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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 20:49

    Mareile Kurtz: Pfui Spinne, Watte, Knopf!

    03.12.2010

    Leben mit der Angst

    Bricht Ihnen der Angstschweiß aus, wenn Sie Spinnen sehen? Fürchten Sie sich vor Ihrem Spiegelbild? Verabscheuen Sie große Höhen? Dann leiden Sie möglicherweise unter einer Phobie. Mareile Kurtz porträtiert in ihrem Buch Pfui Spinne, Watte, Knopf! Menschen, die sich mit ungewöhnlichen Ängsten herumschlagen müssen. Das beste Beispiel gibt sie selbst: Sie fürchtet sich vor Knöpfen an Kleidungsstücken. JÖRG FUCHS begibt sich in die Welt der »Sonderlinge«.

     

    Die Ängste der Autorin sind im Alltag mehr als hinderlich: Bereits der Anblick von Knöpfen löst bei ihr Fluchtreflexe aus, Wörter wie »Knopf« oder »zugeknöpft« gehen ihr nur schwer über die Lippen. Aber sie hat Mittel und Wege gefunden, sich in einer Welt voller textiler Widrigkeiten zu behaupten: So näht sie Knopfleisten an Blusen ganz einfach zu, um sich das Berühren der Knöpfe zu ersparen. Ähnlich ergeht es den anderen Personen, die in diesem Buch über ihre teilweise ungewöhnlichen Ängste berichten: Sie alle mussten lernen, sich diesen zu stellen oder mit Hilfe von besonderen Strategien deren Auslöser zu entziehen.

    Ängste können ganz unterschiedlicher Art sein; die dargestellten Personen leiden überwiegend unter spezifischen Phobien, also Ängsten vor bestimmten Gegenständen oder Situationen: Eine Frau ängstigt sich vor Watte, ein junger Mann fürchtet sich vor Spritzen, was den Arztbesuch zur Tortur werden lässt und ein Student ekelt sich vor Holzstielen, mitunter ein Hindernis beim Mikado-Spiel. Die rund 30 verschiedenen Darstellungen schildern nicht immer die eigenen Ängste der Betroffenen, sondern thematisieren auch den Umgang mit Phobikern. Ein Kapitel, das sich mit der Angst eines Hundes vor Lärm befasst, fällt inhaltlich und konzeptionell aus dem Rahmen.

     

    Lena Meyer-Landrut: Schräg, zauberhaft oder schrullig?

    Problematisch ist der Ton, den die Autorin gegenüber den von Ängsten geplagten Menschen anschlägt, auch wenn sie unterstellt, dass Humor die beste Möglichkeit sei, um mit spezifischen Phobien umzugehen. Generell bezeichnet die Autorin Phobiker als »Sonderlinge«, die in einer Welt leben, die von jeder Menge »schräger Phobiker-Vögel« bewohnt ist. Dabei sind viele der vorgestellten Ängste nicht unbedingt außergewöhnlich: Flugangst, Furcht vor Dunkelheit oder Ekel vor Spinnen sind relativ weit verbreitete Phänomene, die dennoch nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten. Die oft verharmlosende Betrachtung unterschlägt, dass phobische Störungen nicht immer bloß harmlose Spinnereien darstellen. Sie können neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen sein, die mitunter medizinischer und therapeutischer Behandlung bedürfen (und zwar nicht lediglich in Form von systematischer Desensibilisierung, welche die Autorin in der Einleitung als einzige Abhilfe anbietet). Die Erklärung, es gebe »unterschiedliche« Möglichkeiten für den Erwerb einer Phobie, lässt uns ratlos zurück.

    Ein zumindest kurzer Überblick über die gängigen Theorien würde viel Interpretationsarbeit bei der Lektüre der einzelnen Geschichten ersparen. Stattdessen erfahren wir, welche fiktionalen und tatsächlich lebenden Prominenten, wie die Filmfigur »Captain Jack Sparrow« oder die Sängerin Lena Meyer-Landrut, »schräg«, »zauberhaft« und »schrullig« sind – und somit unter Mareile Kurtz’ weit gefasstes Raster »Phobiker« fallen. Die Behauptung, Phobien würden das menschliche Leben bunter machen und die alltägliche Normalität positiv bereichern, ist fragwürdig. Für den Rahmen, innerhalb dessen sich das Buch bewegt, mag sie jedoch gelten.

     

    »Mit voller Kraft in die Eier. Aeiouuuu!«

    Der größte Schwachpunkt des Buches liegt in der sprachlichen Umsetzung des Themas. Es ist fraglich, ob sich tatsächlich alle Porträtierten, deren Durchschnittsalter bei immerhin über 30 Jahren liegt, im immergleichen, mit zahlreichen Kolloquialismen gespickten jugendlichen Habitus äußern – oder ob dieses der literarischen Umschrift der Autorin geschuldet ist. Die humoristisch anmutende Sprache, deren Pointen aber leider zu selten zünden, erweckt an vielen Stellen den Eindruck, als sei sie den Porträtierten nachträglich in den Mund gelegt worden.

