ein Superman...

    Mark Millar liefert einen weiteren Beitrag zur Reflexion über das Superheldengenre. Dabei zeichnet er die Geschichte vom ultimativen Superhelden als beinahe altmodisches Märchen, erzählt mit Motiven der Popkultur. Zumindest ist BORIS KUNZ die Lektüre von Superior so vorgekommen.

     

     

    Mark Millar hat den Civil War im Marvel Universum entfacht und ist bekannt für Genredekonstruktionen wie Kick Ass und Nemesis. Superhelden sind für den Schotten also ein sehr vertrauter Umgang. Für einen klassischen Märchenonkel würde man ihn aber nicht halten, dazu sind seine Geschichten doch meist sehr zynisch und blutrünstig. Bei Superior hat er sich aber in dieser Hinsicht stark zurückgehalten und einen etwas milderen Ton angeschlagen. Immerhin ist das Werk auch Richard Donner und Christopher Reeve gewidmet, dem Regisseur und dem Hauptdarsteller der guten, alten Superman-Filme aus einer Zeit, als Superhelden noch keine dunklen Ritter, sondern strahlende Gestalten in bunten Capes waren.

     

    Da liegt es auch nahe, dass die Hauptfigur der Handlung ebenfalls ein großer Superhelden-Fanboy ist. Der zwölfjährige Simon leidet unter Multipler Sklerose. Er kann nicht mehr Basketball spielen, nicht mehr ohne Krücken laufen und nicht mehr ohne Hilfe auf die Toilette gehen. Während sich sein Kumpel Chris eher für düstere Helden wie Wolverine oder Jason Bourne begeistert, hat Simon mit der Krankheit eine große Leidenschaft für den heroischen Superior entwickelt. Superior ist Millars Version von Superman, der sich von seinem offensichtlichen Vorbild nur durch das Kostüm unterscheidet, ansonsten ist alles da, von Hitzeblick und Kältepuste bis zur außerirdischen Herkunft. In Simons Welt ist Superior eine rein fiktive Gestalt, existent nur auf Comic-Seiten oder der Kinoleinwand, dargestellt vom alternden Hollywoodschauspieler Tad Scott.

     

    Als das Wünschen noch geholfen hat...

    Das ändert sich, als eines Nachts Ormon, ein sprechender Affe in einem Raumanzug, in Simons Zimmer erscheint, um dem Jungen seinen größten Wunsch zu erfüllen. Noch ehe Simon so richtig begriffen hat, was los ist, findet er sich im Körper des mächtigen Superior wieder – und muss sich erst einmal überlegen, wie er das seinen Eltern erklären soll. Sein Kumpel Chris ist ihm Freund und Helfer in der Not, und es ist eine der witzigsten Sequenzen der ganzen Story, wenn Simon mit seiner Hilfe nach und nach den Umgang mit seinen Superkräften erlernen muss. Denn hier stellen sich Fragen, die in den Comics normalerweise nie beantwortet werden: Wie schaltet man um von Röntgen- auf Hitzeblick? Wie fliegt man, wenn man einen Körper besitzt, der mit Aerodynamik eigentlich nichts zu tun hat? Und wie macht man den Leuten klar, dass man tatsächlich ein Superheld ist, und nicht der Schauspieler Tad Scott auf Promotiontour?

     

    Doch von kleinen Gags abgesehen ist der Witz der Story nicht grundsätzlich der, die irrwitzigen Fähigkeiten Supermans mit der Alltagsrealität des durchschnittlichen Comic-Lesers kollidieren zu lassen. Das ist keine „Was, wenn es Superhelden wirklich gäbe“- Geschichte. Es wird sehr schnell klar, dass auch Superior in einer völlig überhöhten Wirklichkeit spielt – denn kaum hat der Held seine Fähigkeiten halbwegs im Griff, geschehen beinahe im Minutentakt irgendwelche Katastrophen: Züge entgleisen, Sturmfluten brechen aus, Meteoritenschauer oder ganze Raumstationen stürzen vom Himmel, um Superior möglichst viele Gelegenheiten zu großen Heldentaten zu geben. Eben ganz so, wie dem Helden im Märchen früher oder später verwunschene Prinzessinnen, böse Zauberer oder Drachen mit mehreren Köpfen begegnen.

