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    Montag, 29. Mai 2017 | 19:02

    Johann-Günther König: Die Geschichte des Automobils

    07.01.2011

    Der Traum vom »Wagen ohne Pferde«

    Das moderne Auto wurde von Carl Benz und Gottlieb Daimler erfunden! So stellt man sich hierzulande den Startschuss der »automobilen Gesellschaft« im Allgemeinen vor. Aber warum feiern dann Frankreich, England und Deutschland in drei unterschiedlichen Jahren den Geburtstag des Automobils. Und was bedeutet dieser Begriff überhaupt? Der Bremer Autor Johann-Günther König stellt scheinbar einfache Fragen - und gibt uns in Die Geschichte des Automobils verblüffende Antworten. JÖRG FUCHS taucht in die Frühzeit der Kraftfahrzeuge ein.

     

    Zunächst nehmen wir das Buch mit Erstaunen zur Hand: In diesem schmalen Bändchen von nicht einmal 200 Seiten soll die Geschichte eines Gegenstandes erzählt werden, der wie kaum ein zweiter das 20. Jahrhundert technisch und kulturell geprägt hat? Kann das funktionieren? Es kann: Der Autor verfolgt die Idee, zunächst die Vorgeschichte der heute als Autos bekannten Gefährte zu beleuchten. Denn – so seine Einschätzung – wer die Geschichte des Automobils zu kennen glaubt, »kennt im Zweifelsfall nur ihr Ende« - und damit die vor dem Umbruch stehende Automobilbranche des beginnenden 21. Jahrhunderts.

     

    Die für die Technikentwicklung so wichtige »Vorzeit« des Automobils wird heute im Rückblick gerne als Zeit der primitiven und dinosaurierhaften Fortbewegungsmittel belächelt. Sicher – zahlreiche mit Kohle und Dampf angetriebene Gefährte die vor Carl Benz’ Zeiten die Straßen befuhren, muten aus heutiger Sicht abenteuerlich an; wer aber, wie Johann-Günther König, genauer hinblickt, dem wird schnell klar, dass zahlreiche wichtige Techniken rund um das Automobil, die wir noch heute benutzen, bereits Jahre vor der Erfindung des Verbrennungsmotors serienreif auf der Straße in Gebrauch waren. Dazu zählen beispielsweise die Gangschaltung, das Differentialgetriebe oder der Einsatz von Pedalen zur Fahrzeugbeherrschung.

     

    Fahr(zeug)kultur im 19. Jahrhundert

    Wie hoch entwickelt die Fahrzeugkultur vor der Zeit des Explosionsmotors war, lässt sich neben den technischen Errungenschaften auch am Ausbau des Straßennetzes nachvollziehen: Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts existierte in Frankreich ein überregionales Straßennetz mit einer Länge von 36.000 Kilometern. Auf diesem fuhren vor allem Dampfbusse, die zwischen sechs und zwölf Personen aufnehmen konnten. Ein 1890 eingesetzter Bustyp enthielt erstmals ein noch heute in jedem Fahrzeug eingesetztes Bauteil: die Panorama-Windschutzscheibe.

     

    Gründe, warum sich Dampffahrzeuge nicht endgültig durchsetzen konnten, sieht König weniger in technischen Belangen. Gesellschaftliche Widerstände und behördliche Restriktionen verhinderten einen Durchbruch der Dampfwagen als Fortbewegungsmittel auf breiter Basis: Lobbyisten der Pferdekutschenbetreiber und maschinenstürmende Arbeiter, die um ihre wirtschaftliche Zukunft bangten, sorgten beispielsweise in England ab 1865 dafür, dass der Gesetzgeber Dampffahrzeugen auf öffentlichen Straßen eine Höchstgeschwindigkeit von drei Stundenkilometern vorschrieb. Hohe Mautabgaben sowie Steuerbelastungen machten den Einsatz solcher Wagen darüber hinaus unrentabel. Die Dampfmaschinenhersteller orientierten sich vermehrt auf den weniger reglementierten Sektor der Eisenbahnen und Dampfschiffe.

