Das politische Umfeld
Israel hat sich dabei völkerrechtlich massiv ins Unrecht gesetzt, doch die Verantwortlichen wird man kaum je in Den Haag auf der Anklagebank sehen, denn das Land erkennt das Kriegsverbrechertribunal ebenso wenig an wie die USA. (Beiträge von George Bisharat, Ben Saul, Norman Paech, Annette Groth und Tanja Tabbara).
Um dem schlechten Eindruck in der Welt entgegenzuwirken, startete Israel sofort eine breit angelegte Desinformationskampagne, die mit Hilfe einschlägiger »Islamspezialisten« im Westen verbreitet wurde: die türkische Organisatorin der Hilfsflotille, eine seit Jahren tätige soziale Hilfsorganisation, war eine Terrororganisation, auf der Flottille fuhren leibhaftige al-Qaida-Kämpfer mit und die israelischen Angreifer hatten in Notwehr geschossen (Marsha Cohen).
Bei aller Absurdität solcher Anschuldigungen passen sie doch zu dem erschreckenden Realitätsverlust in der heutigen israelischen Öffentlichkeit, wo sich mit der traditionellen Opferattitüde zunehmend eine sozialdarwinistische Anbetung des puren Rechts des Stärkeren jenseits von Moral und Fairness verbindet (Moshe Zuckerman, Ilan Pappé, Henry Siegman, Lamis Andoni, Max Blumenthal, Raja Shehadeh).
Außer den israelischen Beiträgen sind es vor allem die aus den USA, die eher pessimistisch wirken. Die wohlbekannte außenpolitische Uninformiertheit der US-Öffentlichkeit ist mittlerweile in eine bestürzende neue Form von ideologischer Konvergenz eingemündet (»Alle sind gegen uns«), die eine Unterstützung Israels sogar jenseits der nationale Interessen möglich macht (Glen Greenwald, Juan Cole, Arun Gupta). Ein Umdenken lässt sich dort noch am ehesten bei der jüngeren jüdischen Generation feststellen (Norman Finkelstein, Daniel Luban).