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Ramón Chao, Ignacio Ramonet: Paris - Stadt der Rebellen

23.09.2010

Allons, enfants! Aber den Reiseführer nicht vergessen...

„Ah! Paris! Die Stadt der Liebe! Café au lait, Croissant, der Louvre!“, werden Sie wohl ausrufen, wenn ich Ihnen vorschlage, dorthin einen Ausflug zu machen. Und das zeigt wieder mal, wie sehr man als Mensch doch erstmal nur in Klischees denkt. Denn Paris hat soviel mehr zu bieten: Blut, Folter, Tuberkulose und totgeprügelte Steuereintreiber. Von wegen also „Stadt der Liebe“ – „Stadt der Hiebe“! Das lernt man jedenfalls in diesem unglaublich vollgepackten Stadt- und Kulturführer. Von FLORIAN HOFFMANN

 

Ramonet, von 1991 bis 2008 Chef der „Monde diplomatique“, hat mit seinem Freund und Co-Journalisten Chao eine kleine Enzyklopädie aller sehr subversiven bis mäßig subversiven historischen Figuren, die jemals ihren Fuß auf eine Pariser Gasse gesetzt haben, zusammengetragen und diese Enzyklopädie als Stadtführer getarnt. Der Ansatz dabei: Egal, ob reaktionär, liberal oder linksradikal, egal ob bei der französischen Revolution oder den ’68er-Unruhen dabei - wer auch immer in den letzten Jahrhunderten in Paris bei irgendeiner Revolte oder Geistesströmung den Ton angab oder angeben wollte (oder wer – möchte man den Autoren aufgrund der Unendlichkeit der aufgelisteten Namen irgendwann unterstellen - vielleicht nur auf der Durchreise war), Ramonet und Chao widmen ihm oder ihr ein eigenes Kapitelchen, welche wiederum zu größeren Kapiteln zusammengefasst sind: zu Wanderwegen durch die einzelnen Arrondissements, so dass man auf den Originalspuren von André Breton, Charles Baudelaire und Marcel Proust wandeln kann.

 

Wissenslücke auf und zu

Die Übersichtlichkeit des reich bebilderten Führers ist dadurch absolut gelungen. Als deutscher Leser und Laie, was die Pariser Stadtgeschichte angeht, hätte man sich allerdings über eine Zeittafel mit den Pariser Revolten und Aufständen bzw. der politischen Führung Frankreichs WIRKLICH gefreut. Oder wissen Sie automatisch, wann Napoleon, der Erste, Zweite und Dritte oder Louis der x-te bis x plus einste regierte und für welchen Führungsstil er sich entschied? Bin ich der einzige Mensch, der all das nicht weiß? (Falls nein – danke, dass ich mich nicht mehr allein fühlen muss. Falls ja - wie lange dauert es noch, bis mich mein Chefredakteuer feuert?)

 

Doch auch, wenn die unglaubliche Faktenfülle, die die Autoren so opulent vor dem Leser ausbreiten, bewundert werden muss, bleibt nach dem Lesen ein komischer Geschmack zurück: Wird man auf nur drei Seiten Boris Vian Leben, Werk und Einfluss gerecht? Oder auf nur vier Seiten Picassos 19 Jahren in Paris? Und wenn’s dann im Picasso-Kapitel nur um „Guernica“ geht, verfolgt man dann tatsächlich den eigenen Ansatz, Paris als Stadt der Rebellen zu zeigen? Müsste es dann nicht eigentlich um Picassos Revolutionen auf dem Gebiet der Kunst gehen?

Sie sehen, worauf ich hinauswill: Manchmal möchte man den Autoren wegen Oberflächlichkeit den Vorwurf des prahlerischen Name-Droppings machen. Auch ihre Entscheidung, die Kapitel im Schnitt auf zweieinhalb Seiten zu begrenzen, bleibt zweischneidig: Einerseits liest man die knappe Mischung aus Fakten und Anekdotischem gerne und schnell, aber andererseits sind es zuwenig Fakten, um dem Leben der beschriebenen Person wirklich gerecht zu werden, und statt pointierten Anekdoten gibt’s meistens nur zu knappe Erzählungen angerissener Szenen. So bleibt einem am Ende das Gefühl, eine Neugier weckende Enzyklopädie vor sich zu haben – bei der man, will man ihren vollen Wert ausschöpfen, wiederum eine noch größere Enzyklopädie zum Nachschlagen bruucht.

 

Trotzdem: Wenn Sie sich für Paris und europäische Kulturgeschichte interessieren, kaufen Sie sich dieses gleichzeitig informativ und unterhaltsam geschriebene Buch. Es wird auf der einen Seite viele Wissenslücken schließen und Ihnen auf der anderen Seite Wissenslücken bescheren, an die sie nie im Leben gedacht hätten. Kleine Bitte an den Verlag: Nach genossener Lektüre des vorliegenden Bands hoffen wir auf „Paris – Stadt der Rebellen 2“...


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