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Birgit Schönau: Circus Italia

26.08.2011

Schillernde Galanummern

Ein ganzes Land als Arena – so schildert Birgit Schönau Italien in Circus Italia. Aus dem Inneren der Unterhaltungsdemokratie. Und als Zirkusdirektor grüßt seit fast zwanzig Jahren der amtierende Ministerpräsident Silvio Berlusconi: »Manege frei!« für elf Kapitel Circus all’italiana. Von JULIA MÜLLER

 

Die ernüchternde Erkenntnis schmettert die Zeit-Journalistin dem Leser gleich zu Beginn des Buches entgegen: Wir Deutsche haben Italien nie verstanden. Soviel steht für Birgit Schönau fest. Und, vielleicht noch schlimmer: Mit Berlusconis Auftauchen auf der politischen Bühne sei ein Verstehen auch für die Zukunft ausgeschlossen. Stattdessen stellen wir uns die bange Frage: Sind italienische Verhältnisse überall möglich? Etwa gar bei uns?

 

Als Italien für die Deutschen noch Arkadien war – also vor Berlusconi – kündete die deutsche Berichterstattung schwärmend vom lockeren Lebensstil in Italien. Doch mittlerweile habe sich der Ton geändert: »Die Leutseligkeit hat offener Entrüstung Platz gemacht, die Bewunderung einer empörten Abgrenzung. So sind wir nicht und so wollen wir nicht sein!« Seit der Metamorphose Italiens zu »Berlusconien« können wir Deutsche uns dem südlichen Nachbarn gegenüber überlegen fühlen und uns gepflegt vor den dortigen seltsamen Demokratie-Gepflogenheiten gruseln. In Ex-Arkadien ist das Parlament zu einer Schwatzbude degradiert, politische Programme bestehen nur noch aus Personen, und der Kommunismus ist für das Mitte-Rechts-Lager noch immer Todfeind Nummer eins – so entwirft Schönau den Circus Maximus Italien. 

 

Ein Land voller Widersprüche

Literatur zum politischen Italien mit all seinen Anomalien und zum Phänomen Berlusconi pendelt stets zwischen zwei Extremen: Die einen erklären Berlusconi als ein Phänomen sui generis, das in seiner Ausgestaltung lediglich aufgrund struktureller und kultureller Besonderheiten so lediglich in Italien auftreten könne. Entgegengesetzte Ansätze postulieren, dass die Phänomene der Mediendemokratie auch in anderen europäischen Staaten auftreten können – wenn, wie in Italien, die entsprechenden Rahmenbedingungen vorhanden sind. Eine Antwort darauf, ob Italien ein krankes Land ist oder ob dort im Jahr 2011 überhaupt noch eine »normale« Demokratie möglich ist, gibt auch Schönau nicht. Auf jeden Fall aber sei Italien in zwei Lager gespalten: In das Lager, das Berlusconien ermöglicht und unterstützt, sowie in die andere Hälfte des Landes, die zutiefst unter den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen leidet. Einig seien sich diese beiden Lager lediglich in einem wichtigen Punkt: »Die Italiener scheinen verinnerlicht zu haben, was ihnen in sechzehn Jahren Berlusconismus eingehämmert wurde: Zu Berlusconi gibt es anscheinend keine Alternative.«

 

In der Ablehnung des Staates sind sich die nördlichen und südlichen Regionen einig, wie Schönaus Reise durch das Land zeigt. Lediglich die Motive sind verschieden: Die nördlichen Regionen wollen weniger Staat, da dieser ihrer Meinung nach nur ihr wirtschaftliches Wachstum durch Besteuerung behindere. Die südlichen Regionen wünschen sich stärkere staatliche Subventionsleistungen, sehen aber deren offensichtliche Wirkungslosigkeit. Die Widersprüchlichkeiten Italiens zeigt das erste Kapitel des Buchs, das Verona mit seinem Lega Nord-Bürgermeister, dem Law-and-Order-Aufräumer Flavio Tosi, porträtiert. Die Klientel seiner Partei scheint nämlich moderater als die Lega Nord selbst: Während sich die Partei besonders mit rassistischen Hetzparolen gegenüber Ausländern hervortut, beschäftigen ihre Wähler, überwiegend Selbstständige, in ihren Betrieben zahlreiche ausländische Arbeitnehmer. Ablehnung und Nutznießertum mit dem Berlusconismo zeigt sich auch in der italienischen Industriellenfamilie Moratti: Letizia Moratti, die Ex-Bürgermeisterin von Mailand, ist dem Mitte-Rechts-Lager angehörig. Ihr Schwager Massimo Moratti hingegen scheint eher linken Ideen anzuhängen. Gerade dieser Widerstand aus den eigenen Reihen, der sich keineswegs auf die in der Erdölbranche operierende Unternehmerfamilie Moratti beschränkt, schreibt Schönau, müsse Berlusconi gefährlich erscheinen. 

