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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 04:30

    Walther Kindt: Irrtümer und andere Defizite in der Linguistik

    11.02.2011

    Aus dem Schatzkästlein der Hochstapler

    Wie man mit Irrtümern und Defiziten Privilegien einheimst: Walther Kindt hat für sein Fach, die Linguistik, untersucht, welche Irrtümer und andere Defizite in den vergangenen Jahren in Umlauf waren und immer noch sind. Damit benennt er Fragen, die weit über die Linguistik hinausreichen, findet unser Autor THOMAS ROTHSCHILD.

     

    Über Jahre hinweg bestimmte die Nouvelle Cuisine die internationale Gastronomiekritik und das Geschwätz der Restauranttouristen, die dieser Kritik vertrauen. Kriterium der Beurteilung war Kreativität. Je fantasievoller und ungewöhnlicher ein Gericht daher kam, desto besser. In Deutschland war es Wolfram Siebeck, der die Nouvelle Cuisine propagierte und über den grünen Klee lobte. Irgendwann wurde er ihrer überdrüssig. Er entdeckte die »Ehrlichkeit« der regionalen Küche und der unverfälschten Produkte und spottete über den Firlefanz der Nouvelle Cuisine. Mit keinem Wort erinnerte er daran, dass er an ihrem Siegeszug beteiligt war.

     

    Im Essen und Trinken gibt es Moden. Dass auch Wolfram Siebeck ihnen folgt, ist nicht weiter schlimm. Aber dass er seine vergangenen Zeilen einfach vergisst, statt einen Irrtum einzugestehen, spricht nicht dafür, dass er so ehrlich ist wie eine kross gebratene Ente.

     

    Auch in den Wissenschaften gibt es Moden. In regelmäßigen Abständen gilt mal die Theorienbildung, mal die Empirie als »eigentlich wissenschaftlich«. Ein paar Jahre hindurch plapperten in den Kulturwissenschaften zahlreiche Hochschulangehörige den Jargon nach, denen ihnen ein paar Franzosen vorplapperten – nicht etwa, weil er neue Erkenntnisse vermittelt hätte, nicht etwa, weil er mehr zu leisten und zu erklären vermochte als vorausgegangene oder nachkommende Terminologien und Systeme, sondern weil er eben in Mode war. Wir wissen heute, dass sich die marxistischen oder feministischen Ansätze in Einzelwissenschaften bei vielen »Forschern« weniger einer Überzeugung als karriereförderndem Opportunismus verdankten. Als es nicht mehr dem Aufstieg diente, Marx zu zitieren, verschwand er sehr schnell aus den Fußnoten. Hatte man geirrt, als man sich auf ihn berief, oder irrte man, als man ihn ignorierte? Nun ist es ziemlich gleichgültig, wenn die Herde wie auf Befehl Avocados mit Shrimps oder Tiramisu isst oder Aperol Spritz trinkt. In den Wissenschaften ist es nicht ganz so wurscht, ob, was gelehrt wird, nur eine vorübergehende Mode oder eine zumindest zum gegebenen Zeitpunkt gesicherte Erkenntnis ist.

     

    Immerhin muss man Wolfram Siebeck zugute halten, dass ihm, im Gegensatz zur großen Mehrheit der Restaurantkritiker, mehr als fünf Adjektive zur Verfügung stehen, um zu beschreiben, was er irgendwo gegessen hat. Auch dieses Phänomen wiederholt sich in den Wissenschaften. Es gibt da die terminologischen Equilibristen, deren Statements so schön klingen, dass keiner mehr danach fragt, ob sie auch stimmen. Sie irren, aber sie irren auf attraktive Weise.

