TITEL kulturmagazin
Dienstag, 21. Februar 2017 | 01:41

Paul Léautaud: Kriegstagebuch 1939-1945

22.07.2011

Der Zaunkönig in seinem Distelnest

Paul Léautaud beobachtet in seinem Kriegstagebuch 1939-1945 die Franzosen unter der Wehrmacht. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Das muss schon ein »seltsamer Heiliger« gewesenen sein – dieser Paul Léautaud (1872/1956). Kurzzeitig in Deutschland bekannt wurde er nur einmal, als Hanns Grössel 1966 eine umfangreiche Auswahl aus dem Literarischen Tagebuch übersetzte & edierte. Der französische Misanthrop & Tierfreund hat es von 1893 bis zu seinem Tod geführt. In Frankreich wird es zu den großen Diarien der französischen Literatur gerechnet und wegen seiner Schonungslosigkeit & sprachlichen Schmucklosigkeit als zeitgleiches Gegenstück zu den Tagebüchern André Gides.

 

Walter Benjamin hat zwischen den Kriegen eine Sammlung von Léautauds Theaterkritiken, die der jahrzehntelange Redakteur der anspruchsvollen Literaturzeitschrift Mercure de France dort publiziert hatte, über den grünen Klee gelobt – wobei es sich offenbar weniger um Kritiken von Theaterstücken handelte als um satirische Geißelungen der französischen Gesellschaft, die Walter Benjamin an Karl Kraus und dessen Fackel erinnerten.

 

Der zweite deutsche Bewunderer Paul Léautauds war Ernst Jünger. Das erfährt man aus den Notizen, die Grössel nun unter dem Titel eines Léautaudschen Kriegstagebuchs 1939-1945 im Berenberg-Verlag wiederveröffentlicht hat: zusammen mit Erinnerungen Jüngers an seine Treffen mit dem Autor im Paris von 1944, wo der deutsche Offizier zu einem Kreis von französischen Literaten gehört, die donnerstags sich bei einer reichen Gastgeberin trafen.

 

Da sei, erinnerte sich Ernst Jünger später, Léautauds »Glanzzeit schon vorüber« gewesen & seine Anwesenheit eher eine »Ausgrabung«. Aber Léautaud »vertrat seine Thesen apodiktisch mit dünner, herausfordernder Stimme wie der Zaunkönig in seinem Nest. Etwas vom kindischen Eigensinn alter Leute war dabei«. So hatte der damals 51jährige »Hauptmann Jünger«, wie ihn Léautaud nannte, den bereits 72jährigen Franzosen charakterisiert, der ihm »gefiel« – was durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte.

 

Denn »höchst bemerkenswert hinsichtlich des Textes wie auch hinsichtlich des Bildes und des Eindrucks, den man von seinem Verfasser bekommt«, fand der Franzose das bereits 1942 übersetzte Kriegstagebuch Gärten und Straßen, in dem Jünger seine Jahre 1939/40 dokumentierte. Über kein Buch & keinen Autor hat sich Léautaud positiver in seinem Kriegstagebuch geäußert!

 

»etwas xenophob, leicht antisemitisch«

Er muss sich dann, als er den Deutschen kennenlernte, buchstäblich in den gebildeten, Französisch parlierenden Hauptmann der Wehrmacht, mit dem er die Liebe zu Chamfort & Stendhal teilte, verguckt haben. Wie Jünger in seinen Strahlungen am 6.7.44 vermerkt, hat ihm der in einem Vorort von Paris in einem alleinstehenden Haus mit Hunden, Katzen & einer Meerkatze lebende verschrobene Literat sogar »für den Fall von Schwierigkeiten seine Hilfe angeboten«. Das müsste in jenem Augenblick gewesen sein, in dem sich Jünger beim Rückzug der Deutschen aus Paris bei Léautaud telefonisch verabschiedete & versprach, ein Prosastück des Franzosen demnächst zu übersetzen.

