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    Freitag, 21. Juli 2017 | 04:31

    Abdullah II. König von Jordanien: Die letzte Chance

    10.06.2011

    Familienlegenden und Wahrheiten

    Keine Dynastie in der arabischen Welt hat sich als so schreibfreudig erwiesen wie die der Herrscher von Jordanien. Wie sein gleichnamiger Urgroßvater, der erste König Abdullah, Großvater Talal und Vater Husein hat nun auch der seit 1999 regierende König Abdullah II. seine Autobiografie veröffentlicht, diese mit dem Titel Die letzte Chance. Von PETER BLASTENBREI

     

    Autobiografien von Staatsmännern und -frauen enttäuschen meist, wenn man von ihnen den berühmten sensationellen Blick hinter die Kulissen erwartet. Die Zwänge, die Autoren auferlegt sind, die aktiv im politischen Geschehen stehen, überwiegen üblicherweise das Insiderwissen, das preisgegeben werden kann. Das ist auch hier nicht anders, wo zusätzlich eine Familienlegende gewahrt bleiben muss.

     

    So findet man hier natürlich nicht die Geschichte der Geheimverhandlungen König Abdullahs I. mit Golda Meir 1949 (und der anschließenden einvernehmlichen Teilung Palästinas, die den verehrten Staatsgründer das Leben kostete). Auch die Geschichte des Schwarzen September 1970 ist allein aus der Sicht des Königshauses erzählt und damit zumindest geschönt. Jordanische Innenpolitik findet in dem Buch schließlich überhaupt nicht statt.

     

    Dennoch erfährt man Unbekanntes und durchaus Sensationelles. So das Geschenk von US-Satellitenaufnahmen an Saddam Hussein für seinen Iran-Krieg durch Präsident Reagan oder das (abgelehnte!) Angebot der iranischen Führung 2002 an die USA, alle in den Iran geflohenen al-Qaida-Kämpfer auszuliefern.

     

    Man erfährt auch viel über die Anstrengungen des Königs, sein armes Land wirtschaftlich aufholen zu lassen. Mangels eigener Konzepte ist daraus mittlerweile ein neoliberaler Modellstaat à la Bahrain geworden mit ähnlichen Problemen und einigen höchst zweifelhaften Initiativen (Bau militärischer Drohnen, Uranabbau). Abdullahs Vision eines nahöstlichen Benelux aus Israel, Palästina und Jordanien (S. 237-238) ist angesichts der wirtschaftlichen Überlegenheit Israels schwer anders als naiv zu nennen.

     

    Kleiner Staat mit großen Problemen

    Die Motive des nicht einmal Fünfzigjährigen für sein Resümee sind jedoch handfester, wie der Titel bereits verrät. Seit dem Zusammenbruch Afghanistans und des Irak und seit dem Abbruch des Nahost-Friedensprozesses durch Israel 2000 sind die Spannungen im Nahen Osten ins Unerträgliche gewachsen und – weniger bekannt – auch der »islamische« Terror in Jordanien. In dieser Situation fürchten die konservativen arabischen Regimes zunehmend um ihre Stellung (das Buch wurde vor den Aufständen in Tunesien und Ägypten beendet). Abdullah knüpft bei seinen Bemühungen um eine friedliche Lösung des Palästinaproblems, die den Hauptteil des Buches ausmachen, zudem an die jahrelangen Anstrengungen seines Vaters Husein an. Wie dieser sucht er den Schlüssel zum Nahostproblem in Washington – und nur dort (die EU wird kaum einmal erwähnt). Und wie sein Vater hat auch er unzählige Plädoyers vor den tauben Ohren der Clintons, Bushs und Obamas gehalten.

     

    Dabei ist nicht zu übersehen, dass Abdullah persönliche Beziehungen zwischen Staatsmännern bei weitem überschätzt. Denn trotz bester privater Beziehungen zu den drei genannten Präsidenten ist er mit seinem nahöstlichen Anliegen keinen Fuß breit weiter gekommen. Politische Interessendivergenzen oder -identitäten nimmt er deutlich schwächer wahr, selbst wenn man berücksichtigt, dass das Buch für ein US-Publikum geschrieben ist (und in den USA lektoriert wurde), also Politik an sich schon personalisiert und Kritik an Politikern höheren Rangs meidet. Insofern ist ihm wohl der niedrige Stellenwert nicht klar, den eine gerechte Nahostfriedenslösung (nicht das Nahost-Problem selbst) für die US-Außenpolitik besitzt. Und auch nicht der niedrige Stellenwert des stets loyalen, aber eben auch politisch und wirtschaftlich abhängigen Kleinstaats Jordanien mit seiner Dynastie. Solche Unzulänglichkeiten des Staatsmanns Abdullah liegen nicht zuletzt in der fast rein militärischen Ausbildung begründet, die er genossen hat.

     

    Behält man diese Einschränkungen im Auge, erwartet einen eine zumindest ungewöhnliche Lektüre. Es ist die Sicht des halb-autokratischen Monarchen eines bei uns wenig bekannten Landes, des letzten regierenden Sprosses der Profetenfamilie und frommen Mekkapilgers, der sich zusammen mit 500 muslimischen Rechtslehrern ehrlich um eine theologisch-juristisch begründete Absage an den islamistischen Terror bemüht hat. Es ist zugleich die Sicht eines durch und durch westlich denkenden Arabers, des Sohnes einer Engländerin, die seinen Vater auf dem Set von Lawrence of Arabia kennen gelernt hat, dessen Namen ein britisches Regiment trägt und der sich viel auf die Gründung einer Kopie seiner eigenen US-High School inklusive Schulkrawatten und Fahnenappell in der jordanischen Wüste zugute tut.

     

    Die Wiedergabe arabischer Namen ist, bei ansonsten guter Übersetzung, völlig chaotisch (dsch, tsch und j für denselben Laut u.ä.)

     

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