     

    Nirgends gibt es mehr weltfremde Dummköpfe als an Universitäten

    Nun sind Irrtümer in den Wissenschaften ebenso unvermeidbar wie in anderen Lebensbereichen. Fast möchte man behaupten, dass sie eine Bedingung von  Erkenntnis sind. Freilich gilt das nur, wenn sie als Irrtümer benannt werden, sobald sich herausstellt, dass sie es sind. Nicht, dass in der Wissenschaft geirrt wird, ist überraschend oder skandalös, sondern dass Irrtümer verschwiegen und über Jahre, ja Jahrzehnte hinweg als zutreffend aufrecht erhalten, kolportiert, gelehrt werden, wenn Selbstkritik nicht gerade wie im Fall des Marxismus – aus politischen, nicht wissenschaftsinternen Gründen – honoriert wird. Dass scheinbare Wahrheiten sich als überholt oder widerlegt herausstellen, liegt in der Natur menschlicher Erkenntnis. Verblüffend ist nur, mit welcher Beharrlichkeit solche überholte und widerlegte »Wahrheiten« verkündet werden, sei es, weil die Lehrenden unfähig sind, sich auf dem neuesten Stand der Forschung zu bewegen, sei es, weil sie aus kaum zu überschätzender Faulheit auf die immer gleichen Vorlesungsnotizen zurückgreifen. Das hängt eng mit dem Wesen und der Struktur des Wissenschaftsbetriebs zusammen. Für jene, die davon profitieren, ist die Verführung groß, sich zu verhalten wie ein Bankangestellter, der Geld unterschlagen hat und nun alles daran setzt, nicht entdeckt zu werden. Das akademische Milieu ist pathologisch, und die sich darin aufhalten, bilden sich tatsächlich ein, sie hätten Anspruch auf Respekt. In Wirklichkeit verdient jeder tüchtige Installateur und jede fleißige Sekretärin mehr Achtung als ein Universitätsprofessor. Gibt es etwas Lächerlicheres als jene eitlen Dozenten, die sich bei jeder Gelegenheit mit ihren akademischen Titeln schmücken, als besagten die etwas über ihre Fähigkeiten? Es gibt Grund zu der Annahme, dass sie ihre Titel nur deshalb vor ihre Namen setzen müssen, weil ansonsten nichts darauf hinwiese, dass ihnen einmal Bildung und intellektuelle Begabung attestiert wurden – zu Unrecht, wie sich leicht feststellen lässt. Nirgends gibt es mehr bornierte und weltfremde Dummköpfe als an den Universitäten. Auf Lehrstühle werden sie von Vertretern des Mittelmaßes berufen, die nichts so sehr fürchten wie eine wirklich kompetente Konkurrenz. Prämiert wird nicht Intelligenz, sondern Anpassungsbereitschaft und Opportunismus. Unsere Hochschulen sind, schaut man genauer hin, eine Heimat des Schwindels, und ein nicht zu unterschätzender Prozentsatz derer, die dort ihren Lebensunterhalt verdienen, darf ohne Abstriche als Hochstapler betrachtet werden – in kleinen Ländern wie Österreich noch auffallend häufiger als in größeren Ländern, wo nicht jeder jeden kennt und Seilschaften nicht flächendeckend das Sagen haben. Dass das nicht für alle gilt, dass es auch unter Hochschullehrern integre Menschen, pflichtbewusste Pädagogen und redliche Forscher gibt, versteht sich von selbst. Dass sie nicht die Regel sind, ist leider ebenso wahr.

     

    Nicht die Studenten, sondern die Ministerialbeamten und die Forschungsbeauftragten in der Industrie sind heute die Bezugspersonen von Professorinnen und Professoren. Sie verteidigen die permanente Vernachlässigung ihrer Residenzpflicht, sie bilden sich in ihrer Lehre nicht weiter, forschen wenig oder gar nicht, beziehen also überhöhte Gehälter für Leistungen, die hinter jenen eines Volksschullehrers weit zurückbleiben, sie nehmen, mit üppigen Reisebeihilfen versehen, an Tagungen in fernen Kontinenten teil, wo sie die immer gleichen Vorträge halten und danach sogleich den Hörsaal verlassen, weil sie Stadtrundgang und Cafébesuch mehr erfreuen als die ohnedies bekannten Vorträge der immer gleichen Fachkollegen, mit denen sie sich lieber anschließend beim kalten Büffet treffen. Sie verschleudern Steuergelder und schweigen zugleich zu den radikal verschlechterten Studienbedingungen und der ökonomischen Lage ihrer Studenten. Sie haben es längst billigend hingenommen, dass ein Studium für »sozial Schwache« kaum mehr finanzierbar ist. Sie haben es in ihrer großen Mehrheit schweigend akzeptiert, als der Anteil der Kinder von Nicht-Akademikern unter den Studierenden schrumpfte, als demokratische Strukturen an Hochschulen abgebaut wurden. Sie haben in ihrer großen Mehrheit die zunehmende Abhängigkeit der vom Ideal her autonomen Hochschulen von den Interessen und Bedürfnissen der Wirtschaft geduldet, wenn nicht gar unterstützt. Sie nicken beifällig, wenn von der Einführung des Leistungsprinzips nach dem Modell der Wirtschaft an den Hochschulen die Rede ist, obwohl sie nichts mehr fürchten müssen als eine Beurteilung ihrer tatsächlichen Leistung. Doch sie heulen auf, wenn es um ihre Sonderrechte geht. Wer aber überprüft deren Berechtigung?

