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Mittwoch, 19. Juni 2013 | 11:32

Die singende Stadt. Calixto Bieitos Parsifal entsteht

19.04.2012

Oper als Arbeit

Wer ein Theater oder eine Oper besucht, sieht auf der Bühne ein abgeschlossenes Kunstwerk. Nicht zu erahnen ist, wie viel Stunden Arbeit von unzähligen Menschen, von denen sich nur ein kleiner Teil nach der Vorstellung verneigt, zu diesem Ergebnis geführt haben. Unter diesem Gesichtspunkt ist es zu verstehen, wenn die Beteiligten verärgert auf jede negative Kritik reagieren. Sie ist ja auch eine Missachtung der Anstrengungen, die sie investiert haben. In keinem anderen Beruf ist man so sehr der öffentlichen Beurteilung ausgesetzt. Die Kritik kann darauf keine Rücksicht nehmen. Sie hat in der Tat das Resultat zu bewerten, nicht den Weg dorthin. Aber nachvollziehen kann man die Frustration derer, die ihn gegangen sind, schon. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Der Film von Vadim Jendreyko zeigt nun ausführlich, was vor der Premiere von Parsifal an der Stuttgarter Oper hinter den Kulissen stattgefunden hat. Das ist aufschlussreich und fesselnd zugleich – nicht nur, weil Calixto Bieito zu den interessanten und originellsten, aber auch umstrittensten Regisseuren unserer Tage zählt. Die Kamera beobachtet. Auf Interviews wird verzichtet. Stellenweise geht dieses Verfahren auf Kosten des Tons, der Verständlichkeit. Schließlich durften die Filmemacher den Produktionsprozess nicht zu sehr stören. Man sieht, was es bedeutet, eine Oper in einer Sprache zu singen, die man nicht beherrscht. Dem Darsteller des Amfortas, dem amerikanischen Bariton Gregg Baker fällt es schwer, die Wortfolge »lasst ihn unenthüllt« korrekt und verständlich auszusprechen. Andrew Richards – auch der Tenor, der den Parsifal singt, ist Amerikaner – werden gar Sätze wie diese zugemutet: »Auch deine Träne ward zum Segenstaue: Du weinest – sieh! Es lacht die Aue«. Das sind Zungenbrecher selbst für Deutsche.

 

Man erlebt den Schrecken der Kostümbildnerin, wenn ihr mitgeteilt wird, dass die verbliebenen zwei Monate nicht ausreichen, um Kostüme zu nähen, und sie sich darauf beschränken muss, sie zu kaufen oder aus dem Fundus zu rekrutieren. Man ist dabei, wenn ein Teil des Chors dagegen aufbegehrt, nackt aufzutreten, und Bieito seine ohnedies äußerst unkonventionelle Konzeption ändern muss. Und wie arbeiten eigentlich Regisseur und Dirigent zusammen? Der Film dokumentiert, dass der Regisseur durchaus Vorstellungen von der musikalischen Interpretation hat und sie auch formuliert.

 

Es gibt zahlreiche Filme über die Probenarbeit von Dirigenten, auch einige von Theaterproben. Aber diese Dokumentation aus dem Stuttgarter Opernhaus sollte sich niemand entgehen lassen, der mehr über die Arbeit wissen will, die stattfindet, ehe ein Opernabend das Licht der Welt erblickt. Vielleicht wird er das nächste Mal zögern, den Applaus mit einem Buh zu stören.

 

Fotos: RealFiction

 

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