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Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinburg: Vom Karikaturisten zum Künstler. Lyonel Feiningers Radierungen und Lithografien

28.07.2012

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung Vom Karikaturisten zum Künstler. Lyonel Feiningers Radierungen und Lithografien in der Feininger-Galerie Quedlinburg (15. Juli bis 4. November 2012) zeigt die Suche des Künstlers nach der eigenen Bildsprache, der »wirklichen Wirklichkeit«.Von BETTINA VOGEL VON FROMMANNSHAUSEN

 

In der Entwicklung eines Künstlers gibt es vermutlich kaum etwas Spannenderes als Bruchstellen, die, so scheint es im Nachhinein, zwangläufige Weichenstellungen zu einer spezifischen künstlerischen Ausdrucksform darstellen. Eine solche lässt sich in Feiningers Entwicklung 1905 ausmachen. In diesem Jahr entschloss sich der Deutsch-Amerikaner, seine erfolgreiche Karikaturistenkarriere aufzugeben, um freier Künstler zu werden. Es folgte eine kunstturbulente Zeit des Aufbruchs. Genau diese Phase in Feiningers Werdegang wird in der Quedlinburger Ausstellung dokumentiert.

 

In vier Sälen werden fast alle bekannten Radierungen und Lithografien des Meisters präsentiert. Sie stammen zum größten Teil aus der Sammlung Dr. Hermann Klumpp, die in der Feininger-Galerie Quedlinburg aufbewahrt wird. Außerdem bereichern Leihgaben aus anderen Museen und Privatsammlungen die Schau.

 

Von Paris nach Heringsdorf

Fabelhafte Beispiele linienbetonter Spitzfedrigkeit eröffnen die Ausstellung. Karikaturen, Illustrationen und Comics zeigen Feiningers großartigen Blick fürs Wesentliche. Menschliche Figuren werden mit sparsamen Mitteln, aber in gestischer Übersteigerung zum karikaturhaften Charakterkonzentrat typisiert. Das schnelle Zeichnen, Grundlage für solch ein Wesenserfassen, lernte Feininger bei dem italienischen Bildhauer Filippo Colarossi in Paris. Dort trainierte er das »Fünfminutenaktzeichnen«. Dieses freie Skizzieren, die Natur-Notiz, die er auch für Landschaftsstudien nutzte, war die Grundlage seiner Kunst.

 

Die behände Lockerheit der Karikaturen und Natur-Notizen wollte Feininger natürlich auch in seiner Malerei umsetzen. Dies misslang jedoch zunächst – auch in Quedlinburg sind Gemälde dieser Versuche zu sehen. Im Vergleich zu den Karikaturen stellt sich Ernüchterung ein. Schließlich fand Feininger Gefallen ans den grafischen Techniken Radierung und Lithografie. Sie bilden in seiner Entwicklung die Brücke zwischen den freien Natur-Notizen und den gemalten Bildarchitekturen. Sowohl die Radierung als auch die Lithografie sind der Zeichnung sehr nah. Sie ermöglichen Linienspontaneität. Die meisten Radierungen und Lithografien Feiningers sind zwischen 1910 und 1912 entstanden.

 

In der Ausstellung werden Motive in ihrer Ausführung als Natur-Notiz, als Radierung oder Lithografie gegenübergestellt. Unerschöpfliche Motivgründe boten dem Künstler die Landschaften um Berlin, Weimar oder an der Ostsee. Bei einem Parisaufenthalt entdeckte er auch die Großstadtkulisse für sich. Sie wurde in seinen Arbeiten mit karikaturhaften Figuren gespickt. Ihre Skurrilität spiegelt sich in den Fassaden, Brücken und Türmen wider. Übersteigert in Größe und Gestalt werden die Motive von Blatt zu Blatt abstrakter. Die dargestellten Menschen unterliegen derselben künstlerischen Formung wie Häuser, Kirchen, Wolken, Schiffe, Brücken: Charaktere eines Balzac’schen Typenpanoramas entwickeln sich im Laufe der Zeit zu ironiewürzigen Figurenstaffagen, bis sie zuletzt, fast völlig abstrahiert, Teil der Landschaftskomposition sind.

 

Kubistischer Perspektivenrausch

Bei einem weiteren Parisaufenthalt 1911 lernte Feininger den Kubismus kennen. Er war fasziniert von der Perspektivzersplitterung des Raumes und nahm diese Anregung direkt in seine Arbeit auf. Sehr eindrücklich lässt sich in der Ausstellung nachvollziehen, wie die surreal überdehnten Ansichten von Großstadtszenen verschwinden. Stattdessen verwandelt der Perspektivverzicht die Natur-Notizen in kristallin-prismatische Formenbündel. Sie charakterisieren schließlich die Malerei Feiningers, aber auch seine Holzschnitte – von denen einige als Zugabe gezeigt werden. Mit der Technik des Holzschnitts befasste sich der spätere Bauhausmeister ab 1918. Sie führt vor Augen, wie sich Feininger zu dieser Zeit endgültig von seinen Anfängen als virtuoser Karikaturist gelöst hat und zu einer freien, völlig eigenen künstlerischen Wirklichkeitsdurchdringung fand.

 

Die dezente Ausstellungsgestaltung mit angenehmen Begleittextdosierungen bietet der Bildwirkung aller Radierungen und Lithografien viel Raum. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. In seinem Titel ist jedoch die inhaltliche These der Ausstellung »Vom Karikaturisten zum Künstler« verloren gegangen. Als Bestandskatalog liefert er ausführliche Angaben zu den technischen Informationen der in der Sammlung Dr. Hermann Klumpp vorhandenen Radierungen und Lithografien. Analyse- und Hintergrundsfutter zu dieser Schaffensphase Feiningers liefert ein konzentrierter Einführungsbeitrag.

 

In diesem Sommer lohnt sich für alle Kunstschwelger ein Besuch in Quedlinburg.

 

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