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Donnerstag, 23. Februar 2017 | 06:01

Norman G. Finkelstein: Israels Invasion in Gaza

15.04.2011

Bittere Wahrheiten

Der US-amerikanische Politologe Norman Finkelstein ist spätestens seit seinem Buch The Holocaust Industry von 2000 als scharfer Kritiker des offiziellen Israel und des jüdischen Establishment der USA bekannt geworden. Sein jetzt auf Deutsch erschienenes Buch Israels Invasion in Gaza hat alle Aussichten, einen ähnlichen Schock auszulösen. Zumindest bei denjenigen, die die Zeitgeschichte des Nahen Ostens nur aus den Produkten der deutschen Medienindustrie kennen. Von PETER BLASTENBREI

 

Der israelische Überfall auf den Gaza-Streifen am Jahreswechsel 2008/09 hat europäische Beobachter des Nahen Ostens aufgeschreckt. Weniger wegen der Tatsache an sich als wegen der von Menschenrechtsorganisationen bekannt gemachten Gräueltaten während des Krieges, die Richter Goldstone von der gleichnamigen UN-Kommission am Ende zur strafrechtlichen Verfolgung der Verantwortlichen raten ließ. Dennoch, das offizielle und mediale Deutschland ging, wie so oft, beruhigt von den israelischen Antworten bald zur Tagesordnung über.

 

Finkelstein, in den USA mit einem ähnlichen Phänomen konfrontiert, geht das Problem auf zwei Wegen an. Er fragt nach der Glaubwürdigkeit der Aussagen von Menschenrechtsverbänden und Palästinensern einerseits und der israelischen Regierung andererseits. Und er fragt nach dem wahren Grund des Angriffs.

 

Brutale Kriegsführung

Um es gleich voraus zu nehmen: anders als die israelische Regierung die Weltöffentlichkeit glauben machen wollte, sind die Menschenrechtsorganisationen, die den Gazakrieg untersuchten, darunter so angesehene wie Amnesty International oder Human Rights Watch, durchaus korrekt vorgegangen und kamen zu verlässlichen Ergebnissen. Sie waren weder voreingenommen noch haben sie sich von als Geschädigte posierenden »Terroristen« täuschen lassen. Darauf hat Israel ausgesprochen inadäquat reagiert. Außer dem simplen Abstreiten von Tatsachen und Vorwürfen gegen die Berichterstatter gab es Lob für die eigene humane Kriegsführung und Anklagen gegen Kriegsverbrechen der Hamas, eines so unbewiesen wie das andere. Die berüchtigten menschlichen Schutzschilde, die Hamas-Kämpfer benutzt haben sollen, stammen aus den Verhören ungenannter »Terroristen«, von denen Einzelheiten aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gegeben wurden. Als immer mehr Soldaten von ihren Erlebnissen berichteten, kündigte die israelische Militärführung eine eigene Untersuchung an, die schnell wieder abgebrochen wurde.

 

Das heißt, weder das Bombardement dicht besiedelter Wohnquartiere noch der Einsatz kriegsrechtlich verbotenen weißen Phosphors, weder gezielte Zerstörung von Schulen und Moscheen noch Schüsse auf Schulkinder oder Ambulanzen lassen sich mit gutem Gewissen abstreiten. Entsprechend grauenhaft sind die Auswirkungen dieser Kriegführung gewesen.

 

Norman G. Finkelstein Norman G. Finkelstein

Warum Gaza?