     

    Keiner kontrolliert die Hochschullehrer

    Von Hochschullehrern wird zu Recht erwartet, dass sie am Ort ihrer Arbeitsstätte wohnen. Es gehört zu ihren Dienstpflichten, für Studenten erreichbar zu sein. In der Praxis jedoch gibt es nicht wenige Professorinnen und Professoren, die 200 km und mehr von ihrem Dienstort entfernt leben und sich, während der Vorlesungszeit, also rund dreißig Mal im Jahr, wöchentlich zwei bis drei Tage an ihrer Hochschule aufhalten. Nun mag man einwenden, dass zu ihren Dienstaufgaben die Forschung gehöre und diese nicht unbedingt am Ort der Lehre stattfinden müsse. Das ist richtig. Aber wer kontrolliert, ob tatsächlich geforscht wird? Wer kontrolliert den Output eines Freisemesters, das ausschließlich zum Zweck der Forschung bewilligt wurde? Der Hochschullehrer, der seit seiner Habilitation allenfalls ein paar Rezensionen veröffentlicht hat, ist kein Einzelfall. Das viel geschmähte amerikanische Prinzip des »publish or perish« produziert zwar viel Mittelmaß, das allerdings auch ohne das genannte Prinzip gedeiht, aber es hat immerhin den Vorteil, jene auszusondern, die sich durch nichts als Faulheit auszeichnen.

     

    Nun mag man entgegnen, dass ein Professor, der wenig oder gar nicht forscht, vielleicht umso mehr Zeit und Mühe in die Lehre investiert. Ach wäre es doch so. In Wahrheit gibt es jede Menge Hochschullehrer, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg Semester für Semester, im günstigsten Fall in einem Zyklus von vier Jahren, die gleichen Lehrveranstaltungen anbieten, die nichts kennen außer Routine und ihre Notizen aus den Anfängen ihrer Lehrtätigkeit. Was spricht eigentlich dafür, dass solche Langweiler ein geringeres Stundendeputat haben als Lehrer an Gymnasien oder Volksschulen, die sich noch dazu mit lernunwilligen Kindern abplagen müssen?

     

    Und keiner kontrolliert die Hochschullehrer. Eine Krähe kratzt bekanntlich der anderen nicht das Auge aus.

     

    In dem von Dorothee Kimmich und Alexander Thumfart herausgegebenen Suhrkamp-Bändchen Universität ohne Zukunft? rekonstruieren die Herausgeber das Bild vom »faulen Professor«, das, wie sie schreiben, in den Medien verstärkt zirkuliert:

     

    »Mit ewig gleichen Themen wird, so die Stereotypisierung, Studentengeneration auf Studentengeneration traktiert, Blitzvergreisung praktiziert, ‚Steckenpferde’ werden mit Inbrunst über Jahre zu Tode geritten, Seminartermine auf die späten Abendstunden oder die Freitage gelegt, um nur ja sicher zu sein, dass sich keine Studierende/kein Studierender blicken lässt, Doktorandenseminare mit KollegInnen großzügig aufs Lehrdeputat angerechnet, Sprechstunden und Betreuungsgespräche werden nur lax und zudem widerwillig wahrgenommen und fallen in der vorlesungsfreien Zeit meist aus, da sich der verbeamtete Wissenschaftsverwalter  im sonnigen Süden oder auf (natürlich als Dienstreisen abgerechneten) Konferenzen tummelt.«

     

    Was daran wäre falsch? Handelt es sich wirklich nur um ein von den Medien erzeugtes Stereotyp? Kann nicht vielmehr jeder, der sich an Universitäten aufhält, bestätigen, dass all dies zwar nicht immer und überall, aber doch sehr häufig der Realität entspricht, ja noch untertrieben erscheint?

