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Donnerstag, 23. Mai 2013 | 04:03

 

Hot Spot Kids & Comics
Foto: Bernd Glasstetter Hot Spot Kids & Comics
Foto: Bernd Glasstetter

E-Books auf der Buchmesse

20.10.2011

Boom der elektronischen Medien - Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse

Digitale Inhalte sind schon seit Jahren Thema auf der Frankfurter Buchmesse. Dem gedruckten Buch laufen sie zwar noch lange nicht den Rang ab. Aber ANDREAS ALT fühlte sich diesmal doch deutlich mehr von ihnen verfolgt, auch im Comic-Zentrum.

 

Die Dame kam eigentlich wie gerufen. Ich wollte sie gerade fragen, wo ich das Pressezentrum finde, da kam sie mir zuvor und hielt mir einen Tablet-Computer unter die Nase: Ob ich mir den ausleihen wolle. Routiniert strich sie mit dem Zeigefinger über den Bildschirm und demonstrierte, wie ich mir einen Überblick über das Buchmesse-Programm verschaffen kann. Außerdem – der Finger tippte kurz auf die Menüleiste – könne ich mir auch Videos anschauen.

 

Ich hatte etwa zehn Minuten vorher den Eingang zur Buchmesse passiert und mir noch nichts angesehen. Ich brauchte zunächst ein Veranstaltungsprogramm; das wollte ich mir im Pressezentrum besorgen. Stattdessen ein E-Book? Anscheinend war dieses Thema in diesem Jahr noch beherrschender als in den Vorjahren. Aber ich war doch eher abgeneigt. Kann ich so einen Tablet bedienen, oder muss ich mich erst eine halbe Stunde lang mit ihm vertraut machen? Kann man ihn kurz aus der Tasche ziehen und gleich wieder darin verschwinden lassen wie den gedruckten Katalog? Kann etwas daran kaputtgehen? Ganz zweifellos ist das elektronische Gerät immer noch deutlich größer und schwerer als die gedruckte Alternative.

 

Erstmals ein Hot Spot für elektronisches Lesen

Also: Danke, aber nein danke! Es waren kaum Messebesucher zu entdecken, die einen solchen Tablet-Computer nutzten. Vielleicht blieben sie alle im Forum, wo die Geräte ausgegeben wurden, und vergaßen über diesem reizvollen Spielzeug die Messe ganz und gar. Der Eindruck, dass elektronisches Lesen in diesem Jahr auf der Buchmesse eine noch größere Rolle spielt als in den Vorjahren, erwies sich dennoch als zutreffend. Versorgt mit dem gedruckten Programm sah ich mich im Comiczentrum um. So, wie das Pressezentrum umgezogen war, hatte sich auch hier einiges verändert. Signierbereich, Bühne und Café waren offenbar zusammengeschrumpft und daneben war ein Hot Spot Kids & Comics entstanden, dessen Sinn ich zunächst nicht verstand.

 

Buchmesse-Mitarbeiterin Brigitte Klempert erläuterte, Hot Spots habe es im Vorjahr bereits in zwei Hallen für internationale Verlage gegeben, nun auch in der Halle der Sachbuch-, Kunstbuch- und wissenschaftlichen Literatur und dem Bereich Kinderbuch/Comics. Mir waren die Hot Spots noch nicht aufgefallen. Es sind im Kern Tische, auf denen ein Laptop steht, sonst sehr karg ausgestattet und entlang einer Wand aufgereiht. Anders als ich vermutete, ist es keine Einladung an Messebesucher, sich mit den Laptops zu beschäftigen. Im Idealfall steht dort ein Verlagsvertreter oder Mitarbeiter eines Verbands oder einer Institution und zeigt Besuchern mit elektronischer Hilfe sein Messeangebot. Buchregale weichen Computerseiten. Klempert nannte das einen »virtuellen Stand«, der nach ihrer Überzeugung künftig gleichwertig mit einem klassischen Messestand werden wird.

 

Für Verlage ist das nicht uninteressant: Ein Gutteil Logistik kann wegfallen; kein aufwändiger Messebau mehr, keine Logistikprobleme mit dem Ausstellungsmaterial. »Die Aussteller können am ersten Messetag anreisen und Übernachtungen einsparen. Sie bekommen hier alles fix und fertig«, schwärmte Klempert. Zum Hot Spot gehören ein Besprechungsraum und Lager für die Aussteller. Der Haken an der Sache: Besucher nehmen die Hot Spots noch nicht so recht an. Sowohl beim Comic-Zentrum als auch in den anderen Hallen hatten die Aussteller im Hot Spot viel Zeit, sich miteinander zu unterhalten, oder ihr Platz war verwaist, weil sie vermutlich am herkömmlichen Stand gebraucht wurden.

