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Astrid Proll: Goodbye to London - Radical Art and Politics in the Seventies

04.11.2010

Aktivismus, Kunst und alternatives Leben

Ausreichend festgehalten und zitiert sind die popgeprägten, „swinging Sixties“ Londons. Ebenso das chronologisch nächste große Ding auf der Insel, die Punkexplosion, mit ihrer nicht nur für die Popmusik (im weiteren Sinne) Energie und Kreativität freisetzenden Wirkung. Zwischen den Revolten von 1968 und 1976/1977 scheint jedoch ein kollektives Loch der Erinnerung zu klaffen, was das Spannungsfeld zwischen gesellschaftspolitischen Ereignissen und künstlerischer Kreativität anbelangt. Goodbye to London hilft uns hier fundiert und unterhaltsam auf die Sprünge, meint TOM ASAM.

 

In sechs Essays (jeweils auf Englisch und Deutsch) und auf zahlreichen Photos wird diese Zwischenzeit und ihre Bedeutung für die Liberalisierung der britischen Gesellschaft deutlich. Herausgeberin Astrid Proll steuert selbst ein Essay bei, in dem sie Solidarität als Gebot der (damaligen) Gegenkultur beschreibt. Derer bedarf sie als gesuchtes RAF-Mitglied auch! Sie lernte die britische Linke als im Vergleich zur deutschen deutlich pragmatischer eingestellt kennen.

 

Ausgangspunkt für politischen Aktivismus, Kunst und alternatives Leben waren die Squats - leerstehende und zumeist illegal besetzte Häuser. Etwa 30.000 Squatters gab es in der Innenstadt dieser damals noch ziemlich heruntergekommenen Metropole. Da man um die Miete und die dafür nötige Erwerbsarbeit herumkam, blieb Raum und Zeit sich in gegenkulturellen Bereichen auszutoben und in emanzipatorischen Bürgerbewegungen zu organisieren. So wurden die Siebzigerjahre hier eigentlich zu den wahren Sechzigern. Man kämpfte für die Rechte von Homosexuellen, Frauen und ethnischen Minderheiten. Schwarze sollten nicht länger unter Generalverdacht der Obrigkeiten stehen und asiatische Einwanderer nicht länger als Billigstlohnarbeiter missbraucht werden. Neben Hausbesetzung, Streik und Gründung alternativer Medien gab es auch jede Menge Raum für radikale Kunstexperimente.

 

Squatters in Tolmer Square, Foto: Nick Wates Squatters in Tolmer Square, Foto: Nick Wates

Unkommerzielle Lebendigkeit

Punk vermittelte in der Folge einer viel breiteren Bevölkerungsschicht das Gefühl der Möglichkeit eines (vermeintlich) aufregenden, individuellen Lebens. Gleichzeitig wehte aber schnell ein harter Wind der Kommerzialisierung und Endsolidarisierung. Der Anfang vom Ende eines alternativen London war die Wahl von Thatchers konservativer Regierung und die Erstarkung der rechten Szene. Neben den anschaulichen Essays (u.a. von John Savage, bekannt durch England's Dreaming, das Standardwerk zum Thema Punk oder sein Buch über die Erfindung der Jugend, Teenage) bietet dieses toll aufgemachte Buch Photos aus dem vitalen Squatter-Leben und Abbildungen von Werken radikaler Künstler wie Margeret Harrison, Peter Keenart oder Stuart Brisley. Super 8-Art, bissige Collagen sowie Performances vermitteln die weitgehend unkommerzielle Lebendigkeit einer verlorenen Ära.


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