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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 23:42

    Volker Lösch inszeniert "Die Gerechten/Occupy" am Schauspiel Stuttgart

    17.06.2012

    Volker Lösch okkupiert das Theater und verbannt "Die Gerechten"

    Eigentlich wollte Volker Lösch zu diesem Termin Upton Sinclairs „Öl!“ von 1927 für die Bühne adaptieren, einen der bedeutendsten politischen Romane des 20. Jahrhunderts, der zusammen mit „Der Dschungel“ den internationalen Ruhm des seinerzeit sehr einflussreichen Amerikaners begründete. Dann hat er es sich anders überlegt und sich für „Die Gerechten“ von Albert Camus entschieden. Aber es kommt nicht darauf an. Egal, was die Ankündigung verheißt: es wird immer ein Volker Lösch daraus. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Und um zu signalisieren, dass den Regisseur eigentlich Anderes interessiert, steht auf dem Transparent des Theaters und auf dem Umschlag des Programmhefts neben dem Titel des Dramas jenes Zauberwort, das einer Bewegung den Namen gab und zugleich eine Aufforderung ausspricht: „Occupy“. Auf Camus wollte sich Lösch nicht wirklich einlassen. Das ist schade. Denn die 1949 uraufgeführten „Gerechten“ gehören neben Brechts „Maßnahme“ zu den intelligentesten Diskussionsstücken über die Problematik der revolutionären Gewalt.

     

    Es geht um die Berechtigung des Tyrannenmords und um die Frage, welche Opfer in Kauf genommen werden dürfen, wenn durch sie größere Opfer verhindert werden können. Das Stück spielt 1905 in Russland. Mit den „Gerechten“ sind Terroristen der sozialrevolutionären Partei gemeint. Sie planen ein Attentat auf den Großfürsten. Janek schafft es nicht, die Bombe wie geplant in die Kalesche des Großfürsten zu werfen, als er darin zwei Kinder sieht.

     

    In der Gruppe beginnt eine Debatte. Darf man auch Kinder töten? Soll man der Menschheit eine Revolution aufzwingen, wenn das Volk sie ablehnt? Der Fanatiker Stepan besteht darauf: „Nichts ist verboten, was unserer Sache dienen kann.“ Seine Mitleidlosigkeit hat freilich Argumente: „Weil Janek diese beiden nicht getötet hat, werden noch jahrelang Tausende russischer Kinder Hungers sterben. Habt ihr schon Kinder verhungern sehen?“ Janeks Gegenstandpunkt lautet: „Ich habe eingewilligt, zu töten, um die Gewaltherrschaft zu stürzen. Aber hinter deinen Worten sehe ich eine Gewaltherrschaft aufsteigen, die, wenn sie morgen die Macht ergreift, einen Mörder aus mir macht, während ich versuche, ein Rechtsvollstrecker zu sein.“

     

    Hier ist ein echter Konflikt formuliert. Das ist der Stoff, aus dem politisches Theater geformt ist, das mehr will, als nur Bekanntes paraphrasieren, mehr als einen Appell, dem man zustimmen oder den man ablehnen kann.

     

    Camus bietet keine eindeutige Antwort auf den Konflikt an. Aber er denunziert die Terroristen nicht. Nicht der Kampf gegen die Tyrannei wird in Frage gestellt, nicht die Berechtigung von Gewalt, wo Gewalt herrscht. Beklagt wird lediglich der Preis, der für die angestrebte bessere Gesellschaft zu bezahlen ist. Beklagt werden die Umstände, die der Liebe – im christlichen wie im erotischen Sinn – keinen Raum lassen.

    Volker Lösch jedoch setzt die Revolutionäre durch ihr permanentes fanatisches Brüllen unbesehen ins Unrecht. Die Einzige, die bei ihm ruhig, menschlich sprechen darf, ist die Großfürstin, die Janek im Gefängnis besucht.

     

    Das bleibt übrig, wenn man einen Text nicht nur bis zur Unverständlichkeit kürzt, sondern ihn auch nicht wirklich ernst nimmt. Denn Lösch reicht das Beispiel der russischen Anarchisten nicht. Er will zwischendurch von den Theaterbesuchern wissen, warum sie zu den 99 Prozent der Menschen gehören, die nicht über Finanzmittel und politischen Einfluss verfügen, oder was man gegen den Export von Waffen tun könne. Danach hätte er in der Tat auch unter dem Titel von Upton Sinclairs Roman fragen können oder unter jedem anderen Titel. Es kommt nicht darauf an, der literarische Köder ist lediglich Vorwand.

