La Passion de Jeanne d'Arc ist zugleich maßstabbildend und einmalig. Ihre Besonderheit liegt darin, dass sie zu großen Teilen mit Großaufnahmen arbeitet. Das hat in dieser Radikalität kein Regisseur mehr gewagt. Zugleich aber demonstriert Dreyers Film die ungeheuren Möglichkeiten dieses Mittels, das nach Ansicht des bedeutenden Theoretikers Béla Balázs das Wesen des (Stumm-)Films ausmacht, ihn jedenfalls von allen anderen Künsten unterscheidet. In Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films von 1924, also fünf Jahre vor der Durchsetzung des Tonfilms, schreibt Béla Balázs: »Die Großaufnahme ist die technische Bedingung der Kunst des Mienenspiels und mithin der höheren Filmkunst überhaupt. So nahe muss uns ein Gesicht gerückt sein, so isoliert von aller Umgebung, welche uns ablenken könnte (auch eine technische Unmöglichkeit auf der Bühne), so lange müssen wir bei seinem Anblick verweilen dürfen, um darin wirklich lesen zu können. […] Auf dem Theater ist selbst das bedeutendste Gesicht immer nur als ein Element im Ganzen des Dramas enthalten. Auf dem Film aber, wenn sich in der Großaufnahme ein Gesicht auf die ganze Bildfläche ausbreitet, wird für Minuten das Gesicht ›das Ganze‹, in dem das Drama enthalten ist.« Die Großaufnahmen seien Beobachtungen, in denen eine »Zärtlichkeit« sei, die Balázs »Naturalismus der Liebe« nennt. »So strahlen sie eine Wärme aus, eine mittelbare Lyrik, deren besondere künstlerische Bedeutung darin liegt, dass sie rührend ist, ohne sentimental zu werden.« Im Gesicht zu lesen: nirgends lernt man das so eindrucksvoll und so nachhaltig wie in La Passion de Jeanne d'Arc.
Dreyer interessiert ausschließlich der Prozess und die Hinrichtung der Jeanne d’Arc, ihre Passion eben, jener Ausschnitt aus ihrer Geschichte, den George Bernard Shaw in der sechsten Szene seiner Heiligen Johanna gestaltet hat. Der Glaube, in der Gnade Gottes zu stehen, ist Dreyers Jeanne d’Arc, die gleich zu Beginn mit Fußfesseln den Ort des Prozesses betritt, ins Gesicht geschrieben wie ihr Leiden und kontrastiert mit dem Hohn und der Bösartigkeit in den Gesichtern ihrer Ankläger und Richter. Sie bejaht die Frage, ob sie sich ihrer Erlösung sicher sei, und bedarf dafür nicht der Kirche. Als sie nicht bereit ist, ihre Männerkleidung abzulegen und abzuschwören, wird ihr zunächst die Teilnahme an der Messe verweigert, wird sie in die Folterkammer geführt, wird ihr erst einmal auch versagt, das Sakrament des Abendmahls entgegenzunehmen, ehe sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Bereuen kann Johanna nicht, weil sie sich bis zuletzt keiner Sünde bewusst und von ihrer Auserwähltheit überzeugt ist, und Dreyer lässt keinen Zweifel an ihrer Unschuld. Die Vorwürfe, die ihr von Seiten der Kirche gemacht werden, erhalten in dem Film keinerlei Evidenz. Sie sind Ausdruck eines Dogmatismus, dessen Phrasen durch die Schlichtheit der Jeanne d’Arc, in ihrem Minenspiel wie in den sprachlichen Einschüben der Zwischentitel, kenntlich werden. Das Einzige, was Johanna bereut, ist, dass sie aus Angst vor dem Feuer den Herrn verleugnet hat, um ihr Leben zu retten, als sie beim dritten Versuch unterschrieb, dass sie von Dämonen besessen sei. Damit ist ihr Schicksal besiegelt. Ihre Erlösung ist die Erlösung nach dem Beispiel Christi am Kreuze, das mehrfach als Detail zu sehen ist: sie vollzieht sich im Tod.
Aber Dreyers Film endet nicht mit Johannas Tod. Er ergänzt die metaphysische Erlösung durch eine politische. Ein Mann aus dem Volk ruft: »Ihr habt eine Heilige verbrannt«, worauf ein Aufstand ausbricht, der brutal niedergeknüppelt wird. Ihr Sieg, sagt Johanna vor ihrem Tod, bestehe in ihrem Martyrium. Was Brechts Heilige Johanna der Schlachthöfe 1933 ausspricht, hat Carl Theodor Dreyer sinngemäß schon 1927 ins Bild gesetzt: »Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und/ Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind.«
La Passion de Jeanne d'Arc liegt jetzt in einer restaurierten Fassung auf einer Doppel-DVD vor. Zu den Abenteuern dieses Films gehört auch, dass man darin Antonin Artaud als Schauspieler sehen kann – neben der großen Renée Falconetti in der Titelrolle. In einem Bonusinterview erzählt Falconettis Tochter von der Schauspielerin. Die zweite DVD enthält ein Feature über die historische Jeanne d'Arc mit der manchmal ziemlich läppischen Technik des Doku-Dramas und einen hervorragend gemachten Schwarz-Weiß-Film über Carl Theodor Dreyer und sein Metier.
Ideologiekritik kann bemerkenswerte Erkenntnisse befördern. Aber sie wird dem Wesen großer Kunst nicht gerecht. Es gehört zu den Geheimnissen wirklicher Kunst, dass sie ihre eigenen ideologischen Prämissen sprengt. Man muss kein Anhänger der Revolution sein, um von Panzerkreuzer Potemkin fasziniert zu sein. Man muss Tarkowskis reaktionären Mystizismus nicht goutieren, um seine Filme zu bewundern. Und man muss nicht religiös sein, um von der Passion der Jeanne d'Arc nicht nur intellektuell, sondern auch emotional berührt zu sein. Die Kraft der Bilder und der Montage tut ihre Wirkung. Wer sich dieser, wie die Filmstudenten aus Ludwigsburg, gar nicht erst aussetzt, erleidet einen Verlust. Schade drum.