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Hannes Nüsseler: Das Seidenband

17.10.2012

Schatten der Vergangenheit

Irgendwo zwischen Historien- und Wirtschaftskrimi: Das Seidenband ist das überzeugende Comic-Debüt eines Basler Journalisten. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Hannes Nüsseler ist in seiner Schweizer Heimat kein unbeschriebenes Blatt – bei diversen Zeitungen und Radiosendungen hat er sich vor allem als Filmkritiker einen Namen gemacht. Nun der 39-jährige mit Das Seidenband ein spätes Comic-Debüt vorgelegt.

 

Nüsselers Werk ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seiner Heimatstadt Basel angesiedelt. In der Zeit also, in der Kaiser Napoleon Bonaparte eine Handelssperre über Großbritannien errichtete, weswegen auf dem europäischen Kontinent viele begehrte Handelsgüter nur noch schwer zu bekommen waren. Vor dieser Kulisse erzählt Nüsseler einen Historienkrimi, der durch eine im Basel der Gegenwart angelegten Rahmenhandlung eingeleitet wird. In dieser fällt einer Frau bei einem Umzug das Tagebuch des Großvaters ihres Partners in die Hände. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass jener Großvater im Jahr 1806 wider Willen als Agent der französischen Krone eingesetzt wurde.

 

Im Auftrag seiner Majestät

Die Nachforschungen des Großvaters, die dieser als vermeintlicher Buchprüfer bei dem Basler Handelsunternehmen Blanc Père et Fils & Cie unternimmt, bilden die Binnenhandlung des Comics. Der namenlose Held soll bei dieser Firma aufgrund des Verdachts von Schmuggeltätigkeiten und Unterschlagung von Einfuhrzöllen ermitteln. Bei seinen Recherchen kommt er allerdings noch einem weitaus größeren Verbrechen auf die Spur. Dieses steht in Zusammenhang mit der aufkommenden Industrialisierung und den skrupellosen Machenschaften im Namen des Finanzkapitalismus. Mehr soll dazu an dieser Stelle nicht verraten werden – bis auf die Worte des herrlich sinister inszenierten Firmenchefs Monsieur Blanc: »Jeder ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Wir folgen doch alle dem großen Kreislauf der Ökonomie. Dazu gehört auch der Eigennutz – und der Krieg.“

 

Es ist wohl kein Zufall, dass die Figur des Monsieur Blanc ein wenig an den Tintin-Bösewicht General Alcazar erinnert, der Held ähnlich konturlos wie Tim bleibt und auch der dramaturgische Aufbau von Das Seidenband nach dem klassischen Muster eines Hergé-Abenteuers gestrickt ist. Und obwohl man ihm definitiv eine individuelle Bildsprache zugestehen muss, kann man Nüsselers Schwarz-Weiß-Zeichnungen ebenfalls eine Nähe zur Ligne Clair bescheinigen. Die Gesichter der einzelnen Protagonisten sind auf stark vereinfachende Weise, mit wenigen Strichen realisiert, wohingegen bei der Darstellung der Hintergründe und Interieurs viel Wert auf Wirklichkeitstreue gelegt wurde.

 

Von den Großen gelernt

Manchmal schleichen sich in die weitestgehend einheitlich gestaltete Panelfolge des Bandes allerdings auch Bilder ein, die aufgrund ihrer holzschnittartigen Optik ein wenig expressiver als die anderen Zeichnungen erscheinen. Sie bilden aber keinen deutlichen oder gar störenden Kontrast, sondern dienen ebenso der dramaturgischen Untermalung wie der komplette Verzicht auf Hintergrundzeichnungen bei längeren Dialogen.

 

Insgesamt hätte es seinem Debüt wohl besser gestanden, wenn Nüsseler auf die Rahmenhandlung verzichtet hätte. Sie schlägt zum Finale des Comics zwar eine Brücke zur Gegenwart, aber sie stört eher, als dass sie nutzt. Stattdessen hätte Nüsseler seiner etwas gehetzt wirkenden Erzählung etwas mehr Raum, dem historischen Unterbau ein bisschen mehr Substanz und seinem Figureninventar ein wenig mehr Leben gestatten können. Aber sei´s drum: Das Seidenband ist zwar nicht gerade Der Name der Rose, aber durchaus ein ambitioniertes Erstlingswerk, das zu unterhalten weiß. Vor allem Crime-Leser werden den Comic zu schätzen wissen.

 

 



 

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