     

    Volker Lösch scheint sich allen Ernstes zu erhoffen, dass vom Theater unmittelbar Initiativen ausgehen, dass die Schauspieler „von hier aus eine politische Aktion starten“ könnten. Das ist ungefähr so erfolgversprechend, als wollte man bei einer Initiative von Occupy die Schönheit der Künste propagieren. Lösch will nicht begreifen, dass im Kontext des Theaters auch die bedenkenswerteste Aussage zu Theater wird. Zugleich unterschlägt er die Auseinandersetzungen, die politisches Theater im allgemeinen und das Stück von Camus im besonderen erst interessant machen. Diese Auseinandersetzungen hat der Regisseur dem naiven Verständnis eines scheinbar demokratischen Mitmachtheaters geopfert. Es ist naiv in seiner theatralischen Dürftigkeit, und es ist politisch naiv, weil es sich auf Slogans beschränkt, die nur zu den Bekehrten predigen und jene außen vor lassen, die es zu überzeugen gälte.

     

    Bereits vor der Premiere wurden auf Zetteln und im Internet fünf Sätze formuliert, die das Publikum ergänzen sollte. Einige im Zuschauerraum verteilte Mitmachwillige hatten ihre Vorschläge vorbereitet und leierten sie nun – bestellt oder bloß eifrig? – herunter wie Schüler Schillers auswendig gelernte „Glocke“. Von Spontaneität keine Spur. Theater statt Leben. Es kann an diesem Ort gar nicht anders sein.

    Volker Lösch lässt Statistiken vortragen, wie er es schon in früheren Inszenierungen tat, wie er es im Zusammenhang mit „Öl!“ genau so hätte machen können, wie es das politische Kabarett des Bügelbretts von Hannelore Kaub oder des Floh de Cologne einst sehr viel konzentrierter und pointierter tat.

     

    Mit Demokratie hat das alles ebenso wenig zu tun wie mit intelligentem, weil zur Reflexion anregendem politischem Theater. Volker Lösch macht aus dem Theater eine Mischung aus Gottesdienst und Massenversammlung. Demokratie als Nachplappern – welch ein Missverständnis! „Ich gehöre zu den 99 Prozent“ wird hier rituell wiederholt wie anderswo „Heilige Mutter Gottes bitte für uns“. Die Wirkungsabsicht ist eine ähnliche: Es soll eine Gemeinschaft hergestellt werden, die im Theater freilich noch illusionärer ist als in der Kirche. Auf der Bühne fällt der Satz: „Ich mache alles, was jemand von mir verlangt.“ Teile des Publikums scheinen ihn befolgen zu wollen. Demokratie?

     

    „Die Gerechten“ lässt Lösch vor dem eisernen Vorhang spielen – nein, nicht spielen, sondern brüllen. „Occupy“ trägt er zwischendurch, bei Saallicht, in den Zuschauerraum. Dabei propagiert er für die Kommunikation Handzeichen, die Occupy für öffentliche Zusammenkünfte eingeführt hat und die hier dem Emoticon in der E-Mail entsprechen. Man spreizt die Finger, fuchtelt in der Luft. Notizblöcke, Kugelschreiber und Bierflaschen werden verteilt, fehlt nur noch der Ententanz zwischen den Stuhlreihen.

    Occupy und die russischen Terroristen verbindet die Aktivität gegen ungerechte Zustände. Das war's dann schon. Darüber hinaus hat die antikapitalistische Protestbewegung mit Camus' Drama so viel zu tun wie der Parteitag der „Linken“ mit „Dantons Tod“.

     

    Die Frage der Gewalt gegen Personen spielt bei Occupy keine Rolle. In den „Gerechten“ geht es um politischen Mord, bei Occupy um mehr oder weniger spaßige Aktionen. Das Attentat richtet sich gegen einen Großfürsten in einem absolutistischen Staat, Occupy attackiert gewählte Politiker und Einrichtungen einer Gesellschaft, die bei aller Kritikwürdigkeit mit dem Russland von 1905 wenig gemeinsam hat. Die „Gerechten“ sind Sozialrevolutionäre, die bald danach von den Bolschewiki verjagt und ermordet wurden wie die Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg von Kommunisten. Occupy ist eine legale und selbst von der bürgerlichen Presse freundlich kommentierte Protestbewegung. „Die Gerechten“ spielen inmitten einer revolutionären Situation – 1905 hat in Russland bekanntlich tatsächlich eine Revolution stattgefunden –, für Occupy existiert solch eine Situation, jedenfalls in den USA und in Deutschland, nicht.

