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Montag, 20. Mai 2013 | 08:22

Noel Daniel (Hg.): The Circus - Special Edition 25 Years

29.10.2010

Abenteuer, Mythos und Magie

Aus dem Nichts kamen die Wagen. Die bunte Farbe blätterte schon etwas ab, doch das sah man aus der Ferne nicht. Nur die strahlenden Schriftzüge: The Greatest! The only! Ungesehen, unvergleichlich, unvergesslich! Hereinspaziert, alles gehört Ihnen zum Preis einer Eintrittskarte - The Circus ist da - Noel Daniels atemberaubender Bildband über die Geschichte der amerikanische Zirkuskultur erscheint in der erschwinglichen Special Edition 25 Years. Von LIDA BACH

 

Das Spektakel beginnt schon vor der Vorstellung. Ein abenteuerliches Panorama von Originalplakaten, Fotografien und Werbezetteln mit tollkühnen Ankündigungen ziehen dem Zirkus voraus. Die Epoche der 1870s – 1950s des Untertitels waren das Goldene Zeitalter der Schausteller. In neun Kapitel mischt sich das Autoren-Gespann Dominique Jando und Linda Granfield unter das fahrende Künstlervolk. Chinesische Akrobaten auf filigranen Tuschzeichnung, Drucke von Wanderbühnen und Illustrationen von Manegen, auf denen die exotischen Tiere wie Fabelwesen anmuten, zeigen die Ursprünge dessen, was um 1900 die populärste Form der Massenunterhaltung war. Über hundert Manegen tourten durch die USA und lockten bis zu 20.000 Zuschauer täglich in die Zirkuszelte. Funkelnder als die Nickel-Odeons, zügelloser als das Theater und aufregender als jedes Volksfest lockte der große Karneval aus Zauberern, Kunstreiterinnen, Dompteuren und den Königen der Arena, den Clowns, mit allem, was in der spießigen Kleinbürgerwelt der USA sonst Tabu war.

 

„This Freakshow is the best in town

This Freakshow is the worst around.“

                                   (The Tiger Lillies)

 

Löwen, Kamele und Affen, welche das Publikum früherer Wanderzirkusse nur vom Hörensagen kannten, genügte dem Publikum nicht mehr. Die Zuschauer wollten ihren Augen nicht trauen. Genau das versprach ihnen Phineas T. Barnums „Believe it or not“. Ein Showman war Barnum in vielerlei Hinsicht. Innovativer Präsentator, Geschäftsmann und Schwindler, etablierte er das typische Zirkuszelt und den bunten Wagenzug und läutete mit seiner legendären Kombination aus Darbietungen, Tierdressur und Monstrositätenkabinett die Blütezeit der 1870s – 1950s ein. Die Side Show gehört seit P. T. Barnum selbst zur schäbigsten Wanderbühne. Ihre Ablehnung entspringt selten Sympathie für die Missgebildeten, sondern der eigenen Angst vor dem Deformierten, Fremden, das den Betrachter selbstbewusst mit seiner Andersartigkeit konfrontiert.

 

Ein Salto Mortale von einem Buch

The Circus umspannt eine Form der Kultur, die sich bis zur Spitze des „Big Top“ aufschwingt und hinabreicht in die Grube des Geek. Daniels aus Archiven, Privatsammlungen und Fotokollektionen erstandenes Panoptikum romantisiert das Schaustellerleben nicht. The Circus zeigt die Tragödien hinter dem grellen Tumult, die menschliche Ausbeutung und die Illusionen. Die todesverachtenden Pirouetten der Akrobaten endeten selten in einem Drama. Am Ende des Nomadenlebens indes wartete oft Armut und Vergessenheit. Die Essays enthüllen die fadenscheinige Kehrseite der glitzernden Pailletten. Die Zeltstadt war weder komfortabel, noch gab es Privatsphäre. Entbehrung und soziale Stigmatisierung waren der Preis für ihre Freiheit zahlten.

 

Der Bildband öffnet den Vorhang zu Abenteuer, Mythos und Magie. Bis die bunte Welt ihre Betrachter wieder ausspuckt, schwindlig vom hoch und runter schauen an den überbordenden Bildtafeln wie vom Blick in den Zelthimmel. Die gigantischen Klapptafeln der 2008 erschienen Acht-Kilo-Prachtausgabe fehlen der weit schmaleren Neuauflage. Dennoch ist The Circus ein Salto Mortale von einem Buch. Cornell Capa, Charles und Ray Eames und Stanley Kubrick sind nur einige der Künstler, deren Fotografien dazu beitragen, den amerikanischen Zirkus von der Entstehung bis zum Untergang lebendig zu machen. Die Blütezeit des Zirkus wehrte kurz, Jahrtausende ist er gewachsen, in wenigen Jahrzehnten vergangen.

 

 

„There ought to be clowns ...

Well, maybe next year.“

                         (Stephen Sondheim)


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Stars in der Manege

 

Charlie Chaplin und die Marx Brothers traten dort auf, Burt Lancaster arbeitete dort, erste Nickel-Odeons waren Teil von ihm: Zirkus und Kino sind heimliche  Seelenverwandte.  Sechs Filme, in denen die Manege lebendig wird:

 

The Circus (1926) - mit dem großartigsten aller Clowns. Chaplin.

 

Freaks (1932) - Tod Brownings hintersinniges Horrorjuwel mit der Elite der damaligen Side Shows.

 

I'm no Angel (1933) - Mae West stolziert von der Wanderbühnes in eine glänzende Zirkusarena. Löwen und Männer fressen ihr aus der Hand.

 

The Geatest Show on Earth (1952) - Abenteuer! Gefahr! Liebe! Dramatik! Und alles in Technicolor. Als es noch Zirkus gab - und wahre Melodramen.

 

Lola Montez (1955) Unglück, Liebesleid und Trauer hinter der glitzernden Fassade - doch der große Lebenszirkus geht weiter.

 

The 7 Faces of Dr. Lao (1964) „The world is a Circus if You look at it the right way.“ Und hatten wir nicht alle unsere Lieblingsattraktion? Pan, Medusa, das Seeungeheur ...

 

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