 

Mafia in Rom, Skandal in Kalabrien

Gleich drei Kapitel widmen sich dem politischen Zentrum Italiens in Rom: den jüngsten Skandalen um Berlusconi, dem Parlament und dem staatlichen Fernsehen RAI. In den beiden letztgenannten Kapiteln führt Schönau vor, wie das staatliche Fernsehen seinen Beitrag zur Volksverdummung leistet, denn dafür sind keineswegs ausschließlich Berlusconis Privatsender zuständig. Paradebeispiel für intellektuelle Weichspülerei ist die RAI-Talkshow »Porta a Porta« mit Showmaster Bruno Vespa. Schönau sieht in dieser allabendlichen Talkshowrunde die zentrale Arena des italienischen Zirkus: Was dort gesagt wird, habe fast immer Konsequenzen – anders etwa als Parlamentssitzungen.

 

Die Bürger selbst allerdings kommen bei Schönau auch nicht ungeschoren davon, denn sie lassen es an Engagement und Interesse am Gemeinwohl mangeln: »Ein Volk, das für sich selbst nicht die Verantwortung übernimmt, macht auch seine Volksvertreter für nichts verantwortlich. Nur so ist es zu erklären, warum im italienischen Parlament immer noch Abgeordnete sitzen können, die Probleme mit der Justiz haben oder sogar als Mafiosi verurteilt sind.«

 

Die Autorin lässt auf ihrer Erkundungsreise durch Italien nicht nur die »Großen Männer« zu Wort kommen. Schönau spricht mit Bewohnern der vom Erdbeben zerstörten Stadt L’Aquila oder mit katholischen Geistlichen in Neapel, die sich dem Kampf gegen die Mafia verschrieben haben. In der Region Apulien keimt ein wenig Hoffnung auf, erscheint diese doch fortschrittlicher und entwickelter als der Rest des abgeschlagenen Südens, auch dank ihres schwulen Ministerpräsidenten Nichi Vendola aus dem linken Lager. Das Kapitel zu Kalabrien hingegen lässt den Leser schlicht ratlos zurück: Wie kann es sein, dass in einem EU-Land illegale Erntehelfer unter solch miserablen Bedingungen ihre Arbeit verrichten müssen und auf absoluten Gleichmut der italienischen Bevölkerung treffen? 

 

»ABC des Berlusconismus«

Doch so mag Schönau den Leser nicht zurücklassen und so lädt das letzte Kapitel – die letzte Zirkusnummer – ein wenig zum Träumen ein: Der Traum (oder besser Alptraum?) ist der von der großen Brücke von Sizilien hinüber zum italienischen Festland, den vor allem die Mitte-Rechte träumt, die sich große Infrastrukturprojekte auf ihre Fahnen geschrieben hat, dabei aber die wirklichen Notwendigkeiten zu verfehlen scheint.

 

Die Frage, ob Berlusconi ein singuläres Phänomen ist oder ob »unterhaltungsdemokratische« Elemente auch in anderen Ländern möglich sind, wird von der Autorin nicht abschließend beantwortet. Hier darf der Leser selbst Vermutungen anstellen. Entscheidungshilfe mag ihm dabei das »ABC des Berlusconismus« im Anhang bieten. Darin beschreibt Schönau pointiert Protagonisten – ja: es gibt neben Berlusconi noch weitere Akteure! – markante Zeitpunkte und »Galanummern« des Berlusconismo.

 

Nicht-Italiener mögen dem Phänomen Berlusconi wenig Verständnis entgegenbringen, vielleicht geben sie sich noch nicht einmal mit den gängigen Erklärungsmustern zufrieden. Neue oder innovative Erklärungen, warum die Italiener für den Zirkusdirektor Berlusconi immer noch brav eine Eintrittskarte lösen, liefert Schönaus Buch nicht, aber mit dieser Erwartungshaltung sollte das Buch auch nicht gelesen werden. Schönaus Buch ist lesenswert, weil es sich nicht in den üblichen Italien-Klischees erschöpft, sondern die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Vielfalt Italiens differenziert und anschaulich darstellt. Ihr Stil ist gewohnt flott und nicht frei von einer gewissen Ironie, als Leser kommt man gerne mit auf diesen Drahtseilakt quer durch Italien.

 

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