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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 13:17

    Johann Hinrich Claussen: Gottes Häuser

    21.10.2011

    K(l)eine Geschichte des Kirchenbaus

    Gottes Häuser oder Die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen heißt ein Buch von Johann Hinrich Claussen. Klingt ganz interessant, doch leider hält der Inhalt nicht, was der Titel verspricht. Von CHRISTOPHER FRANZ

     

    Denn dieser weckt im Leser den Gedanken, er würde Antworten auf Fragen bekommen, die sich jeder vielleicht schon mal gestellt hat. Warum wurde eine Kirche gebaut (Grund), wie wurde sie gebaut (technische Ausführung), und warum wurde sie gebaut wie sie gebaut wurde (Stil)? Man könnte noch viele Fragen stellen, wie z. B. die nach der Bedeutung und Funktion der Ausstattung oder der Nutzung einer Kirche. Das ist aber nicht nötig: Nach der Lektüre von Claussens Buch sind diese Fragen nämlich nur in Ansätzen geklärt.

     

    Es wäre auch sicherlich vermessen Autor und Buch vorzuwerfen, keine umfassenden und endgültigen Antworten darauf zu geben – ganze Bibliotheken könnte man damit füllen. Dennoch ist dies das größte Manko des Buches, das ja selbst eine »Sehhilfe und eine Gebrauchsanweisung« (S.14) sowie »eine kleine Geschichte des Kirchenbaus« (S.15) sein möchte.

     

    Hagia Sophia Hagia Sophia

    Gute Wahl ...

    Dabei sind Aufbau und Herangehensweise des Buches gar nicht schlecht. Claussen beschränkt sich auf neun Gotteshäuser unterschiedlicher Epochen, die exemplarisch die chronologische Entwicklung und unterschiedlichen Tendenzen von den spätantiken und frühchristlichen Hauskirchen bis hin zur Kathedrale von Brasilia beleuchten sollen.

     

    Dabei begegnet der Leser den berühmtesten, epochemachenden Kirchenbauten: der Grabeskirche in Jerusalem, der Hagia Sophia, dem Dom zu Speyer, der Kathedrale von Amiens, dem Petersdom in Rom, der Frauenkirche in Dresden und überraschenderweise der Kirche St. Nikolai in Hamburg. Letztere neugotische Kirche, die ihre Aufnahme wohl dem Umstand zu verdanken hat, dass der Autor gleichzeitig Hauptpastor der Gemeinde ist, als Vertreterin gleich des ganzen Historismus. Diese Tatsache ist nicht negativ, nur befremdlich. Zumal das bei einem Fliegerangriff 1943 stark beschädigte Kirchengebäude nur noch in Teilen als Ruine und Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 erhalten ist. Die Geschichte dieses relativ – im Vergleich zu den andreren genannten – unbekannten Bauwerks ist dennoch erzählenswert.

     

    Seiner eigenen Zielsetzung folgend müsste Claussen eine Planungs-, Bau- und Wirkungsgeschichte einer jeden Kirche liefern, aus der heraus er dann allgemeingültige Feststellungen und Schlussfolgerungen zieht. Das tut er jedoch nur teilweise. Er hat wohl erkannt, dass er mit der Vorstellung, »nur einer einzigen Kirche, einer besonderen Beispielkirche« (S.15), seine und die im Titel angekündigte Aufgabe nicht verwirklichen kann. Aus architektur- und kunstgeschichtlicher Sicht sollte  man ihm eigentlich keinen Vorwurf machen, bekennt er doch selbst: »Für Experten dürfte dieses Buch, das von einem Nichtexperten geschrieben wurde, kaum Neues bereithalten.« (S.15) So leicht darf er sich aber nicht aus der Verantwortung dem Leser gegenüber entziehen.

     

    Brasilia Brasilia

    ... mit groben Patzern

    »Einer der wichtigsten Fortschritte, den die Barock-Architektur brachte, war, dass zum ersten Mal seit der Antike wieder städtebaulich gedacht wurde.« (S.184) Ein Satz wie dieser missachtet vollkommen die städtebaulichen Planungen und Leistungen früherer Epochen wie die Umgestaltung des toskanischen Städtchens Pienza ab 1459.

