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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 20:43

    Katharina Weiß: Generation Geil

    14.10.2010

    Die Generation, die sich selbst baut

    Früher hätten wir so was verprügelt. - Also, nein, hätten wir nicht. Aber wir hätten gesagt: so was müssen wir verprügeln, und wir hätten dieses 15jährige Mädchen, das arrogant genug ist, bei den Großen mitzuspielen, dass arrogant genug ist, ein Generationenportrait schreiben zu wollen, mit kalter Nichtachtung gestraft vor lauter Neid. Wir sahen archaisch aus – wir hatten lange Haare und dieses Mantel-Ding am Laufen – aber verprügelt hätten wir niemanden, außer vielleicht Fred Durst. Das dachte man damals so. Das ist das Ding an Generation Geil: Es fordert den Vergleich. Von JAN FISCHER

     

    Was machen die heute? Was haben wir damals anders gemacht? Es geht ja nicht nur darum, dass Katharina Weiß – Geburtsjahrgang 1994 - ein Portrait ihrer Generation schreibt, ein Monologmosaik aus Jugendlichen in allen Geschmacksrichtungen. Im Vorwort kommt noch ein wenig Aufmüpfigkeit: „Generation Geil ist der Versuch, das Lebensgefühl einer Generation festzuhalten, über die viel diskutiert wird, die aber selten zu Wort kommt.“  Und irgendwo hat sie ja auch Recht: Es sind diese Jugendlichen, denen man Internetsucht vorwirft bei gleichzeitigem Verlust jeglicher sozialer Kompetenz. Auch schon mal als „Generation Porno“ bezeichnet, rutschen sie in den Fokus der Öffentlichkeit, entweder mit Flatrate-Sauforgien, versauten SMS oder sich prügelnd an der Rütli-Schule. Viel mehr können die nicht.

     

    Betrunken, bekifft, frei

    Das war ja schon immer das Problem: Jede Generation Jugendlicher muss irgendetwas tun, was die Elterngeneration nicht versteht, oder nicht mehr verstehen kann, weil sie sich nicht mehr daran erinnert, wie man so was macht, jung sein. Dazu zwei Geschichten: Mein Vater erzählte mir einmal, dass er es auf einem langweiligen Konzert nicht mehr ausgehalten hätte, und sich mit einer Flasche Whisky in den angrenzenden Wald zurückgezogen hätte, wo er dann eingeschlafen sei, nach dem er die Flasche getrunken hatte. „Als ich aufwachte“, sagte er, „dachte ich, ich wäre gestorben und im Himmel.“  Die zweite Geschichte: Ich erinnere mich an den Abend unserer Abiballs, er fand in einem Restaurant auf einem Flugplatz statt, ein bisschen außerhalb der Stadt. Und während drinnen das musikalische Programm und die Reden durchliefen, freundete sich einer von uns mit dem Küchenpersonal an, und bekam dafür drei Flaschen Wein, die wir auf unsere privat mitgeschmuggelten Vodka-Rum-Whisky-Mischungen kippten, jemand hatte Gras dabei, wir kifften, lagen auf dem Flugplatz auf dem Rücken im Gras, und betrachteten die Sterne: betrunken, bekifft, frei.


    Der Punkt ist der: Diese zwei Geschichten könnten gut aus Generation Geil stammen. Diese und hundert andere Geschichten, die man erzählen könnte: Geschichten aus  meiner Generation, aus der Generation meiner Eltern, aus der Generation meiner Großeltern vielleicht sogar. Über die Stränge schlagen gleicht sich immer sehr, nur der Soundtrack ist anders.  Das ist die eine Seite des Abgleichs: Die Dinge, die sich niemals ändern.

     

    Vielfach gebrochene Persönlichkeitsschichtkonstruktionen

    Die andere ist interessanter:  Das, was sich  ändert. Nicht die Musik, darum geht es nicht. Neue Schrecklichkeiten lösen alte Schrecklichkeiten ab, und manchmal gibt es eine davon, die bleibt: Das ist nicht neu. Katharina Weiß widmet ihr Buch unter anderem David Hasselhoff – soviel zu diesem ganz speziellen Generationenkonflikt. Nein, es ist nicht die Musik, aber mit David Hasselhoff hat es schon etwas zu tun: Die Generation, die Weiß porträtiert, hat einen sehr genauen Begriff von dem, was zum Beispiel David Hasselhoff ist, hat einen sehr genauen Begriff von den geistigen Voraussetzungen, die es braucht, um so jemanden gut zu finden, weiß genau, was Trash und Camp sind, weiß genau um die vielfach gebrochenen Persönlichkeitsschichtkonstruktionen ihrer Stars, wie auch immer sie heißen mögen.

     

    Diese Generation, wenn es denn eine ist, hat einen sehr genauen Begriff davon, dass die ganze Musik, die ganzen Filme, alles was sie an Kultur konsumieren, gebaut ist, und wie das alles gebaut ist.  Mehr noch: Sie wissen, wie man sich selbst baut. Dass sie auch nichts anderes sind als modische Konstruktionen aus Picaldi, Fila, Hip-Hop, Grünen, Nazis, Checkern, Emos, Gothics, Metallern usw. usf. Dass ihr eigenes Bild in den Medien selbst auch nur eine Spiegelung ist, und dass das Bild, dass Katharina Weiß in ihrem Buch zeichnet, selbst schon wieder eines ist, mit dem sie sich selbst baut – in jedem Text, in jedem Interview schimmert das durch: Die bewusste Konstruktion des eigenen selbst, der eigenen Jugend, der eigenen Generation.

     

    Hübsch zitierfähige Sätze

    So sind die Jugendlichen, die Weiß portraitiert: Baumeister ihrer eigenen Generation, und das – anders, als die 68er, die sich ja immer noch selbst nachbearbeiten - während sie noch drinstecken. Mit allen Möglichkeiten, die diese im Netz groß gewordene Generation im Netz zur Verfügung hat. Mehr noch: Der Titel des Buches, die ganze aufgeblähte PR-Kampagne, die der Verlag fährt, in der ein Interview mit Katharina Weiß enthalten ist, in dem sie hübsch zitierfähige Sätze sagt wie: „Das Problem ist, dass Jugendliche mit Ambitionen in den Medien nie zu Wort kommen“, die Fotos, die es dazu gibt, ein Mädchen, dass irgendwo zwischen putzig und rebellisch-selbstbewusst posiert: Selbst das kommt einem vor wie ein elegantes Spiel mit wohlbekannten Massenmedienfunktionsweisen, als wäre entweder Weiß ein Erfindung der Marketingabteilung, oder als hätte sich die Autorin symbiotisch mit ihrem Medienberater verwoben, und als wüsste sie genau, was für ein Bild dabei eigentlich herumkommt.

     

    Aber vielleicht sind das auch nur Paranoia. Entscheidend ist: Das alles schimmert wie selbstverständlich in Generation Geil durch – unabhängig davon, dass es vor pubertärer Sinnsuche nur so trieft, unabhängig auch von den dutzenden Lebensentwürfen, oder den tausend kleinen Party- und Liebesgeschichtchen. Noch nicht einmal Katharina Weiß' Aufmüpfigkeit ist gerechtfertigt: Sollen die Alten doch reden, so steht es zwischen den Zeilen, wir bauen uns unsere eigene Generation. Und wir bauen schneller als ihr.


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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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