     

    Im Programmheft ist ein Text des Occupy-Vordenkers David Graeber abgedruckt, der auf das Konsens- anstelle des Mehrheitsprinzips dringt. Konsens kann freilich, wenn überhaupt, nur auf der Basis von Freiwilligkeit erzielt werden. Im Theater wird den Zuschauern eine Diskussion aufgenötigt, die sie hier zu führen nicht die Absicht hatten. Und wiederum besteht ein krasser Gegensatz zu den „Gerechten“. Denn Konsens kann nur angestrebt werden, wenn man antagonistische Widersprüche, unvereinbare Interessen leugnet. Wie soll ein Konsens zustande kommen zwischen Attentätern und ihrem Opfer? Wenn man aber durchaus den Konsens will, dann darf man nicht nur die 99 Prozent, dann muss man auch das verbliebene 1 Prozent, die „Rebellen“ im Zuschauerraum, einbeziehen, darf sie nicht überstimmen. Auf die Dame, die den Wunsch äußert, wieder Camus zu sehen, gehen die Schauspieler gar nicht erst ein.

     

    Wenn Lösch es darauf angelegt hat, jene, die nicht – mit auswendig gelernten Texten oder intuitiv – ohnedies schon seiner Meinung waren, gegen die Ideen von Occupy aufzubringen, dann hat er sein Ziel erreicht. Das ist umso bedauerlicher für jene, die mit Occupy sympathisieren und zusehen müssen, wie das Theater die Bewegung durch läppische Mätzchen diskreditiert. Darüber können auch der jubelnde Premierenapplaus für die Schauspieler und die lautstarken Buhs für die Regie nicht hinwegtäuschen.

     

    Ein Treppenwitz, der alles überbietet, ist die Abstimmung über die Alternative „Umsturz oder Reformen“. Per Abstimmung, noch dazu wenn sie Konsens herstellen, also bei nur einer Gegenstimme ungültig sein soll, kommen Revolutionen nicht zustande. „Die Gerechten“ handeln von einer Aktion, die, per öffentlicher Abstimmung statt konspirativ beschlossen, die zaristischen Spitzel nur amüsiert hätte.

     

    Subversive Aktionen von Künstlergruppen gibt es seit langem. Die Aktionen des russischen Kollektivs Vojna werden in einem Filmausschnitt vorgeführt, amerikanische Straßentheatergruppen wie das Bread and Puppet Theater haben derlei vor einem halben Jahrhundert populär gemacht, Helmut Qualtinger hat es sogar im Alleingang geschafft. All diese Aktionen hatten aber gemeinsam, dass sie nicht so taten, als wäre die symbolische Repräsentation schon die Sache selbst. Volker Lösch konkurriert nicht mit dem von ihm verachteten unpolitischen Theater, sondern mit einem Vortrag von Sahra Wagenknecht, und der ist, mit Verlaub, wahrscheinlich anregender als dieser Theaterabend.

     

    Volker Lösch hat einmal mehr den Beweis erbracht, dass sich Literaturproduktion nicht demokratisieren lässt. Es ist bezeichnend, dass konzentriertes Schweigen eintrat, sobald in der Veranstaltung zum Text von Camus zurückgekehrt wurde. Es ist schlicht unwahr, dass dieser Text allein in den Köpfen nichts auslöst, und eine Infamie, wenn man jenen, die im Theater nicht mitmachen wie Kinder im Kasperletheater, unterstellt, sie sehnten sich nach anspruchsloser Unterhaltung, wollten nur „so romantisch glotzen“. Man kann, wenn man denn will, die Literatur aus dem Theater verbannen. Nur sollte man dann auf den Namen Camus verzichten und das Theater Bürgerhaus nennen. Damit könnte man sich die Fertigstellung der Sanierung sparen. Jene Banausen, die ohnedies mit Sparen mehr im Sinn haben als mit Kultur, wird es freuen.

     

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