 

So sehr Léautauds Kriegstagebuch auf die Begegnung mit dem deutschen Dandy in Wehrmachtsuniform zuzulaufen scheint, so wenig erschöpft sich diese wieder vorgelegte kulturhistorische Ausgrabung aus dem 2. Weltkrieg darin. Die Lektüre konfrontiert einen mit einer Person, sprich: einem Charakter, den »exzentrisch« zu nennen, eine Untertreibung wäre, weil er so viele Widersprüche in sich vereint & kultiviert hat, dass deren explosive Mischung jeden anderen zerrissen hätte.

 

Beim Korrigieren der Fahnen seines zweiten Bands mit Theaterkritiken diagnostiziert er, dass er schon mit zwanzig Jahren »etwas xenophob (...), leicht antisemitisch (...) und stark antidemokratisch, zugleich antisozial und antipatriotisch« war.

Der »reife«, sprich: damals Siebzigjährige notiert 1942, wofür er ist: »die Hierarchie, die Ordnung, die Herrschaft der Elite, die Pressefreiheit, die Lehrfreiheit, die Berufsrechte der Lohnempfänger, die moralische und finanzielle Verantwortung der Regierenden, die Reform der Polizei, die Verweisung der Großfinanz in ihre Schranken«.

 

Wogegen aber ist der Querkopf, dessen Hauptsorge unter deutscher Besatzung der Ernährung seiner Tiere gilt? »Ich bin gegen: die Idee des Vaterlands (...), das allgemeine Wahlrecht, die Schulpflicht (bei kostenlosem Unterricht), die Wehrpflicht (...), die Angestelltengewerkschaften, das Streikrecht«. Die Vorkriegs-Politiker, deren Wiederkehr er am Kriegsende befürchtet, sind für ihn allesamt »Gauner«, Arbeiter gleichbedeutend mit »Faulenzern«, bzw. »die Kanaille«.

 

Was war Gerücht, was war Faktum?

Diese wüste Mischung aus Geistes-Aristokratismus, Kleinbürgermief, antisozialistischem & antisemitischem Ressentiment, närrischer Tierliebe & Misanthropie hält für »das einzige, was zählt: nicht mittelmäßig zu sein«. Das war der Verächter der Französischen Revolution gewiss nicht; aber seine Originalität, die auf einem skrupellosen pragmatischen »Realismus« beruhte, mit der er seine »feigen«, »dummen« & »unredlichen« Landsleute verachtete, die »kultivierten & höflichen« deutschen Besatzer respektierte, ohne »auf deren gute Umgangsformen hereinzufallen«, war jedoch keine Garantie, nicht auch häufig selbst ebenso borniert wie ignorant zu sein, wenn er z.B. durchaus begrüßt, dass die Deutschen junge Franzosen zur Arbeit in Deutschland zwangsverpflichteten oder wenn er über »die Amerikaner« in einer Art & Weise räsoniert, die einem nationalsozialistischen Denken bis aufs I-Tüpfelchen entspricht.

 

Die Lektüre der von Hanns Grössel ausgewählten Notate in Léautauds schriftlichem Selbstgespräch ist gerade dadurch für einen heutigen Leser von beträchtlichem, widerborstigem, um nicht zu sagen gelegentlich ärgerlichem Reiz, weil der Diarist aus der beschränkten Perspektive & Reichweite seiner von Zensur & Desinteresse reduzierten Wahrnehmung seine Pariser Gegenwart auf seine skurril-arrogante Art kommentiert und dabei momentweise Einblicke sowohl in den intellektuellen als auch materiellen Alltag des von den Deutschen besetzten & des von Petain ed. al. in Kollaboration geführten Vichy-Frankreich gestattet.

