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Mittwoch, 22. Mai 2013 | 20:49

SUMO

01.06.2012

Big Nudes in Small

Dollars. Grüne Scheine auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie, hingeblättert von einer Hand, so dick, wie es die dazugehörige Brieftasche sein müsste. Die Banknoten sind Hunderter, doch nicht genug, sich selbst auszulösen – das Buch zu kaufen, in dem ihr Porträt erscheint. Der Bildband, zu dem die auf einer der fast 500 Seiten gedruckte Ablichtung selbstironische Ouvertüre scheint, ist SUMO. Von LIDA BACH

 

Der Titel spricht Bände, die über das rund einen halben Meter hohe Ungetüm verfasst werden könnten. Der Inhalt ist noch gewichtiger als die 35 Kilo, die der fotografisch-biografische Schatz wiegt. Die gebundene Hülle ist nicht nur formal erdrückend, sondern finanziell. Dass einer der teuersten und gefragtesten Fotografen seiner Zeit mit einer ebensolchen Bildmonografie gewürdigt wird, wirkt ungeachtet alles Bombastischen auf skurrile Weise rührend. 100 der 100-Dollar-Noten braucht es für eine Erstausgabe von Helmut Newtons in einem Anfall genialen Größenwahns von Benedikt Taschen herausgegebenen Fotobands.

 

»Der Begriff >politische Korrektheit< hat mich immer abgestoßen, weil er mich an Orwells Gedankenpolizei und den Faschismus erinnert.« (Helmut Newton

Damals, vor 13 Jahren, als der 1920 in Berlin geborene Fotograf seinen Werk- und Lebensprogress in einer erschlagenden Sonderedition präsentierte. Heute ist Helmut Newton seit fast einer Dekade tot und der publizistische Meilenstein ein Vielfaches des ursprünglichen Kaufpreises wert. In Retrospektive scheinen die 10.000 Dollar für eines der auf die gleiche Stückzahl limitierten Exemplare fast angemessen. Ambivalente Gefühle gegenüber SUMO hat dessen Einfügung in einen kunsthistorischen Kontext geebnet: Das teuerste Buch des 20. Jahrhunderts war kurz nach der Publikation von Sammlern vergriffen, sogar das New Yorker MOMA sicherte sich ein Exemplar.

 

SUMO ist schwer zu fassen, sinnbildlich und praktisch, trotz des auf fünf Kilo reduzierten Gewichts der von June Newton revidierten Neuauflage. Im ranken Format von einem halben Meter ist die erschwingliche Fassung genauso prall von Fotos, über die Newton im Vorwort sagt, er mache sie am liebsten »von denen, die ich liebe, denen, die ich bewundere und denen, die ich hasse.« Ihre Gesichter gehören Kinogöttinnen wie Liz Taylor, Ava Gardner und Isabella Rossellini, deren männlichen Pendants Clint Eastwood und Dennis Hopper, Meisterregisseuren wie Billy Wilder und John Huston, Kunstexzentrikern wie Dalí oder Andy Warhol, Musikgrößen wie Serge Gainsbourgh und Marianne Faithfull und Modeidolen wie Verushka und Twiggy.

 

»I´m a spy in the house of love I know the dream that You´re dreaming of« (The Doors)

Kultfiguren, Stilikonen, Projektionsflächen. Nicht alle sind sie menschlich. Auftraggebende Modelabels wie Bulgari und Yves Saint Laurent und Fashion-Magazine begeben sich mit in den Fokus. Fremder Ruhm scheint ein kreatives Aphrodisiakum, das Newtons Kamera zeitlebens anregt. Die Bilder duplizieren ihn nicht, sie konservieren ihn, sodass er aus der Distanz relativiert werden kann. Ikonografie und Ikonoklasmus vereinen sich in den intriganten Szenen. Einiger der Modelle ähneln Puppen, andere sind es. Niemals aber verlieren sie entgegen, pseudo-feministischer Polemik, ihre Macht über den Betrachter und die selbstreflexive Perspektive. Wie jene hingestreckte Olympia des 20. Jahrhunderts, die auf »Bergstrom over Paris« ihrem Spiegelbild und der Metropole ins Gesicht blickt.

 

Das Sexuelle mag der bekannteste Aspekt von Newtons Fotoserien sein; gemeinsamer Nenner indes ist die erotisierte Provokation. In diesem Sinne ist der äußerlich, aber nicht inhaltlich geschmälerte Band die bibliografische Quintessenz des Triangel Voyeurismus - Fetischismus – Materialismus. Am ehesten begreifbar ist SUMO als katalogisierte Konzeptkunst. Ein Happening auf Hochglanzpapier, dem der mitgelieferte Buchständer die Aura antiker Schrifttafeln verleiht. Auf den Kunststoff-Präsentierteller entworfen von Philippe Starck müssen die Käufer der stattlichen Miniaturausgaben verzichten. Dafür birgt sie eine sinnliche Facette, die dem Original fehlt: die einer Bettlektüre.

 

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