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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 04:27

    Marianne Riermeier/Peter Maria Steiner: Das philosophische Kochbuch

    11.11.2010

    Die Hintertreppe zur philosophischen Suppenküche

    Eine Einladung zu Tisch mit großen Denkern versprechen die beiden Autoren von Das philosophische Kochbuch. CHRISTIAN NEUBERT hat das Werk auf jeden Fall gemundet.

     

    „´Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen´ - so übersetzt der Philosoph Immanuel Kant das antike, vom römischen Dichter Horaz überliefert Wort ´Sapere aude´ und beantwortet damit die Kernfrage seiner berühmten Streitschrift ´Über die Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?´. Der weitere und ursprüngliche Sinn des Wortes ´sapere´ liegt allerdings im Umkreis des Wortes ´Schmecken´. ´Sapere aude´ bedeutet also auch: ´Habe Mut, dich deines eigenen Geschmacks zu bedienen!´“

     

    Diese, von den Autoren des philosophischen Kochbuchs als Aperitif servierte Zeilen sollen etwaige Zweifel darüber zerstreuen, ob Kochkunst bzw. Essen und Philosophie sinnvoll zusammengebracht werden können. Daneben liefern die Zeilen auch einen gelungenen Einstieg in die gelungene Umsetzung einer durchdachten Idee: Statt einen weiteren Band, der einen Einstieg oder einen kurzen Überblick über philosophische Theorien verschaffen möchte, bieten die Autoren vom philosophischen Kochbuch ihren Lesern nämlich ein bisschen mehr – anstatt sie mal kurz hineinschnuppern zu lassen, darf die Leserschaft hier nämlich auch mal von der Suppe kosten.

     

    Häppchenweise, nicht mit der großen Kelle

    Anstatt unzureichende, stark verkürzende und entstellende Zusammenfassungen geisteswissenschaftlicher Erzeugnisse anzubieten, machen der Philosoph Peter Maria Steiner und die Redakteurin und Autorin Marianne Riermeier Lust auf philosophische Theorien, indem sie diese nicht zu einem leicht zu konsumierenden Auflauf pressen und verabreichen, sondern lediglich Häppchen anbieten. Wem diese schmecken, wird sich vielleicht noch länger in der Ideenküche der Philosophen aufhalten, ohne dass er vorher das Gefühl vermittelt bekommt, dass er alles wichtige erfahren hat, wie es bei den genannten Auflaufköchen oft der Fall ist. Die vielen Gänge des Menüs der Jahrtausende alten abendländischen Geistesgeschichte lassen sich eben nicht in einem Happen verschlingen.

     

    So gibt es in das philosophische Kochbuch nicht unbedingt so etwas wie die Essenzen theoretischer oder praktischer Philosophie zu entdecken. Vielmehr bietet es ein wenig Philosophie für die Praxis. Die einzelnen Kapitel führen dabei durch die europäische Geistesgeschichte: Von der Antike über das Mittelalter, die Aufklärung, den deutschen Idealismus und Nietzsches Lehre der Umwertung, die natürlich nicht nur in den Nährwerttabellen kulinarischer Nihilisten von Bedeutung ist, mündet das Buch in den gegenwärtigen Debatten um das Missverhältnis zwischen westlicher Völlerei und gemachtem Hungerleid und um die divergenten Pole Fast und Slow Food, in denen wir die Welt mehr denn je als offen erfahren. Die einzelnen Inhalte werden dabei auf originelle Weise mit der Geschichte der Kulinarik verknüpft, auf der im übrigen das Hautaugenmerk gerichtet ist – immerhin handelt es sich (zumindest auch) um ein Kochbuch: der Titel ist sehr wohl ernstgemeint. Dass diese Verknüpfung keineswegs abwegig ist, wird bereits durch das Vorwort deutlich.

     

    Interessante Kost

    Auch wenn es im philosophischen Kochbuch vorrangig um Essen und Trinken geht, gibt es auch sonst viel zu entdecken – neben den Essgewohnheiten vergangener Tage und den Lieblingsspeisen unserer großen Denker gibt das Buch ein wenig Aufschluss über diverse philosophische Strömungen und Theorien, wobei aufgezeigt wird, dass die Esskultur einer Epoche sich durchaus auf die vorherrschende Geisteshaltung ausgewirkt hat – und umgekehrt.

     

    Die 60 aufgeführten Kochrezepte machen übrigens ein knappes Viertel des Inhalts aus. Sie sind jeweils mehr oder weniger historisch gesichert und insgesamt nicht weniger interessant als der ungemein größere Sachanteil des schön illustrierten Buches. Nur: Zum Nachkochen sind sie eher für die wirklich wagemutigen Köche, die Lust auf Ungewohntes, Abseitiges haben, geeignet. Die Autoren bekunden nicht umsonst, dass „einige der Rezepte (…) Experimentierfreude und schon ein wenig Wissen um die Wirkung der Gewürze, über die Zusammensetzung der Zutaten und über Garmethoden und Garzeiten (verlangen). Denn je nach Herkunft und dem Zeitalter, aus dem sie stammen, sind sie ohne Mengenangaben und in unterschiedlicher Diktion geschrieben.“

     

    Für die, die sich nach der Lektüre an den Herd herantrauen, warten dann Gerichte wie „Gebratener Fenchel mit Bulgur, Nüssen und Trauben“, „Birnenpatina“, „Barsch in Mandelmilch und Zucker“, Gebratenes, gefülltes Täubchen“ oder „Gurkensuppe mit Rindfleisch“. Für Skeptiker, Kostverächter und Küchengreenhorns ist das philosophische Kochbuch immerhin noch ein interessantes Lesefutter.


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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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