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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 05:23

    Siegfried Unseld: Chronik 1970

    20.09.2010

    Ins Gelingen verliebt oder: Was ich getan habe

    Der Verleger Siegfried Unseld verfasst seine “Chroniken”. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Fast jede postume Publikation der verlegerischen “Werke” Siegfried Unselds lässt den Respekt - um nicht gleich von Bewunderung zu sprechen - noch einmal wachsen, der dem berühmtesten & einflussreichsten deutschen Verleger nach den 2. Weltkrieg allerdings schon zu seinen Lebzeiten zuteil wurde, wenn auch damals oft im Einklang mit Neid & Missgunst auf den Erfolgreichen.

     

    Das mochte vielleicht so sehr nicht verwundern bei jemandem, der von sich mit Ernst Blochs selbstbezogenen Worten behauptete, er sei “ins Gelingen verliebt”. Und gelungen ist Siegfried Unseld viel, was durch George Steiners im TLS charakterisierte “Suhrkamp-Culture” dann auch weltbekannt wurde - seit der 1924 in Ulm geborene Unseld 1952 in Peter Suhrkamps Verlag eingetreten war und nach des Verlagsgründers Tod bis zu seinem eigenen von 1959 bis 2002 als allein haftender Verleger erst nur den Suhrkamp-, dann auch noch den Insel-, daraufhin den von ihm gegründeten Deutschen Klassiker- & schließlich sogar noch den Jüdischen Verlag leitete.

     

    Siegfried Unselds postume Werke - worunter nicht seine Bücher wie z.B. der internationale Bestseller “Goethe und der Ginkgo” zu verstehen sind - dokumentieren die mehr als vierzigjährige, alltägliche Arbeit als Verleger seines “Autorenverlags”. Nach einer Auswahl von seinen Briefen an Autoren erschienen mehrere Bände von Briefwechseln mit einzelnen Autoren (wie Uwe Johnson, Peter Weiss oder Max Frisch), die zuletzt im exorbitanten Briefwechsel mit dem komödiantischen Wahnsinnigen Thomas Bernhard gipfelten. Darin erlebt man Unseld im Clinch mit dem österreichischen “Stinkstiefel” wie in einem Schauspiel, das der fürchterliche Salzburger geschrieben & inszeniert hat.

     

    Nun aber beginnt der Verlag mit der Edition von Unselds “Chroniken”, die der Verleger - mit Vorläufen 1967 und 1968 - ab 1970 bis zu seinem Todesjahr 2002 regelmäßig seiner Sekretärin nach seinen Reisen, Gesprächen & Verhandlungen diktierte. Im Laufe der Jahre wurden sie immer umfangreicher und zu offensichtlich bewussten Momentaufnahmen für ein Selbstporträt “in action“. 

     

    Deren erste die Jahre ´67/70 dokumentierende Edition ist jetzt erschienen; in deren Nachwort wird schon ein zweiter Band (für das Jahr 1971) angekündigt. Sollte der Verlag die fortlaufende Edition von Unselds “Chroniken” beabsichtigen - ein kaum glaubliches editorisches Unternehmen, weil mit einer größeren interessierten Nachwelt künftig nicht zu rechnen ist, schon gar dann, wenn die historische Distanz zu den Ereignissen wächst -, dann wären insgesamt 24 Leitzordner und 30 Archivkästen zu bearbeiten. Wahrscheinlicher scheint mir in absehbarer Zeit eine Internet-Edition, welche Interessierte gegen eine akzeptable Gebühr einsehen können - sofern das ökonomische Problem eines solchen kostenpflichtigen individuellen Abrufs oder Zugangs für den Verlag gelöst ist.

     

    Mit der “Chronik 1970“ ist jedenfalls ein Anfang gemacht. Der Verlag, der nach Berlin gezogen ist, erinnert damit an seine eigene große Vergangenheit, die identisch ist mit dem Wirken seines alles bestimmenden Verlegers - und das in einem Moment, in dem die “Suhrkamp-Culture” unter der Federführung Ulla Unseld-Berkéwiczs in Berlin vielfach neue Wege von anderen Ausgangspunkten zu anderen Zielen sucht.

     

    Selbstvergewisserung und Selbsthistorisierung

    Offenbar ist aber der “Schatz”, mit dem der Verleger Siegfried Unseld 1967 “eine neue Form der Aufschreibung“ beginnt, in der er “von (der) Welt- und Erfahrungsbreite, die mir zustößt”, und “von Dingen, die mir begegnen“, ebenso berichtet, wie “von Vorgängen, denen ich mich stellen muss” -: offenbar sind diese quasi intimsten “Innereien” des Siegfried Unseldschen “Suhrkamp-Verlags” nicht  nach Marbach verkauft worden, als sich der Verlag von so vielen Dokumenten seiner (& unserer) Literaturgeschichte - dem “Vorlaß” eines ökonomisch klammen Autors gleichend - mit beträchtlichem pekuniärem Gewinn bei seinem Frankfurter Abschied trennte.