     

    Beträchtlicher Schaden durch falsche Thesen

    Die Herausgeber der Aufsatzsammlung führen aus: »In dieser Perspektive scheinen, um eine Bemerkung von Norbert Elias aufzugreifen, Professuren gewisse Merkmale nicht nur mit souveränen sondern vor allem absolutistischen Staaten zu teilen, bei denen die interne Kontrolle nach unten hoch, die externe Kontrolle gleich Null und Widerstand riskant ist, erarbeiteter Mehrwert monopolistisch angeeignet wird und Freiheit (als Willkür de legibus solutus) nur auf der Seite des Monarchen existiert. Impliziert ist darin auch das mehr oder weniger eifersüchtige Wachen über die eigene Domäne (nicht umsonst Wissensgebiet benannt), das sowohl Interdisziplinarität verweigert als auch jedwedem externen Einflussversuch – woher auch immer – heftigen Widerstand zur Erhaltung des komfortablen Status Quo entgegensetzt.«

     

    Wenn das stimmt, muss man sich nicht weiter darüber wundern, dass die Irrtümer, auf denen der eigene Status und die genossenen Privilegien beruhen, mit aller vorhandenen Energie camoufliert und verteidigt werden. Es mag ja von geringer Bedeutung sein, wenn man Spinat noch für gesund hält, nachdem diese Volksweisheit längst widerlegt wurde. In der Medizin ist es schon folgenreicher, wenn man mittlerweile als schädlich erkannte Medikamente verabreicht oder nach überholten Methoden behandelt. Aber auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften wird beträchtlicher Schaden angerichtet, wo an falschen Thesen und Behauptungen festgehalten wird. Wäre dem nicht so, müsste man am Sinn der Wissenschaften überhaupt zweifeln. Wenn, was sie als gesicherte Erkenntnis verlauten, beliebig ist und durch ihr Gegenteil ersetzt werden kann, dann kann man auf Hochschulen verzichten. Den Steuerzahler wird es freuen.

     

    Irrtümer und Defizite in der Linguistik

    Nun hat ein Autor für ein spezifisches Fach, die Linguistik, untersucht, welche Irrtümer und andere Defizite in den vergangenen Jahren in Umlauf  waren und immer noch sind. Walther Kindt vertritt das Fach an der Universität Bielefeld. Er weiß also, wovon er spricht. Und es ist vielleicht von Belang, dass er von außen kommt, von der Mathematik über die Mathematische Logik zu den Formalen Sprachen, einem Grenzbereich der Linguistik. Das hat ihn vielleicht davor bewahrt, gegenüber alten Lehrsätzen betriebsblind zu werden.

     

    Um nicht ins Uferlose zu geraten, konzentriert sich Kindt in seiner Mängelbeschreibung exemplarisch auf drei Einführungen, die im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends erschienen sind. Das ist insofern sinnvoll, als davon ausgegangen werden kann, dass diese bereits mehrfach aufgelegten Bücher in der Lehre benützt und mangels kritischer Kompetenz bei Studienanfängern für zuverlässig gehalten werden.

     

    Gleich zu Beginn bezweifelt Kindt die Zweckmäßigkeit des üblichen Einstiegs in die Linguistik über die Semiotik, die allgemeine Zeichentheorie. Insbesondere kritisiert er de Saussures Zeichenbegriff, weil er »den Prozess der Bedeutungskonstitution unzulässig simplifiziert«. In den nachfolgenden Kapiteln beschäftigt sich der Autor mit einzelnen Teilgebieten der Linguistik, mit Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Pragmatik, Textlinguistik und Gesprächsanalyse. Damit folgt er der konventionellen Anordnung von kleineren zu größeren Einheiten der Sprache.