 

Internet kein Ersatz für »analoges« Lesen

Am Hot Spot Kids & Comics dominierten Aussteller, die Kindern verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien nahebringen wollten: das Kinderhilfswerk, das Medienkulturzentrum Dresden und die UFA. Verlage waren hier wie auch an den anderen Hot Spots deutlich in der Minderheit. Kaum ein größerer Verlag verzichtete auf der Messe aber am eigenen Stand auf berührungsaktive Bildschirme und allerlei Computeranwendungen zusätzlich zum althergebrachten Buchangebot. An den kleinen Ständen fehlte die elektronische Aufrüstung dagegen – wohl allein aus Platzgründen. Ob die Messebesucher künftig lieber auf Computer blicken, als Bücher in die Hand zu nehmen, muss aber bezweifelt werden. Ich hatte zum Beispiel über Art Spiegelmans Werk Im Schatten keiner Türme (Atrium Verlag) schon so viel gelesen, dass ich eine ziemlich genaue Vorstellung vom Inhalt hatte; dieses wie ein Bilderbuch auf dicker Pappe gedruckte Werk durchzublättern, war dann aber doch noch einmal ein eigenes Erlebnis. Diesen Comic über die Folgen von 9/11 im Internet zu betrachten, ist kein Ersatz für das »analoge« Lesen.

 

Gleichwohl: Auf die digitalen und crossmedialen Inhalte, vermittelt durch den neuen Hot Spot, ging auch der Verantwortliche des Comic-Zentrums, Wolfgang Strzyz, im Gespräch gleich als erstes ein. Der Hot Spot habe ihm geholfen, neue Aussteller ins Comic-Zentrum zu ziehen. Auf der Bühne gebe es entsprechende Präsentationen. An den allgemeinen Besuchertagen am Wochenende stünden aber Comics eindeutig im Vordergrund. Auf Mutmaßungen, das Comic-Zentrum schrumpfe wie schon in den Vorjahren, reagierte Strzyz entrüstet: Das seien Gerüchte, gestreut von Comic-Fans, die einen Vorwand brauchten, nicht nach Frankfurt zu kommen.

 

Apps: Ein neues Arbeitsfeld für Illustratoren

»Wir sind klein, aber laut«, zitierte Strzyz dagegen einen angeblich schon gebräuchlichen Spruch. Damit behielt er immerhin am Buchmessen-Samstag und –Sonntag Recht: Obwohl die große Manga-Gemeinde ihr Familientreffen wieder nicht im Comiczentrum, sondern in der Festhalle abhielt, war an diesen Tagen hier kein Durchkommen. Auch das Fernsehen hatte sich fürs Comicprogramm interessiert, wie Strzyz befriedigt feststellte. Verantwortlich dafür waren wiederum nicht die unverdrossen propagierten elektronischen Medien, sondern Zeichnerstars wie Craig Thompson (Habibi) oder Charles Adlard (The walking Dead) und die notorisch knallbunt verkleideten Cosplayer.

 

Und doch wird die Buchmesse das Thema nicht mehr los. Deutliches Indiz dafür waren die zahlreichen Veranstaltungen zum elektronischen Publizieren. So beschrieben im Comic-Zentrum die Illustratoren Stefanie Wegner und Timo Müller-Wegner ihren Einstieg in den Markt der Apps – nach ihren Worten eine Folge der Auftragsflaute im Krisenjahr 2009. Bei Apps hat es das Ehepaar nicht mit vorsichtigen Verlagen zu tun, die lieber an Illustrationen sparen. Sie können jedoch nur an einen Abnehmer verkaufen: Apples App-Store. Und dort ist ihr neuer App nur wenige Stunden lang zu sehen, bevor er von neuen Angeboten verdrängt wird – »es sei denn, man landet in den Tipps der Redaktion«. Außerdem sind sie auf die Zusammenarbeit mit einem Programmierer angewiesen, der sich mit bestimmten Anwendungen auskennen muss, aber sich vielleicht auch mit eigenen Ideen in das Projekt einbringt. Stefanie Wegner vermittelte etwas von dem Spaß, den sie an dieser neuen Form der Arbeit hat – gegen elektronische Medien als Zusatzgeschäft kann ja auch niemand etwas haben.

 

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