 

So verhöhnt er alle jene Intellektuellen, die sich nicht wie er mit dem Status quo abgefunden hatten, sondern idealistisch als klandestine Widerstandskämpfer gehandelt hatten und von der Besatzungsmacht – mit der man ja einen »Waffenstillstand« abgeschlossen habe – verhaftet & nicht selten hingerichtet wurden. Er lässt es sich durchaus gefallen, vom Vichy-Erziehungsministerium noch im Mai 1944 eine jährliche Beihilfe von 8000 Francs anzunehmen (»Hätte man nicht bis zu zwölftausend gehen können?»), ist aber so klug, kurz darauf einen Preis abzulehnen, um sich nicht noch im letzten Augenblick öffentlich zu kompromittieren. Mit Vergnügen & Zustimmung aber liest er Nachrufe auf sich, die aufgrund einer Falschmeldung in der Vichy-Zone erschienen waren.

 

Léautaud »schreibt auf, was man erzählt. Ist es wahr? Ist es falsch? Ich weiß es nicht«. Aber wir heute wissen es – und da liegt die editorische Schwäche dieser atmosphärischen Aufzeichnungen von den wechselnden Stimmungslagen, Auspizien & Erfahrungen des absolut »coolen« Autors, der im Sinne Stendhals ein Egotist war.

 

Mag man in Léautauds Chronistenhaltung, vom »Hörensagen« sich bestimmen zu lassen, die des Herodot wiederauferstanden sehen, so sind jedoch die Ereignisse, von denen der Franzose berichtet, nicht in antiker Ferne geschehen, sondern liegen heute nur ein Halbjahrhundert zurück. Was ihm damals nur als Gerücht oder Propaganda zu Ohren kam, bei dem kann ein Historiker heute leicht Wahrheit von Unwahrheit oder Fälschung scheiden.

 

So wüsste man als deutscher Leser gerne, ob verschiedene Behauptungen Léautauds tatsächlich zutreffen oder er falschen Gerüchten seiner Zeit aufgesessen war – z.B. über große deutsche Verluste bei einer gescheiterten See-Invasion Englands oder über die angeblich mit Mann & Maus vollzogene heroische Selbstvernichtung der Französischen Mittelmeerflotte im von den Deutschen verminten Toulon.

 

Auch wüsste man gerne, ob das Poesiealbum, das Ernst Jünger seinen Pariser Jüngern Ende 1945 geschickt hatte und das diese Mitglieder der Donnerstagsgesellschaft, jeweils mit einem eigenen Gedenksatz & Namen versehen, dem Hauptmann a.D. zurückschicken wollten, ihn erreicht hat & möglicherweise unter seinem Nachlass zu finden ist.

 

Leider aber hat der Herausgeber offenbar weitestgehend nur die Anmerkungen der französischen Erstedition von 1954/66 übernommen, die wahrscheinlich noch nicht einmal mehr für einen heutigen französischen Leser ausreichend & hilfreich zu einem intensiven Verständnis der Zeit & ihres (Zerr-)Spiegels in Paul Léautauds Aufzeichnungen zum Zweiten Weltkrieg sein dürften.

 

P.S.

Am 15. August 1943 notiert Léautaud, man gebe im englischen Rundfunk »Name, Adresse und Beweggründe« von »Kollaborationisten« bekannt: »Beispielsweise: ›Frau ... in Nevers ist in Begleitung eines deutschen Offiziers gesehen worden‹«.

 

Wer sich an Alain Resnais’ 1959 entstandenes Spielfilmdebüt Hiroshima mon amour erinnert, wird jene Episode noch erinnern, in der die von Emmanuelle Riva gespielte Französin ihrem japanischen Liebhaber von ihrer ersten Liebe zu einem deutschen Soldaten während der Okkupation an den Ufern der Loire in Nevers erzählt. Ob die Drehbuchautorin Marguerite Duras die Lokalisierung dieser verbotenen Liebe nach der Lektüre von Léautauds Tagebuch vorgenommen oder womöglich selbst 1943 diese Denunziation im englischen Rundfunk gehört hatte?

 



 

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

TITEL ist umgezogen!

Liebe Leserinnen, liebe Leser!


Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter