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Klaus Schultz: Offen sein zu - hören

04.02.2011

Klug, nüchtern, feinsinnig

Der Dirigent Christoph von Dohnányi, vornehmlich in Selbstzeugnissen, herausgegeben von Klaus Schultz. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts veränderte sich das Dirigentenbild fundamental. Der »Herrgott in Schwarz« (analog zum Chefarzt, dem »Herrgott in Weiß«) wich dem technisch orientierten und psychologisch feinfühligen Koordinator komplexer Klangmassen (und Musiker-Individuen!), dessen mimetische Begabung als »Musikdarsteller« ein schönes Surplus für eine ersprießliche Podiumskarriere ist.

 

Ältere Berliner Philharmoniker erinnern sich noch lebhaft ihrer Ängste vor der Autorität Karajan, der Erzählungen ihrer Kollegen von Furtwänglers Despotie. Selbst ein freundlicher Mann wie Rafael Kubelik pflegte »seine« hochqualifizierten Münchner Rundfunksymphoniker als »Kinder« anzureden. Zwischen den Generationen Kleiber Vater und Sohn wechselte die Dirigentenphysiognomie dann aber drastisch: der Ältere (Erich) ein Autokrat und »General«, schneidige Bewegung und schneidende Stimme; der Jüngere (Carlos) ein der Musik Hingegebener, ein die beteiligten Musiker glossolalisch Ansprechender, ja erotisierend Verführender.

 

Christoph von Dohnányi, Jahrgang 1929, ist sozusagen unversehens in die Rolle eines der großen Alten der internationalen Dirigentengarde geraten. Einer, der durchhält. Er hat, ähnlich wie der zwei Jahre ältere Michael Gielen, die »Demokratisierung« (vielleicht könnte man auch Humanisierung sagen) des Dirigenten am eigenen Leib erfahren und vollzogen. In jungen Jahren mehr ein Draufgänger und seine überlegene Begabung gerne auch einmal schnoddrig-selbstherrlich ausspielend, ist er später besonnen, kooperativ und konziliant geworden.

 

Dass diese Konzilianz sich indes künstlerisch nicht korrumpieren lässt, zeigt sein kürzlich abrupt und wohl schmerzlich vollzogener Bruch mit dem NDR-Symphonieorchester Hamburg, das man dafür prädestiniert gehalten hätte, wie einst mit Günter Wand eine dauerhafte Alterspartnerschaft mit Dohnányi einzugehen.

 

Spezialist für vieles

Der prächtig formatierte und gediegen ausgestattete Dohnányiband mit dem auf etwas spröde Art schönen Titel OFFEN SEIN ZU - HÖREN ist so etwas wie ein verspätetes Geschenk zum 80. Geburtstag des Dirigenten und, ja durchaus, ein aktuelles musikpolitisches Kompendium für den Leser. Herausgeber Klaus Schultz, der viele Jahre ein enger Mitarbeiter Dohnányis war,  führte zahlreiche Gespräche und brachte den Künstler zum Reden – und Dohnányi, dem das Schreiben von Memoiren anscheinend fernliegt, äußerte sich da immer ebenso klug wie freimütig. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, erzählt er auch, wie er als 15jähriger in der Berliner Wohnung  nach dem 20. Juli den Abtransport seiner Eltern von der Gestapo miterlebte (sein Vater wurde hingerichtet).

 

Zu den Ko-Autoren, die einzelne Aspekte oder Stationen der Dirigentenlaufbahn beleuchten, gehören (der ältere Bruder) Klaus von Dohnányi, Stephan Mettin, Peter Mario Katona, Ulrich Schwab und Gerard Mortier. Anja Silja, die frühere Gattin, widmet dem »künstlerischen und persönlichen Partner« souverän warmherzige Gedanken.

 

Bevor er seine langjährige Bindung an das Cleveland-Orchester einging – oft als das traditionell beste aller amerikanischen Spitzenorchester apostrophiert, und mit Dohnányi ist es bestimmt nicht schlechter geworden – bezeichnete der Dirigent sein Frankfurter Operndirektorat als den Höhepunkt seiner Laufbahn. In der Tat hat die dezidiert »moderne« Ausrichtung der Frankfurter Oper nicht erst mit Gielen/Zehelein begonnen, sondern bereits in der – wenn auch noch nicht ganz konsequent – dramaturgisch gewitzten vorangegangenen Ära.

 

Eine von Dohnányis Pioniertaten war da die Entdeckung des Regisseurs Peter Mussbach – die nach einer historisch »zu frühen« Dekonstruktion der »Götterdämmerung« (ein Jahr vor dem Bayreuther »Jahrhundert-Ring« Patrice Chéreaus) nach hausinternen Querelen sofort wieder kassiert wurde. Diese kleinmütige Entscheidung Dohnányis warf insgesamt einen (womöglich ungebührlich) langen Schatten auf seine Frankfurter Arbeit.

 

Christoph von Dohnányi ist am Dirigentenpult ebenso gerne ein feinsinniger Ziseleur wie ein Entfessler gewaltiger Klangräusche. Er liebt diese gerne »on the rocks«, und deshalb ist er, der immer sehr viel Richard Strauss und besonders die »harten« Sträusse dirigiert hat, ein ganz spezieller Strauss-Liebhaber, der sich niemals mit der politischen Dummheit dieses Musikers versöhnen kann, aber auch niemals dessen faszinierende musikalische Intelligenz aus dem Auge (und Ohr) verliert.

 

Dohnányi hat ein großes, vor allem aber ein vielfältiges Repertoire. Er ist aber kein »Allesfresser« unter den Interpreten, eher ein »Spezialist für vieles«. Über Komponisten hat er eigene und fundierte Ansichten. Scheinbar en passant gelingen Dohnányi dabei wunderbar erhellende Formulierungen, etwa: »Mendelssohn war jemand, der so viel fand, dass er das Suchen nicht lernen musste«. Überall in den Gesprächen kommt er zu wichtigen Einsichten. Der eher nüchterne Mann wirbt vielleicht nicht sonderlich um Sympathie. Aber der aufmerksame Leser dieses Buches wird sie ihm – immer mehr, immer dankbarer – entgegenbringen.

 

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