Brutalität und groteske Unverhältnismäßigkeit der Mittel lassen Finkelstein nach den Motiven des Krieges abseits der offiziellen »Selbstverteidigung« fragen. Warum wurde Gaza angegriffen und warum auf diese Weise? Die Masse der Vorkommnisse schließt ein Fehlverhalten Einzelner allein aus, auch wenn Aussagen mancher Soldaten eine abstoßende Verrohung erkennen lassen (»weil es eben cool ist«, S.97). Den wahren Anlass für den Gaza-Krieg sieht Finkelstein in der israelischen Strategie seit 1967. Israel und seinen westlichen Partnern gilt Gaza seit dem Wahlsieg der Hamas 2006 als letztes Hindernis für den Nahostfrieden. Dennoch, trotz Wirtschaftsblockade und periodischer Bombardements hat sie sich längst zur Koexistenz mit Israel bereit erklärt, im Mai 2008 schlossen beide einen Waffenstillstand. Nach Finkelstein griff nun aber ein anderer verhängnisvoller Mechanismus der israelischen Strategie. Nach dem Rückzug aus dem Libanon und der missglückten neuerlichen Invasion dort schien nun ähnlich wie vor dem Junikrieg 1967 die Abschreckungsfähigkeit Israels gefährdet. Nicht die Verteidigungsfähigkeit, denn es gibt keine gleichwertigen Gegner in der Region, sondern die Fähigkeit Israels, seinen Nachbarn militärisch seinen Willen aufzuzwingen. Gaza wurde also nicht Ziel des Angriffs wegen seiner besonderen Gefährlichkeit, sondern, so ungeheuerlich das klingt, weil sich hier ein israelischer »Sieg« am leichtesten inszenieren ließ. Die »Gefahr« eines echten umfassenden Nahostfriedens – und damit eben auch unvermeidlicher Konzessionen Israels – wurde zugleich ein weiteres Mal abgewendet.

 

Reaktionen in den USA

Der Gaza-Krieg und die internationalen Reaktionen darauf haben die US-Öffentlichkeit stark verunsichert. Trotz aller offizieller verbaler Hilfestellung für Israel ist nach zahlreichen Umfragen der bisherige nationale Pro-Israel-Konsens am Umkippen. Stärker noch hat die jüdische öffentliche Meinung in den USA durch Gaza gelitten, ganz besonders weil der UN-Berichterstatter Richard Goldstone nicht nur ein anerkannter internationaler Jurist und selbst Jude, sondern auch prominenter Zionist ist. Zu widerlegen war nicht viel und Beschimpfungen, die es dennoch hagelte (Präsident Peres: »ein unbedeutender Mann bar jeden Gerechtigkeitssinns«, S.150), führten offenbar zu nichts. (Erst nach Erscheinen von Finkelsteins Buch veröffentlichte Goldstone am 1. April 2011 in der Washington Post eine halbherzige Relativierung von Teilen seines Berichts.) Finkelstein konstatiert ein deutliches Abbröckeln der Sympathien für die israelische Politik bei US-Juden. Bedingungslose Befürworter finden sich fast nur noch in der älteren Generation. Ob dies künftig zu einer Änderung der US-Politik führen kann, bleibt abzuwarten, denn schließlich unterstützen die USA wie Europa Israel ganz gewiss nicht »den Juden zuliebe«, sondern aus massivem Eigeninteresse.

 

Der Band ist faktenreich und gut lesbar geschrieben, stellenweise sarkastisch (wie wohl kaum zu vermeiden) und hervorragend dokumentiert. Da die Zielgruppe des Buchs zuerst das jüdische Amerika war, arbeitete Finkelstein fast ausschließlich mit jüdischen und israelischen Quellen. Großes Lob gebührt dem Verlag dafür, dass er, wo das möglich war, auf deutsche Versionen von Belegdokumenten verweist. Großes Lob auch der Übersetzerin Maren Hackmann, die die Namen für deutsche Leser übertragen hat (also Schimon statt Shimon, Chalid statt Khalid).

 

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I admire Norman Finkelstein for his sense for justice. The whole world closes their eyes and does not have the courage to say anything to help the Palestinians and to condemn the Israelis for their commited cruelties - except Norman Finkelstein. What a great man! I do hope that nothing happend to him!!!
| von Dagmar Hodgkinson, 18.04.2011

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