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    TITEL kulturmagazin
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    Marin Ludings neues Programm: Auf und davon

    01.07.2012

    Vom Reisestress

    Rein rechnerisch hat jeder Stuttgarter, ein paar Babys vielleicht ausgenommen, diesen Mann leibhaftig auf der Bühne des Theaterhauses gesehen. Weit über 600 Mal ist Martin Luding in die Rolle des Caveman geschlüpft, und er ist nur einer von zehn Cavemen, die in Deutschland die Häuser füllen. Ein Phänomen ist das schon. Worauf beruht dieser ungewöhnliche Erfolg? Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Offenbar auf der Ambivalenz, die es dem Publikum erlaubt, sich ertappt zu fühlen, über seine eigenen Vorurteile in Bezug auf geschlechtsspezifisches Verhalten zu lachen, und zugleich die in den Klischees verborgene Aggression zu teilen. „Caveman“ folgt der Einsicht des amerikanischen Krimi-Autors Ross Thomas, der in „Voodoo, Ltd.“ eine Figur sagen lässt: "Ich benütze Klischees, weil jeder sie versteht. Deshalb sind sie Klischees." Anders formuliert: wären sie nicht erfolgreich, wären sie nicht zu Klischees geworden und hätten sich als solche nicht halten können.

     

    Man muss schon so gut ankommen wie Martin Luding, um den Mut aufzubringen, zeitgleich mit dem EM-Spiel Italien gegen Deutschland die Premiere seiner neuen Ein-Mann-Show „Auf und davon“ zu riskieren. Aber die Fans trotzen der Fußballeuphorie und kommen auf den Pragsattel. Und Luding weiß, was er ihnen schuldig ist. Es beginnt mit einem Geschlechtervergleich – diesmal anlässlich einer bevorstehenden Urlaubsreise. Niemand dürfte daran zweifeln, wem der große und wem der kleine Koffer gehört. Aber das Thema der Reise schiebt sich in den Vordergrund. Wer bei einer Verladestation in Portugal genau hingesehen habe, meint Luding, verstehe den Doppelsinn des Satzes: „Man soll sein Gepäck aufgeben.“

     

    Zwischen den Erzählungen von Reisen mit der Familie oder allein, zwischen witzigen Alltagsbeobachtungen aus Bahn und Flugzeug, begibt sich Martin Luding in die Vergangenheit, in die Zeit der Völkerwanderung. Was in „Caveman“ die Neandertaler, sind in „Auf und davon“ die Germanen.

     

    Nun wäre der „Caveman“ nicht schon bald zehn Jahre Stammgast im Theaterhaus, wäre der Text des Amerikaners Rob Becker nicht wirklich routiniert und mit Pointen gespickt. Daran reicht „Auf und davon“ nicht heran. Aber Martin Luding ist halt auch ein hochbegabter Schauspieler. Wenn er die Werbung im Fernsehen parodiert oder die Teutonen mit dem Ochsenkarren von Dänemark nach Italien reisen lässt, unterwegs geplagt von einem ganz und gar anachronistischen sächsischen Grenzbeamten, dann zeichnet er sich gegenüber geringeren Talenten dadurch aus, wie er andeutet, statt zu forcieren, wie er auf kokette Manierismen im Sprechen ebenso verzichtet wie auf Zoten im Text. Seine pantomimische Darstellung eines „Römers“, der mit einer Vespa lautstark heranfährt und spektakulär von ihr absteigt, ist ein Kabinettstück. Der rasche Rollenwechsel gehört, wie schon in „Caveman“, zu den Reizen dieses Soloabends.

     

    Ganz am Schluss wird Martin Luding fast ernst. Er erinnert daran, dass wir den Griechen die Kultur, den Ägyptern die Mathematik, den Franzosen den Humanismus, den Engländern unsere Gesetze und den Türken den Kaffee zu verdanken haben. Und sie alle wollen nichts anderes, als irgendwo an der Sonne sitzen und sich ausruhen. Eine Dreiviertelstunde später stand das 2:1 der Römer gegen die Germanen fest.

     

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