Von Paris nach Heringsdorf
Fabelhafte Beispiele linienbetonter Spitzfedrigkeit eröffnen die Ausstellung. Karikaturen, Illustrationen und Comics zeigen Feiningers großartigen Blick fürs Wesentliche. Menschliche Figuren werden mit sparsamen Mitteln, aber in gestischer Übersteigerung zum karikaturhaften Charakterkonzentrat typisiert. Das schnelle Zeichnen, Grundlage für solch ein Wesenserfassen, lernte Feininger bei dem italienischen Bildhauer Filippo Colarossi in Paris. Dort trainierte er das »Fünfminutenaktzeichnen«. Dieses freie Skizzieren, die Natur-Notiz, die er auch für Landschaftsstudien nutzte, war die Grundlage seiner Kunst.
Die behände Lockerheit der Karikaturen und Natur-Notizen wollte Feininger natürlich auch in seiner Malerei umsetzen. Dies misslang jedoch zunächst – auch in Quedlinburg sind Gemälde dieser Versuche zu sehen. Im Vergleich zu den Karikaturen stellt sich Ernüchterung ein. Schließlich fand Feininger Gefallen ans den grafischen Techniken Radierung und Lithografie. Sie bilden in seiner Entwicklung die Brücke zwischen den freien Natur-Notizen und den gemalten Bildarchitekturen. Sowohl die Radierung als auch die Lithografie sind der Zeichnung sehr nah. Sie ermöglichen Linienspontaneität. Die meisten Radierungen und Lithografien Feiningers sind zwischen 1910 und 1912 entstanden.
In der Ausstellung werden Motive in ihrer Ausführung als Natur-Notiz, als Radierung oder Lithografie gegenübergestellt. Unerschöpfliche Motivgründe boten dem Künstler die Landschaften um Berlin, Weimar oder an der Ostsee. Bei einem Parisaufenthalt entdeckte er auch die Großstadtkulisse für sich. Sie wurde in seinen Arbeiten mit karikaturhaften Figuren gespickt. Ihre Skurrilität spiegelt sich in den Fassaden, Brücken und Türmen wider. Übersteigert in Größe und Gestalt werden die Motive von Blatt zu Blatt abstrakter. Die dargestellten Menschen unterliegen derselben künstlerischen Formung wie Häuser, Kirchen, Wolken, Schiffe, Brücken: Charaktere eines Balzac’schen Typenpanoramas entwickeln sich im Laufe der Zeit zu ironiewürzigen Figurenstaffagen, bis sie zuletzt, fast völlig abstrahiert, Teil der Landschaftskomposition sind.