Jetzt im Kino: Speckles - Abenteuer eines Dinosauriers
19.08.2012
In einem Land vor unserer Zeit
»Ich habe in einer wunderschönen taghellen Vollmondnacht das Licht der Welt erblickt.« Nein, habe ich natürlich nicht, sondern der Saurier-Held von Han Sang-hos koreanischem Kreidezeit-Kino. Wäre dem mit der wunderschönen taghellen Vollmondnacht doch so, kann ich mich wohl einfach nicht so gut daran erinnern, wie es kleine Tarbosaurier können. Sollte ich es doch jemals gekonnt haben, ist das Gedächtnisbild überlagert durch das des Hauptcharakters des dreidimensionalen Dino-Abenteuers, der in besagtem Szenario auf der Kinoleinwand schlüpft und erwähnten Satz sagt. Denn ich bin nur eine Kinokritikerin und »Speckles« eine Kinoadaption und als solche Koreas erfolgreichster Trickfilm aller Zeiten. Eine cineastische Zeitreise ins Mesozoikum mit LIDA BACH.
Letztes ist weniger ein Zeichen für innovativen Aufschwung in Koreas Animationsfilmszene als für die Kalkulierbarkeit aufwendiger Animationswerke als Erfolgsgarant. Dessen Lehrwert ist neben paläontologischer vor allem kommerzieller Natur. Die Großen fressen die Kleinen. Oder im Maßstab der unter anderem als Tier-Doku gelisteten jugendfreien Jurastudiums: Die Großen fressen die Größeren und die Größeren die Allergrößten. Bevor es derart pragmatisch wird, gibt es vom Kitschigen quasi auf Vorrat noch ein bisschen mehr: »Als hätte der Mond kleine Tupfen auf mein Gesicht gezeichnet, hatte ich schon damals kleine Flecken. Daher bekam ich den Namen Speckles.« Den Begrüßungssatz äußert nicht Speckles, sondern der Sprecher, der dessen unermüdliches Knurren mit ebenbürtiger Unermüdlichkeit dem avisierten Kinderpublikum übersetzt.
Dawn of the Dinosaurs
ie Mischung aus bemühter Spannung und Belehrung ist dabei noch enervierender als das Fauchen der Schreckensechsen, das einmal nach rostigem Türscharnier klingt, ein anderes mal nach wütendem Schwan. Furchterregend und hartnäckig wie ein solcher ist Speckles Nemesis Einauge. Der Tyrannosaurus Rex ist in Dinosaurier-Filmen von Gwangi über In einem Land vor unserer Zeit bis zu Jurassic Park (und sämtlichen Sauri, der kleine Dinosaurier-Kassetten) das, was in Kindermärchen der große böse Wolf war. Den interessanten Twist, dass Speckles selbst Raubsaurier ist und Einauge auch Konkurrent, verkehrt der Plot in dreiste Doppelmoral. Der Tyrannosaurus ist der Böse, wer gegen den Bösen ist, ist der Gute. Punkt. Charakterisierung? Überflüssig. Nach diesem Prinzip formt der ebenso deprimierend fantasielose 3D-Film das gesamte Figurenarsenal.
Reduziert auf Schauwerte bleibt Letzteres unergründet, genau wie das dramatische Potential der Überlebensgeschichte des Jungsauriers, der sich nach dem Tod der Mutter und älteren Geschwister allein behaupten muss - insbesondere gegen Einauge, der trotz der berufenen paläontologischen Wirklichkeitstreue, für ein Riesenreptil zu clever scheint. Gefährlich macht ihn nicht Kraft, in der ihm Speckles rasch gleichkommt, sondern Intelligenz. An ihr mangelt es dem Urzeit-Abenteuer, das komplizierte Namen mit minimalen Informationen paart. Sofern der Auftritt von Charonosaurus, Hypsilophodon, Pukyongosaurus oder Haenamichnus nicht reiner Selbstzweck ist. Mehr brauche es nicht, suggeriert Speckles artiges Beobachten. »Ich werde nie vergessen, wie ich zum ersten Mal ein Repynomamus gesehen habe.« – »Immerhin durfte ich zugucken. Und wenn ich ehrlich bin, war das aufregend genug.« – »Ich habe echt gestaunt, als ich das gesehen habe.« – »Überall gab es Spannendes zu entdecken und zu erleben.«
Schrecklich öde Schreckensechsen
Leider erinnert das in Gestalt der Saurier-Modelle visuell an die batteriebetriebenen Spielfiguren der »Dino-Riders«. Dort gab es auch einen Tyrannosaurus Rex, der dem Oberbösewicht gehörte, aber keinen Tarbosaurus. Laut Presseheft ist der als Riesenechse des Asiens in US-Produktionen nicht vertreten. Wenn nun im Plot ein amerikanischer Raubsaurier einen Asien-Raubsaurier aus dessen Revier verjagt, ihn an den Rand des Abgrunds treibt, jedoch selbst zu Fall kommt und untergehen muss, könnte dies die Allegorie eines wirtschaftlichen Darwinismus sein … Ich für meinen Teil überlege, eine Folge der damals immer verpassten Trickfilm-Serie Dino-Riders anzuschauen. Vielleicht ein ergiebigeres Dino-Rama als »Speckles«.
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