    Mit ihrer Stoffsammlung hat Kurtz einerseits einen umfangreichen biographischen Schatz angehäuft, den sie vor uns ausbreitet. Den Wert ihrer Preziosen aber verkennt sie: Statt sich mit den Phobien ihrer Gewährspersonen auseinanderzusetzen, stellt sie deren (Leidens-) Geschichten plakativ und völlig unkommentiert vor. Die Hintergründe, die zur Entstehung von Phobien führen können, werden weitgehend ausgeblendet, sie spiegeln sich letztlich in den Schilderungen der Betroffenen wider. Selbst auf eine benutzbare Definition des Begriffs »Phobie« warten wir vergeblich, wenige Sätze in der Einleitung handeln dieses Thema ab. Lösungsmöglichkeiten bietet die Autorin nicht an – eine kurze Erwähnung von Hilfsangeboten für Betroffene oder deren Angehörige hätte gut in einen Anhang gepasst.

     

    Reine Unterhaltung

    Das unausgeglichene Konzept des Buchs erschwert darüber hinaus den Lesegenuss – welchen Leser soll das Buch ansprechen? Es ist eindeutig kein Ratgeber, was die Autorin nach eigener Darstellung auch nicht geplant hatte. Für eine lebensgeschichtliche Betrachtungsweise überwiegt zu stark die vertikal strukturierte Aufbereitung der biographischen Betrachtung sowie die nivellierende Ausdrucksweise. Der Rückzug auf eine rein unterhaltende Ebene versperrt der Autorin die Gelegenheit einer konstruktiven Auseinandersetzung: Sie kratzt lediglich sehr dünn an der Oberfläche der Möglichkeiten, die das Thema »Phobien« bietet.

    Mit der reinen Zurschaustellung von Fallgeschichten hat es sich die Autorin sehr leicht gemacht – fast möchte man glauben, als leide sie nicht nur unter Angst vor Knöpfen, sondern auch unter Allodoxaphobie (der Angst vor einer Meinung) und der Angst vor Wissen (Epistemophobie).


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    Für mein Empfinden geht es bei diesem Werk weder um die Definition von Phobien noch um einen Lebensratgeber, sondern darum der Gesellschaft die Augen zu öffnen, wovor sich Menschen fürchten können und somit den Betroffenen ein Sprachrohr zu sein!
    | von Orlando, 06.12.2010
    ....man könnte es auch als ein unterhaltsames Lexikon ausgefallener Phobien bezeichnen. Ist das dem Kritiker zu profan oder leidet er nur an Cherophobie?
    | von monkeyeve, 06.12.2010
    Ich habe den Eindruck, dass sich Herr Fuchs von Anfang an darauf konzentriert hat, in "Pfui Spinne, Watte, Knopf" einen Ratgeber finden zu wollen. Mit einer anderen Grundeinstellung wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass es keineswegs die Absicht der Autorin war, ein Handbuch für Phobiker zu schreiben. Ihr Anliegen war es - und das wird meiner Meinung nach sehr deutlich - Menschen mit Phobien unterhaltsam aufzuzeigen, dass sie nicht alleine mit ihren Ticks sind. Und vor allem: dass jede (!) Phobie im Grunde genommen anbsurd ist. Egal, ob es sich um einen Ekel vor Besenstielen oder die Flugangst handelt. Ich habe zudem keineswegs den Eindruck, dass in diesem Buch Phobien verharmlost werden. Alle Protagonisten werden nicht ernsthaft in ihrem Alltag eingeschränkt, sodass kein normales Leben möglich ist. Gerade deswegen ist der von Herrn Fuchs angesprochene Lesegenuss nur möglich. Ein Ratgeber dagegen kann und sollte das nicht leisten.
    | von Carokolumna, 07.12.2010
    Ich habe das Buch gelesen und selbstverständlich geht es nicht allzu sehr in die Tiefe. Es soll schließlich kein Ratgeber sein. Es ist amüsant geschrieben und gute Unterhaltung. Übrigens: Leider zündet auch die Pointe des Autors Fuchs am Ende nicht.
    | von Julia, 07.12.2010
    Sicherlich verfolgt dieses Buch nicht die Absicht eines Ratgebers, aber leider verfehlt es für meine Begriffe auch den Anspruch der Unterhaltung. Die zutiefst pathetische Ausdrucksweise erstickt nicht nur die Glaubwürdigkeit der Autorin und der Protagonisten, sondern auch das Lesevergnügen sofort im Keim. Die Kritik von Herrn Fuchs ist nicht nur berechtigt, sondern absolut angebracht, wenn nicht gar noch zu mild. Mehr als eindimensionaler Voyeurismus wird dem Leser einfach nicht geboten.
    | von maro, 16.12.2010

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