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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 18:58

    Pavel Kohout: Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel

    11.03.2011

    Zeitgeschichte mit Rauhaardackel

    Es gibt, vereinfachend typisiert, zwei Arten von lesenswerter Memoirenschreiberei. Die eine stellt geistreich ihr Licht unter den Scheffel, die andere lässt es geistreich funkeln und leuchten. Pavel Kohouts Wälzer, der im Untertitel Erlebnisse – Erkenntnisse verspricht, gehört ganz entschieden zur zweiten Kategorie. Daran lässt schon der Haupttitel, Schwejk’sche Ironie hin und her, keinen Zweifel: Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel. Angesagt ist also ein biographisches Stück vor großen Kulissen. Schrille Wehmut und bleibende Erkenntnisse entdeckt HANS-KLAUS JUNGHEINRICH.

     

    Es brauchte weniger als ein Vierteljahrhundert, um einen Namen, der für einige Zeit täglich von den Medien genannt wurde und gleichsam in aller Munde war, von der Furie des Verschwindens erfasst und dem Vergessen überantwortet zu sehen. Kohout, seit 1946 Mitglied der Kommunistischen Partei und Anhänger des reformkommunistischen »Prager Frühlings« 1968, war einer der Hauptinitiatoren der regimekritischen Bürgerinitiative »Charta 77«. Im Jahre 1979 wurde er gewaltsam nach Österreich abgeschoben; als österreichischer Staatsbürger gehörte er weiter zu den lautstärksten Anprangerern der realsozialistischen Unterdrückung.

     

    Als Prosaautor und unermüdlicher Stückeschreiber hatte er internationalen Erfolg – auch in den Ostblockländern, bevor er dort als »Dissident« gebrandmarkt war. Unfreiwillig im Westen ansässig geworden, machte er die Erfahrung, dass die hiesigen Linken und Linksliberalen, seine potentiellen Gesprächspartner, wenig Geschmack fanden an einem politischen Mahner, der mit seiner Stimme die offizielle westliche Position sozusagen lediglich schrill verstärkte. Leider funktionierte manches nach dem simplen Schema: Es ist allzu billig, auf dem Buhmann unseres eigenen politischen Gegners auch noch herumzuhacken. Der Feind des Feindes im Kalten Krieg darf uns, die wir diesen ablehnen, kein richtiger Freund sein. Zu den wenigen westdeutschen Intellektuellen, die nicht nach dieser Devise vorgingen, gehörten nach der Beobachtung Kohouts Heinrich Böll und, mit Einschränkungen, Günter Grass.

     

    In den Feuilletons linksliberaler Zeitungen (da muss sich der Schreiber dieser Zeilen an die eigene Brust schlagen) war das Dauerfeuer CSSR-kritischer Kohout-Texte schon deshalb unbeliebt, weil solche Materialien (darunter natürlich jeder Räusperer des antisowjetischen Helden Solschenyzin) zur systematisch antikommunistischen Strategie der Springerpresse gehörten. Generell lässt sich (uns) westlichen Publizisten der Vorwurf nicht ersparen, den Realsozialismus verharmlost und seine mutigen Gegner zu wenig unterstützt zu haben. Vor allem Exilanten wie Kohout mussten sich im linksliberalen Milieu der westlichen Demokratien vielfach im Stich gelassen fühlen.

     

    Mit allerlei Anekdotischem gewürzt

    Natürlich kann sich Kohout andererseits sagen, dass seine Theatererfolge im Westen wenigstens zum Teil seiner prominenten Dissidenten- und Märtyrerrolle im Realsozialismus zuzuschreiben waren. Nahezu fassungslos registrierte Kohout, wie nach dem Umsturz hierzulande das Interesse an seinen künstlerischen Hervorbringungen erlosch. Dabei gehörte Kohout nicht zu den Autoren, denen mit ihren politischen Feinden die Themen ausgingen. Mit leichthändigen Theater-, Film- und Fernsehadaptationen bemühte er sich um Präsenz. Von seinen früheren Sachen könnten wenigstens das Theaterstück August August, August (1967) oder der Roman Die Henkerin (1978) Bestand haben.

     

    Vielleicht auch der vorliegende (dritte und umfassendste) Versuch einer Autobiographie (für die deutsche Fassung zeichnen nicht weniger als vier Übersetzer), der als vielleicht besonders »tschechisches« Merkmal eine nicht-stromlinienförmige, eine recht gewundene und chronologisch hin- und zurückspringende Erzählweise pflegt, die man als mühsam empfinden könnte, wäre sie nicht mit allerlei Anekdotischem gewürzt.

     

    Immer wieder fallen dem Autor im Zuge der großen Zeit- und Lebensgeschichte auch kleine Geschichtchen ein, etwa die heiteren und traurigen von seinen diversen Rauhaardackeln, die man ebenso wenig missen möchte wie die minuziös zwischen liebevoll und boshaft changierenden Porträts berühmter Zeit- und Weggenossen wie Václav Havel, Milan Kundera, Alexander Dubcek, Karl-Heinz Stroux oder Václav Klaus (nein, bei diesem fehlt, zu Recht, der liebevolle Blick).

     

    Geschichte enthält Möglichkeitsräume

    Zu den bemerkenswerten »Erkenntnissen« des Buches gehört Kohouts Resümee des »Prager Frühlings«, der, wenn er eine weltpolitische Chance gehabt hätte, einen realistischen »Dritten Weg« hätte eröffnen können: »Belegen doch alle erhaltenen Spuren, dass der politische Prager Frühling keine gigantische Katerparty von Stalinisten war, die nach dem Blutrausch schlagartig wieder nüchtern wurden, sondern der Höhepunkt eines langjährigen, geduldig fortschreitenden und außerdem gesamtgesellschaftlichen Prozesses, der trotz seiner überstürzten Entwicklung der Ereignisse Hand und Fuß hatte« (Seite 177). Wie es scheint, überschätzt sich Kohout als literarische Figur nicht: »Auf die Gefahr der Oberflächlichkeit hin musste er [Kohout schreibt von sich in diesem Buch meistens in der dritten Person, H.-K. J.] nicht von den Kritikern aufmerksam gemacht werden, dessen war er sich selbst bewusst« (Seite 415).

     

    Auch Havels Bild als (Bühnen-) Autor ist inzwischen erstaunlich schnell verblasst. Kohout, Mitakteur und Zeuge des intellektuellen Widerstands in der späten CSSR, spricht in seinem Erinnerungstext aber nicht nur über den Schnee von vorgestern. Weniger plakativ als zwischen den Zeilen erweckt er beim Leser das bohrende Gefühl, dass Geschichte sich nicht alternativlos und deterministisch vollzieht, sondern immer – mögen sie auch noch so klein sein – Möglichkeitsräume enthält, die auf andere Entwicklungen hindeuten. Nach dem proklamierten »Ende der Geschichte« mag die Welt enger geworden sein, aber noch nicht unbedingt so, dass sie in ihrer fortwirkenden Geschichtlichkeit auf einen einzigen Ausgang zustürzt. Schwejk und Kohout kennen vielleicht keine Notausgänge. Aber sie haben gehört von solchen, die welche kennen, die von ihnen gehört haben. Treffen und befragen wir sie nach dem Krieg um sechs im »Kelch«.

     

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