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Rüdiger Schaper: Die Odyssee des Fälschers

25.03.2011

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Konstantin Simonides war der geschickteste, schamloseste Fälscher alter Handschriften im 19. Jahrhundert. In Die Odyssee des Fälschers folgt Rüdiger Schaper Spuren des geheimnisvollen Griechen, der einst Sammlerherzen betörte, Museen eroberte und bis zu seinem Verschwinden durch die europäischen Metropolen wirbelte. Von MONIKA THEES

 

Ein Mann mit krimineller Energie, ein genialer Scharlatan, ein Künstler: Seine Original-Fälschungen gelten heute als echte Kunstwerke, teure Kuriositäten, die auf Auktionen, so sie gelegentlich dort auftauchen, Höchstpreise erzielen. Konstantin Simonides, der mysteriöse Grieche, dunkel, gelehrt, mehr Geist und Gespenst als reale Person, dessen Name zuweilen noch in Fußnoten glimmt, schuf sich ein eigenes Universum, eine Welt aus dunkler Materie, die schwarze Löcher riss in die hehre Disziplin der Wissenschaft. Er foppte die Gelehrten seiner Zeit, sprengte die Kategorien von »echt« und »falsch« und narrte Sammler, Altertumsforscher und Öffentlichkeit mit frisch und frei produzierten »uralten« Papieren. Er trieb ein Vexierspiel mit Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, außerhalb unserer gültiger Kategorien von Quellen, Daten und wissenschaftlicher Redlichkeit.

 

Rüdiger Schaper, beim Berliner Tagesspiegel derzeit Leiter des Kulturressorts, hat sich an seine Spur geheftet, er reiste auf den Athos, nach Thessaloniki, Athen, auf die Ägäis-Inseln, den Sinai, nach London und Leipzig: Lebensstationen eines Phantoms, eines Piraten, der unter falscher Flagge fuhr, der aus Quellen der Historie und Mythologie schöpfte, sie mischte mit Erfindergeist und meisterlich beherrschter, buchstäblich schwarzer Kunst. »Seine Wiege stand auf Hydra – oder auf Symi«, es existiert keine Geburtsurkunde, keine einschlägige Schrift, die das eine beweist und das andere widerlegt. Simonides behauptete gar, er stamme aus Chalkidiki und in direkter Linie von Aristoteles ab. Nicht der Wurf einer Münze, sondern nüchterne Rekonstruktion macht plausibel: Der Mann, der später Europa zum Narren hielt, kam 1820 auf Symi zur Welt.

 

Die Schichten der Erinnerung

»Was anderes ist das menschliche Gehirn als ein natürliches und gewaltiges Palimpsest«, schrieb Thomas de Quincey 1845. Die Schichten der Erinnerung überlagern sich, das Neue überdeckt das Alte, Früheres drängt an die Oberfläche, vermengt sich mit Bildern, Ideen späterer Zeit. Konstantin Simonides, der Worteerfinder, hat sich eine Biografie geschrieben, vielleicht nicht nur, um andere zu täuschen, sondern sich selbst eine Geschichte zu geben, welche die Traumata seiner Kindheit umschifft. Denn unten, auf der tiefsten Schicht saß der Schmerz: über den Vater, der ihn verriet, über den »ehrenwerten«, so gläubigen Onkel Benedikt, der, häufig zu Besuch und unterwegs in obskurer Mission, ihn missbrauchte und mit zum Heiligen Berg Athos nahm. Hier, in der Abgeschiedenheit mönchischer Klausur, inmitten Folianten aus uralter Zeit, lernte er das Handwerk des Kopisten, das kunstvolle Ab- und Überschreiben.

 

Das historische Gedächtnis ist ein Konstrukt, geschaffen durch Anhäufung, Auswahl und Deutung, nur prüfbar durch kritische Hinterfragung, nur verlässlich unter Vorbehalt. Je weiter zurück die Vergangenheit, je geringer die Artefakte jener Zeit, desto mehr mengen sich Mythos und Fakt, Annahme und Wahrscheinlichkeit. Der Wunsch gibt das Ergebnis vor, die gefällige Brille der Täuschung trübt den Blick nüchterner Redlichkeit – erst recht in Zeiten des politischen Umbruchs, vermeintlicher Zeitenwende. Die Griechen, stolz, freiheitsliebend, selbstbewusst, so das gängige, beschönigend retuschierte Bild, entdeckten im frühen 19. Jahrhundert den Aufstand und die Nation, Europas Intellektuelle sowie die bürgerliche Elite die Antike als Vor- und Leitbild und unter dem Staub der Jahrhunderte die Wunderkammer der Vergangenheit, dessen Tore jetzt offen standen für Abenteurer, Hasardeure und Plünderer jeglicher Couleur. 