     

    Die Feststellung, dass es »sehr unwahrscheinlich [wäre], dass unsere Epoche etwas auch nur annähernd Vergleichbares hinterlassen wird« (S.14) hingegen ist zu sehr geprägt von der persönlichen Meinung des Autors. Auch wenn er damit nicht alles Bauschaffen meinen sollte, sondern die Annahme vertritt, »was Europa angeht, so muss man kein Prophet sein, um sagen zu können, dass neue monumentale Kirchenbauten nicht mehr zu erwarten sind« (S.263), ist einschränkend zu sagen, dass sicherlich keine neue Kathedrale im gotischen Stil errichtet werden wird, neue Kirchenbauten aber deshalb nicht schlechter sein müssen; sie sind einfach anders.

     

    Die auf die Hagia Sophia in Istanbul und ihre wechselvolle Geschichte sowie ihre Vorbildfunktion für die Entwicklung des muslimischen Gotteshauses bezogene Behauptung,  »keine Moschee [habe] ihr christliches Vorbild an Größe und Schönheit zu übertreffen vermocht« (S.89), ist einfach nur falsch, die Widerlegung dieser Aussage obsolet.

     

    Solche Sätze lassen den sich bisweilen einsetzenden Lesegenuss schnell vergessen. Auch bleibt der Text, der ja dem Laien einen ersten Einblick bieten möchte, nicht nah genug am Bauwerk, sondern schweift immer wieder ab und widmet einen nicht geringen Teil seines Umfangs den im Nebel der Geschichte liegenden Geschichten und Anekdoten um den Bau herum, noch dazu allzu prosaisch ausgeschmückt mit Sätzen wie: »Vermutlich baute man ganz selbstverständlich große Kirchen, schlicht und einfach weil man es jetzt konnte. Endlich […] war es möglich, das zu tun, was man immer schon gern getan hätte.« (S.46, bezogen auf den einsetzenden öffentlichen Kirchenbau nach der konstantinischen Wende und den Aufstieg des Christentums zur wichtigsten Religion des Römischen Imperiums).

     

    Es ist durchaus unterhaltsam zu lesen: »Wie mag er das durchgestanden haben? Drei Tage ohne wetterfeste Kleidung in Schnee und Eis, ohne zu essen und zu trinken? Die Quellen berichten nichts von gesundheitlichen Folgeschäden, einer schweren Erkältung oder gar Erfrierungen. Die Menschen müssen damals aus einem anderen Holz geschnitzt gewesen sein.« (S.94, gemeint ist natürlich König Heinrichs IV. Gang nach Canossa).

     

    Offene Fragen

    Zu guter Letzt ist nur noch anzumerken, dass von der »Kunst, Kirchen zu bauen« nur selten die Rede ist. Wie wurden die Fundamente gegründet und so die Standfestigkeit des Gebäudes gesichert? Mit welchen Techniken wurden die immer steileren und wagemutigeren Wölbungen vollzogen und wie lief die Organisation einer Baustelle ab? All das erfährt man nicht bei Claussen, sondern für den Einstieg immer noch am besten in einem Kinderbuch (Claussen nennt es verdienterweise in seinen Literaturhinweisen), nämlich in David MacCaulays Sie bauten eine Kathedrale. Und warum war es nicht möglich, die gezeigten Grundrisse der Kirchen zu vereinheitlichen und mit Zusatzinformationen anzureichern?

     

    Claussen hat ein leicht lesbares und verständliches Buch geschrieben, nur eben keine »Gebrauchsanweisung« oder gar »kurze Geschichte des Kirchenbaus«. Seinen Zweck, einen Laien an die Thematik heranzuführen und vielleicht Lust auf Mehr zu machen, hat es dennoch erfüllt. Ganz einfach weil es den Leser unbefriedigt zurücklässt.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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