In seinem dritten Auftragsstück für das Frankfurter Schauspiel hantiert Nis-Momme Stockmann, eine ernstliche Begabung unter den jungen deutschen Dramatikern, mit Realitätselementen, aber auch vielen Anspielungen auf die jüngere Theatertradition. Das geheime Zentrum des Stückes – es heißt ja Der Freund krank – ist jener malade Mirko, der allgegenwärtig ist, aber als Person niemals auftritt – gleichsam ein verbilligter Wiedergänger des Beckett’schen Godot. Als poetisch-erratische Episodenfigur und Running Gag agiert die monumentale Charge Trullmann wie ein Dorfdepp aus einem naturalistischen Drama von Gerhart Hauptmann oder ein trübseliger Narr aus einem der todtraurigen Volksschwänke von Ödön von Horváth. Das dreidimensional-monoperspektivische ICH destilliert die bearbeitende Regiefassung von Martin Schulze aus überbordenden Textmengen des Autors.
Die Uraufführungsfassung (im Kammerspiel des Frankfurter Schauspiels) war mit anderthalb Stunden ohne Pause übersichtlich proportioniert, hatte aber immer noch lähmende Strecken des Auf-der-Stelle-Tretens und allzu krud routinierte modische Effekt-Stereotypen: halbwegs unmotivierte Schrei- und Wut-Episoden, periodische Anfälle von vermeintlich bühnenwirksamer Zerstörungslust, ausgelassen an zerschmetternswerten kalkigen Fertigbausteinen oder ihrer Auftürmung widerstrebenden leeren Pappkartons.
ICH, der aktuelle Heimkehrer und sich nicht Zurechtfindende, ist immer ein anderer und noch ein anderer, also eine Drei(un)einigkeit, verkörpert von drei Schauspielern (Marek Harloff, Nico Holonics, Christian Bo Salle). Eine mitunter elektrisierende, amüsante Trinität, die in slapstickhafter Körpersprachlichkeit dann ihre besten Momente entfaltet, wenn sie witzig sein darf. Leider gibt es aber auch weiträumige Jammer-, Betroffenheits- und Befindlichkeitsräsonnements. Überdies haben die Darsteller nicht die sprachliche Disziplin, den oft luziden, gedankenreich flinken Text wirklich adäquat zu transportieren – im Schreien scheinen sie weitaus geübter und sogar im Tanzen (ein halbbravouröser Pas de deux persifliert den »Sterbenden Schwan« in akustischer Wimmerfassung; Dirk Raulfs Musikanteil mutete überlegt eingesetzt an).
Daniel Roskamps Bühne gibt dem Aggressionspotential der ICH-Schauspieler einige Gelegenheit, gewährt mit transparenten Vorhängen aber auch poetisierende Erinnerungsbilder (teils als Schattenspiele), die zu den Fin-de-partie-Variationen der primären Inhaltsebene reizvoll kontrastieren. Schönste und dankbarste Rolle ist natürlich der bemützte Lokalgeist Trullmann, sozusagen der diensthabende Troll der Zivilisationswüstenregion an der B1, mit seinen unerschöpflichen Modifikationen der einzig ihm zu Gebote stehenden Vokabeln »ja« und »wo(h)ll«. Da konnte sich Peter Schröder als stillvergnügter Virtuose des Abends ausagieren.
Als einzige weibliche Figur hatte Henrike Johanna Jörisson (Nora) den dezidierten Mut zu Hässlichkeit und unverbrüchlicher Schlechtgelauntheit. Eindrucksvoll ihre regielich liebevoll gepflegte Profilansicht mit steilgewölbtem Kugelbauch. Dieser ward gegen Ende noch dicker mit eingelegtem Luftballon. Der hatte dann auch noch unfallmäßig lautstark zu zerplatzen. Stockmanns Endspiel bedurfte ja eines knackigen Endes. ICH quittierte mit der Schlusspointe: »Vielleicht war es doch nur ein Tumor.« Im Raster von Stockmanns munter-trostloser Dramaturgie des beschädigten Lebens war diese Sentenz freilich nicht mehr zu toppen. Freundlicher Uraufführungsbeifall.
Foto: Schauspiel Frankfurt