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Peter Scholl-Latour: Die Angst des weißen Mannes

31.12.2010

Abgesang auf den weißen Mann

Peter Scholl-Latour erklärt in Die Angst des weißen Mannes die Welt - wie sie war, ist und sein wird. Er weiß wovon er spricht. 30 Jahre nach dem Tod im Reisfeld wendet Scholl-Latour sich wieder dem fernen Osten zu, mit diesem Abgesang über die Angst des weißen Mannes vor einer zukünftigen neuen Hegemonie. Von HARTMUTH MALORNY

 

Der Asiat klopft an die Tür - so beginnt eine neue Weltordnung mit einer Vorherrschaft des Ostens. Sie wird jene ablösen, die sich seit 500 Jahren durch den weißen Mann manifestiert hat, also vom Westen - Europa und den USA, denn im Zeichen der Globalisierung steht eine Verlagerung und Veränderung der Machtstrukturen bevor, die Welt ist im Wandel.

 

Scholl-Latour beleuchtet Geschichte und Geschehnisse einiger jenseits des 60. Längengrad gelegener Länder, die er zwischen 2006 und 2009 bereiste. Er trifft alte Weggefährten aus seiner Korrespondentenzeit bei ARD und ZDF und sieht inmitten der politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, dass sich der globale Umbruch schneller vollzogen hat als ihm lieb ist. Denn nach dem Motto des britischen Schriftstellers Evelyn Waugh: »When the going was good«, den Scholl-Latour zitiert, drückt er sich selbst gerne so aus: »Ich fühle mich in eine längst verflossene Kolonialepoche zurückversetzt, die ich in überwiegend positiver Erinnerung behalten habe … ich verspüre einen Hauch von Nostalgie.« Das spüren wir ebenfalls, denn die Zeit vergeht nicht von selbst, sie vergeht durch Ereignisse, und darüber spricht Scholl-Latour in einem Wechsel zwischen damals und heute, und manchmal plaudert er beinahe salopp, ist wieder ganz Auslandskorrespondent und lässt offen, ob früher alles besser war.

 

Zum Beispiel der Jahrzehnte dauernde unsinnige Konflikt auf Timor-Leste, ein winziges zweigeteiltes Eiland, das jetzt nur noch halb zu Indonesien gehört, die andere Hälfte hat sich mit Ost-Timor selbstständig gemacht - und die Unabhängigkeit teuer erkauft. Indonesien, das sind 1500 Inseln, 240 Millionen Einwohner, und mit 220 Millionen Muslimen der zahlenstärkste Staat der islamischen Umma. Hier gilt der weiße Mann weniger als ein verlorener Tiroler-Hut.

 

Zum Beispiel China: Jahrtausende lang Kaiserreich, nun sozialistische Volksrepublik. Abgesehen vom Opiumkrieg 1839 und dem Boxeraufstand 1900, verloren sich die westlichen Mächte im Bestreben dieses Land zu okkupieren und missionieren, denn China schottete sich wiederholt ab, und verfügt heute über die weltweit größten Devisenreserven und hält sein Wirtschaftswachstum künstlich klein.

 

In Neuseeland, wo sein Sohn lebt, findet der Scholl-Latour den historischen und alltäglichen Umgang zwischen Maoris und Kiwis sowie anderen Immigranten dieses ethnischen Sammelbeckens, für ganz akzeptabel und meint: »Das moderne Neuseeland präsentiert sich nun einmal als sehr pragmatischer Außenposten europäischer Lebensart«. Dazu skizziert er die Kolonialisierungsversuche der Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts im Pazifik, die nach dem Ersten Weltkrieg ihren unrühmlichen Abschluss fanden.

 

Reise durch Welt im Umbruch

Dann Brasilien, das erst im Epilog behandelt wird und gewisse Parallelen zu den asiatischen Ländern zeigen soll: Einst war es Portugals Kolonie, wurde 1822 unabhängig und expandierte nach dem Militärputsch 1985 dermaßen, dass es heute der bevölkerungsreichste Staat südlich des Panamakanals ist. »Unter allen Ländern … erscheint mir Brasilien als das unerklärlichste. Hier sind wir nicht nur in der ›Neuen Welt‹ angekommen, hier begegnen wir einer neuen Menschheit, und die Vermutung stellt sich ein, dieses könnte die Menschheit der Zukunft sein.«

 

Wurde Asien früher als unterentwickelten Kontinent gesehen, beheimatet er heute ›Schwellenländer‹, die morgen Großmächte sein werden, allen voran China und Indien – der Verfasser nimmt uns jeden Zweifel. Es rumort auch dort, wo sich seit dem Zerfall der Sowjetunion souveräne Staaten gebildet haben - von der Weltöffentlichkeit wenig beachtet. Auch Scholl-Latour erwähnt es nur am Rande, er bleibt ein Freund der Tropen. Über Kirgistan hängt die Enttäuschung der »Tulpen-Revolution«, in Kasachstans Hauptstadt Astana besucht der Autor das »Lido« und meint: »Der Tag endet in einem Sündenpfuhl.« Und gleich darauf schwenkt er zurück, beinahe drei Jahrzehnte, und berichtet, wie er damals von flüsternden Unbekannten auf den Erwerb einer Bluejeans angesprochen wurde (»ein extravagantes heißbegehrtes Kleidungsstück«).

 

Als das Buch in seiner Erstauflage 2009 im Propyläen-Verlag erschien, trug es den Untertitel Eine Welt im Umbruch. Der Autor hat die Welt über 60 Jahre lang bereist und Umbrüche erlebt, die, waren sie nur weit genug weg vom eigenen Wohnzimmer, viele entweder längst vergessen oder kaum wahrgenommen haben. Er weist auf die zunehmende Mittelmäßigkeit der USA als Weltmacht hin, was seiner Meinung nach weniger am Volk, als an den wechselnden Präsidenten liegt, denn »vermutlich wäre es für die Bürger der USA … von Segen gewesen, wenn zum Zeitpunkt des fürchterlichen Schocks (9/11), ein Skeptiker … die Geschicke des Landes gelenkt hätte«.

 

Fazit: Nach Beendigung des Kalten Krieges büßten die USA sukzessive ihre allumfassende Vormachtstellung ein, während andernorts aus Spaltung Autonomie entstand, siehe Sowjetunion, gleichzeitig entwickelte sich auch eine Vision europäischer Unzulänglichkeit. Nun, hauptsächlich handelt es sich hier um eine Reisechronik, wie man sie von einem Mann dieser Spezies erwartet, also verknüpft er die Geschichte mit Geschichten, zieht Schlüsse, philosophiert und resümiert: »Es kann einen sogar einen Schauer überkommen bei der Perspektive auf eine globale Entwicklung, an deren Ende das biologische Ende des weißen Mannes stünde.«

 

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