     

    Manche von ihm zitierte Beispiele und Details sind nur für Leute vom Fach nachvollziehbar und überprüfbar. Kindt stellt auch nicht immer Behauptungen auf, sondern macht oft nur auf Fragwürdigkeiten aufmerksam, die freilich – und das ist in der Wissenschaft unzulässig – gemeinhin ignoriert werden. Als roter Faden zieht sich der Ausweis von nicht (hinlänglich oder eindeutig) definierten Begriffen durch das Buch. Wer mit ihnen operiert, riskiert Missverständnisse und falsche Schlussfolgerungen.

     

    Zu den Grundgedanken, die Kindts Argumentation prägen, gehört auch die Einmahnung von Empirie. Damit freilich gerät er in einen Dissens, der nicht selten den Charakter eines Glaubensstreits hat. Die radikalen Verfechter einer theoretischen Linguistik werden den Forderungen, die ironischerweise just ein ehemaliger Mathematiker an sie stellt, nicht nachkommen wollen. Auch spiegeln sich in den wechselnden Positionen zu mehr Theorie oder mehr Empirie wissenschaftsgeschichtliche Bewegungsgesetze. Alle paar Jahre führt die Unzufriedenheit mit dem einen Standpunkt zu einer Gegenreaktion, die zunächst übersteigert scheinen mag und alles ausklammert, was nach Kompromiss aussieht. Manche Defizite verdanken sich der tatsächlichen oder eingebildeten Notwendigkeit, eine neue »Schule« oder »Richtung« gegen die Tradition durchsetzen zu müssen. Solche Auseinandersetzungen können sogar kämpferischen Charakter annehmen, und ihre Protagonisten unterscheiden sich gelegentlich kaum von Anhängern einer Fußballmannschaft. Dass dies der Wahrheitsfindung dienlich ist, darf bezweifelt werden.

     

    Versprechen des komplizierten Untertitels nicht eingelöst

    Ob es gerechtfertigt ist, die Textlinguistik als »relativ neues Teilgebiet« zu kennzeichnen, sei dahingestellt. Sie wird, schwerpunktmäßig gerade in Bielefeld, wo Kindt lehrt, immerhin schon seit fast einem halben Jahrhundert betrieben. Andere, tatsächlich jüngere Teilgebiete der Linguistik untersucht Kindt gar nicht erst. Vielleicht will er ihnen Gelegenheit geben, ihre eigenen Irrtümer und Defizite zu produzieren. Sicherlich hat er Recht mit dem Befund: »Widersprüchliche Analyseergebnisse werden teilweise als unvermeidbar deklariert und jedenfalls nicht als Anlass für eine Theorien- und Methodenüberprüfung genutzt.« Das, so dürfen wir ergänzen, gilt allerdings weit über die Linguistik hinaus. In trivialer Form beschreibt es sogar die öffentlichen Debatten jenseits der Wissenschaft, in Politik und öffentlichem Leben.

     

    Man kann Kindts Buch auch lesen als ausführliche Rezension der drei Einführungen, mit denen er sich vorzugsweise beschäftigt. So betrachtet wird das Versprechen des komplizierten Untertitels nicht eingelöst. Nicht alle aufgezeigten Probleme sind wissenschaftslogischer Natur, und Erkenntnisfortschritte gibt es durchaus trotz Irrtümern und Defiziten. Selbst »‚Betrügereien‘ leisten oft wesentliche Beiträge zur wissenschaftlichen Wahrheitsfindung«, schreibt Federico Di Trocchio in seinem Buch Der große Schwindel. Betrug und Fälschung in der Wissenschaft. Und zwischen Betrug und Fälschung auf der einen Seite und Irrtümern und Defiziten auf der anderen gibt es einen Unterschied, wenngleich die Grenzen fließend sind.

     

    Ärgerlich bei einem nicht gerade preisgünstigen Buch, das ausgerechnet die Sprache zum Gegenstand hat, ist die schlampige Edition, die Häufung von Druckfehlern. Es verdiente einen Anhang über die Defizite der Wissenschaftsverlage. Sie sind in den vergangenen Jahren nicht geringer geworden.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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