 

Vergnügliche Schelmenposse

Erst allmählich formierte sich die Altertumskunde, entwickelte sich ein bescheidener, aus heutiger Sicht dürftiger Werkzeugkasten zur Bestimmung des »echt« oder »falsch«. »Überall in Europa wurde Philologie noch wie vornehme Kurpfuscherei betrieben. Texte lässt man zur Ader, man verpasst ihnen Injektionen, und Überständiges fällt der Amputation anheim«, notiert Schaper, und Konstantin Simonides setzt an zur kometengleichen Karriere als griechischer Handschriftenprinz, der liefern kann, was der Markt begehrt: Neues, nie Dagewesenes, exquisit und so lange verschollen. Obwohl Zweifel sich meldet, vorsichtige Skepsis die Sensation hinterfragt, gespenstert der wortkarge und unerschöpflich produktive Simonides (mit erfundener Promotion und akademischen Ehren) durch den Mittelmeerraum, bevor er ansetzt zum Sprung in das Mekka der Antikenverklärung: das altehrwürdige London und Leipzig, die Stadt der Büchermacher und Enzyklopädisten.

 

In Konstantin von Tischendorf, dem Theologen und Forschungsreisenden, ganz lutherischer Biedermann und Koryphäe, begegnet der Grieche seinem Erzfeind. Mit sichtlicher Sympathie für den furchtlosen Fälscher schildert Rüdiger Schaper das Duell der so unterschiedlichen Antipoden, der langweilige stocksteife Gelehrte, aufrecht und ehrsam, gegen den erfindungsreich Volten schlagenden Griechen, der immer verrücktere Lügen auftischt und den großen Eklat nicht scheut, einen Skandal, der ihn ein paar Tage ins Gefängnis bringt und an dem die Gelehrten der Preußischen Akademie der Wissenschaften noch monatelang laborieren. Eine Schelmenposse, vergnüglich zu lesen, die weniger die Fälschung entlarvt, denn sonor und mit geschwollenem Kamm vorgetragene Professorenrechthaberei nebst Schadenfreude angesichts kollegialer Blamage.

 

Die Chimäre des Originals

Mit Tricks und Täuschung arbeiteten viele, auch der andere Konstantin. Von Tischendorfs Weste ist nicht blütenweiß und Schapers Exkurs über Professors Tischendorfs Schatzsuche führt eine wenig schmeichelhafte Seite des Leipziger Schriftnarren vor. Mit für europäische Forschungsreisende jener Zeit typischer Arroganz und Raffinesse erschwindelt er auf dem Katharinenkloster Blätter von biblisch altem Pergament, Manuskripte des Codex Sinaiticus, und lässt sich feiern an Höfen, Universitäten, Akademien. Was folgt, ist der aberwitzigste Gegenschlag, der Kampf um die Chimäre des Originals wird zum Possenstück, zur publizistischen Schlammschlacht: Der Meisterfälscher Konstantin Simonides erhebt, in einer formidablen, aufs Letzte setzenden Parade, den Codex C. S. zu seinem Werk, von ihm selbst auf dem Athos im Stile alter Meister geschrieben und auf verschlungenen Wegen an den Sinai verbracht.

 

Irgendwann um 1863 verschwindet Simonides, die Spur des genialen Fälschers und Hochstaplers verliert sich im Nebel der Mutmaßung, sie bleibt mysteriös, kryptisch wie der Anfang seines Lebens. Starb er 1867 in Alexandria, 23 Jahre später in den Klöstern von Meteora, wie die Londoner Times 1890 vermeldete? Simonides strikes again? Die Wissenschaft schreit auf, der geneigte Leser lächelt sich ins Fäustchen. Irgendwie gilt, für alle Literatur und auch für Rüdiger Schapers Buch, die erste und bisher einzige Simonides-Biografie: Schreiben heißt abschreiben. Überliefern. Weitertragen. So entstehen Geschichten, köstliche, wahrhaftige und wahrhaft gefälschte, so entsteht Geschichte. 

 

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