     

    Wessen Gene trägt das Auto?

    Bevor König die Frage nach der technischen Herkunft des Automobils stellt, ordnet er zunächst die Begrifflichkeiten: So sprach man bei Motorgetriebenen Fahrzeugen zu Zeiten Carl Benz’ hauptsächlich von »Wagen« oder »Motorwagen«. Die Bezeichnung »Automobil« entwickelte sich zunächst umgangssprachlich sowie in der Werbung und wurde später als Bezeichnung für Fahrzeuge mit Explosionsmotor in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen.

     

    Konsequenterweise betritt der von Carl Benz 1886 entwickelte »Patent-Motorwagen« in Form eines motorisierten Dreirades erst im vierten Kapitel des Buches die Bühne und läutet an dieser Stelle die Ära der Fahrzeuge mit Gasmotorisierung ein. Dabei kannte man, wie wir erfahren, Gasmotoren zu dieser Zeit schon länger: Sie wurden bereits seit den 1850er Jahren erfolgreich stationär eingesetzt.

     

    Anschließend stellt König in einem Einschub die Frage, welchen Stellenwert das Fahrrad auf die Entwicklung des Kraftfahrzeugs hatte. Viele Betrachtungen zur Automobilgeschichte nennen das Fahrrad (mit dem Umweg über das motorisierte Zweirad) als wichtigen technischen Vorfahren des Automobils. König jedoch verneint diesen Zusammenhang: er sieht im Fahrrad eine eigenständig-mechanische Konstruktion, die sich wegen ihrer Anforderungen grundlegend von der des Automobils unterschied. Statt des Fahrrads sei die Dampfmaschinen- und Eisenbahnindustrie technischer Geburtshelfer des Automobils gewesen; keiner der namhaften Entwickler in der Automobilzunft, wie Benz, Maybach oder Daimler, hatte laut König Bezug zur Fahrradindustrie. Henry Ford experimentierte zwar anfangs mit einer motorgetriebenen Fahrradkonstruktion, verwendete aber letztlich zur Autokonstruktion seine Kenntnisse über dampfgetriebene Schlepper. 

     

    Nicht nur für Leser mit Benzin im Blut

    Die anschauliche und mit zahlreichen Beispielen und umfangreichem Quellenmaterial versehene Darstellungsweise ermöglicht allen Lesern einen leichten und auch unterhaltsamen Zugang zur Geschichte des Automobils. Neben den Entwicklungen in der »Vorzeit« des Automobils betrachtet König das Fahrzeug auch als Sport- und Kriegsgerät. Man muss nicht mit dem Geruch von Motoröl aufgewachsen sein, um diesem Buch etwas abgewinnen zu können. Natürlich steigert sich der Lesegenuss, wenn man ein wenig mit der Materie vertraut ist - wenn man weiß, was sich hinter dem Begriff »Ekliptikfeder« verbirgt oder welche Vorteile die Achsschenkellenkung im Gegensatz zu anderen Techniken besitzt. Dass der Autor manche Begriffe nicht, andere erst nach mehrfacher Benutzung erläutert, ist in diesem Fall kein Ärgernis, denn er zieht sich nicht auf die Ebene technikverliebter Detailbeschreibungen zurück. Stattdessen beschreibt er die Automobilentwicklung vor dem Hintergrund technischer, kultureller und sozialer Wandlungen. Seine Aussagen bleiben dadurch auch für den Laien nachvollziehbar. An manchen Stellen hätten wir uns hingegen ein wenig mehr Detailfreude gewünscht, vor allem in den Bereichen der kulturellen Technikaneignung und -kritik sowie den sozialen Auswirkungen neuer Techniken. Eine stärkere Vertiefung in die zahlreichen Quellen, die König benutzt, hätte die Darstellungen sicherlich lebendiger gemacht. Dennoch überzeugt das Buch durch einen geschickten Aufbau und die Darstellung vieler Fakten, die selbst eingefleischten Motoristen bislang nicht unbedingt bekannt gewesen sein dürften.



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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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