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Samstag, 25. Mai 2013 | 06:07

Chernobyl Diaries

21.06.2012

Radioactive Nightmares

»Habt ihr schon mal von Tschernobyl gehört?«, fragt Paul (Jonathan Sadowski) seinen Bruder Chris (Jesse McCartney), der ihn mit seiner Verlobten Natalie (Olivia Taylor Dudley) und deren Freundin Amanda (Devine Kelley) in der Ukraine besucht. »Ist das nicht, wo das Nuklearunglück passiert ist?« Ja, ist es und dorthin lockt es die Protagonisten von Brad Parkers rekursivem Realhorror. Die Namen der Touristengruppe, die Michael (Nathan Phillips) und dessen Freundin Zoe (Ingrid Bolsö Berdal) vervollständigen, sind Randnoten in einem Horrormanual, über dem der Name Tschernobyl steht. Von LIDA BACH

 

In seiner englischen Schreibweise ist der vorbelastete Begriff, der zum Synonym für die radioaktive Katastrophe wurde, Teil des Titels von Parkers angstkaltem Kinodebüt. Erdacht hat ihn Co-Autor und Mitproduzent Oren Peli, der in der Kinoserie Paranormal Ativity und zuletzt Insidious sein

Gespür für originelle Horrorszenarien bewies. Der fruchtbare Boden, auf den seine Ideen fallen, ist in seiner evokativen Exkursion an einen historischen Schreckensort der Pripyats. Die ukrainische Arbeiterstadt war einst ein Vorzeigeort des Sowjetstaats, dessen modernistischer Chic in den in einer bewachten Sperrzone verfallenden Ruinen haust. Zusammen mit etwas anderem, grausiger als die mutierten Fische im Abwasserfluss und gefährlicher als die um die Plattenbauten streunenden Hunde. »Normalerweise kommen sie nicht in die Stadt«, erklärt Uri (Dimitri Diatchenko), bei dem Paul eine Ortsführung der anderen Art gebucht hat.

 

Kern(kraftwerk) des Bösen

Die Hauptattraktion der Sightseeingtour thront am Stadtrand gleich einem industriellen Substitut

adligen oder klerikalen Bauprunks: der Atomreaktor, in dem es am 26. April 1988 zum GAU kam. Ein Vierteljahrhundert später hat die Natur laut Uri in dem Gebiet, das die Gruppe mit einem Armeebus besucht, ihr Recht eingefordert. Die Umschreibung ist auch ohne den blutigen Twist, den sie im Kontext der Handlung gewinnt, von morbidem Zynismus. Die Natur des Geisterorts, den mit gespenstischer Glaubhaftigkeit verfallende Trabantenstädte in Belgrad und um Budapest doublen, ist ein von Radioaktivität verseuchtes Monstrum mit dem vielköpfigen Antlitz missgebildeter Tiere und dem Pesthauch atomarer Strahlung. Sie hindert Michael daran, Relikte der Evakuierung als Andenken mitzunehmen – und wird dabei zum aufgezwungenen Souvenir der Reisenden. Einem, dass sie schwerer abschütteln können als das Unbehagen unter den blinden Augen der Fenster.

 

Der durch das Herumalbern Amandas, Pauls und ihrer Freunde sinnbildlich verhöhnte Gefahr geben die Chernobyl Diaries eine plastische Gestalt, die so vorhersehbar ist wie der Schrecken am Ende all der Horrorfilmstraßen, auf denen stereotype Figuren in dunkle Hinterwälder fahren. Die drückende Atmosphäre, die bleiern wie der Schutzmantel des Reaktors über dem Szenario liegt, bekommt gleich ihm mehr und mehr Risse. Sie klaffen desto weiter, je tiefer das teils improvisierte Script sich in altbekannte Genre-Konventionen verirrt. Der erste Schreckmoment ist nur Spaß, der zweite noch verhältnismäßig harmlos. Damit ist Schluss, als der Van nicht anspringt und das Funkgerät versagt. Dass der Motorschaden keine gewöhnliche Panne ist, wissen die Protagonisten, die mit der Dunkelheit Angst umschließt. Nach Handlungsschema F steigt der, der es am Besten besser wissen sollte, aus und wandert in die Finsternis; und weil er »Opfer« in kyrillischen Druckbuchstaben auf die Stirn geschrieben hat, läuft ihm einer hinterher, der nur zurückkommt, damit seine Verwundung die anderen ausbremst.

 

Wer verschwindet, dessen Blutspur folgt man bis zur zerfleischten Leiche. Wohl wahr: »Es sind noch andere Dinge dort draußen.« Sie können nur Täter sein, weil sie einst Opfer wurden und es noch sind: von technologischer Hybris, Politsystem und nicht zuletzt der Korrelation von Elends- und Katastrophentourismus und ökonomischem Pragmatismus. Solche moralischen Grauzonen indes meidet die morbide Spielerei, deren adäquate Metapher die Kulisse eines ausgestorbenen Rummelplatzes ist. »Es gibt andere Wege nach Pripyat«, heißt es einmal. Chernobyl Diaries hat den simpelsten gewählt.

 

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