     

    Und so kann man sich auch ausrechnen, welche beiden Figuren dem Helden noch begegnen müssen, um die Geschichte komplettieren zu können: ein Erzschurke (hier verkörpert durch den Schulhofrowdy Sharpie, der auf ähnlich wundersame Weise zu Superkräften kommen wird) und ein Love-Interest (Madeline Knox, eine Lois Lane Version, deren herausragendste Eigenschaften zwischen Schlüsselbein und Bauchnabel angebracht sind).

     

    Professionelles Augenzwinkern

    Wenn es etwas gibt, das wir in einem Märchen nicht vermissen, dann ist das so etwas wie vielschichtige, psychologisch stimmige Charakterzeichnung. Wir müssen nicht wissen, welche frühkindlichen Traumata die böse Stiefschwester böse gemacht haben oder welche inneren Vorgänge den jüngsten von drei Brüdern dazu motivieren, auszuziehen um ein Held zu werden. Die Stiefschwester ist eben böse, und der Dummling will eben ein Held werden. Fertig.

     

    Auf diese Art sollte auch Superior gelesen werden, um richtig Spaß zu machen. Auch hier werden die Zustände der Figuren nur sehr oberflächlich erzählt – auch wenn hier und da versucht wird, so etwas wie einen psychologischen Hintergrund anzukratzen. Madeline Knox bekommt zwar pro Forma eine Entwicklung von einer scham- und skrupellosen Reporterin zum einfühlsamen Mutterersatz angedichtet, aber dafür wird eine Backstory aus dem Hut gezaubert, die man eigentlich auch nur als Augenzwinkern des Autors begreifen kann.

     

    Nein, es geht in Superior beileibe nicht um eine in irgendeiner Hinsicht glaubwürdige Story. Wo sich die Autoren ähnlicher Meta-Superheldenstories darum bemühen, durch vielschichte Psychogramme wie in Watchmen oder haarsträubende physikalische Theorien wie in Supergod dem Genre eine neue Facette abzugewinnen, konzentriert sich Millar hier auf den naiven Charme und den reinen Symbolcharakter von Superhelden-Comics und geht mit seinen Bestandteilen genau so um, als wären es Prinzen, Drachen und Feen.

     

    In diesem Rahmen kann durchaus auch Präsident Obama auftauchen und Superior innerhalb eines Tages den Krieg in Afghanistan beenden, ohne dass auch nur ein Schuss fällt. Wenn schließlich das Geheimnis des merkwürdigen Affen enthüllt wird und die Story eine ganz neue und auch ziemlich gemeine Wendung nimmt, dann kommt einem erst zu Bewusstsein, dass man sich schon die ganze Zeit über in einem Märchen befunden hat. 

     

    Insofern ist Superior auch effizient und schnörkellos erzählt. Auch wenn sich Millar an ein paar Stellen durchaus die Zeit nimmt, einzelne Sequenzen sehr filmisch auszuerzählen, hält er sich an keinem Nebenschauplatz zu lange auf. Die Tempo- und Richtungswechsel sind immer gut platziert, und Millar bringt die Geschichte in sieben Kapiteln (aufgeteilt in zwei Trade-Paperbacks) gut voran und zu einem stimmigen Ende.

     

    Mit Leinil Yu arbeitet der Autor auch hier wieder mit einem Zeichner zusammen, der überdurchschnittlich gute Arbeit liefert. Zwar ist sein Stil nicht so einprägsam wie der von John Romita Jr. oder Steve McNiven, doch Yu gelingt es, Superior leicht ironisch, aber respektvoll in Szene zu setzen und die altmodischen Superman-Posen modern wirken zu lassen. Die bombastischen Kampfszenen sehen gut aus, ohne in grafische Angeberei abzugleiten. 

     

    Das alles sorgt für kurzweilige Lektüre. Superior mag dem Genre keine neue Sichtweise abtrotzen und auch nicht so clever durchdacht sein wie die ähnlich gelagerten Supergod oder Supreme, aber es ist eine liebevolle Verneigung vor dem Genre, von zwei Könnern ihres Fachs professionell gestaltet – insgesamt also eine runde Sache.

     

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