     

    Die “Chroniken” bestehen aus einem diktierten Grundtext, der “die Vorgänge einzelner (wenn auch nicht aller) Tage festhält”, wie der Gesamtherausgeber Raimund Fellinger im Nachwort schreibt, und den davon getrennten, oft im Grundtext ausgewiesenen, aber nicht in jedem Fall noch vorhandenen An- & Beilagen (Briefe von & an Unseld, Rezensionen, Programmhefte, Artikel, Notizen und Unselds Reiseberichte zu Treffen mit Autoren, Verlegern oder zu Premieren und Beerdigungen).

     

    Wenn Unseld seinen Aufzeichnungen als Motto den Satz Goethes voranstellt: ”Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist”, so darf man getrost aber auch annehmen, dass sich der Verleger bewusst war, dass er mit den “Chroniken” sich selbst & seine Tätigkeit “historisierte”. Erschienen 1959 im Suhrkamp-Verlag 35 Bücher, so waren es 1969 bereits 185!

     

    Also spielte gewiss auch eine notwendig gewordene Selbstvergewisserung der eigenen Tätigkeit und des eigenen Standorts im Verlagswesen dabei eine Rolle - auch gegenüber den Brüdern Reinhard, die schon an Frischs “Biedermann und die Brandstifter“ Anstoß genommen hatten und dann erst recht an den politischen Titeln der “Edition Suhrkamp” und dem “Kursbuch” (& ihre Gattinnen an den Kinderbüchern des Insel-Verlags!) Die beiden Schweizer Unternehmer und Gesellschafter des Suhrkamp-Verlages seit dessen Gründung waren zunehmend beunruhigt über das immer “linker“ gewordene Image des Verlags; und weil sie aber für dessen von Unseld dynamisch vorangetriebene Expansion immer wieder die nötigen finanziellen Mittel bereitstellen mussten, war der Frankfurter Verleger oft & regelmäßig ihr Besucher in Winterthur: sowohl als Bittsteller wie auch als diplomatischer Beruhiger, der aber gegenüber politischen Wünschen der beiden unnachgiebig blieb.

     

    Unselds “Chroniken” nehmen gewissermaßen von der alljährlichen Hauptversammlung der Bücherwelt, der Frankfurter Buchmesse, ihren Ausgang. Das Jahr 1967 zeigt den in seiner konservativen Standesorganisation des Börsenvereins als “links” geltenden Suhrkamp-Verleger, dessen Lieblingsphilosoph Ernst Bloch mit Hängen & Würgen hinter den Kulissen den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen worden war, wie Unseld sich mannhaft als Liberaler auf der Messe sowohl gegen eine studentische Anti-Springer-Aktion am Stand der “Welt der Literatur”, als auch gegen eine Beschlagnahme des “Braunbuchs” am DDR-Staatsverlag engagierte. Seine politischen Vermittlungsversuche auf der Messe wurden ihm aber von vielen Seiten als Opportunismus ausgelegt. Ein Jahr später sollte es für Unseld noch schlimmer kommen.

     

    Neun Putschisten präsentieren die Abdankung

    Aus Kollegialität hatte Unseld seinen unmittelbar vor Messebeginn 1970 intern erklärten Rücktritt aus dem Aufsichtsrat der Buchmesse revoziert, obgleich der Grund für seinen Rücktritt ja in der Unkollegialität dieses Gremiums ihm gegenüber bestanden hatte. Seine Nachsicht sollte sich rächen, weil ausgerechnet er, dessen “Haltung”  nach Meinung des “Hauptprotestierers” Fritz J. Raddatz “vorbildlich” gewesen sei, nun für alle Turbulenzen, die auf der Messe sich ereigneten, verantwortlich gemacht wurde: und zwar von einigen aufgeregten APO-Wortführern; aber besonders: von seinen Lektoren, die er beruhigt zu haben glaubte, als er sich unmittelbar nach den aufreibenden Messeereignissen zu einem Kurzurlaub auf Capri begab.

     

    Nach sechs Tagen auf  Capri und “einem eintägigen Gespräch mit Ingeborg Bachmann in Rom“ am 4. Oktober 1968 nach Frankfurt zurückgekehrt, fand er einen schon zwei Tage nach seiner Abreise datierten zweiseitigen, von neun Lektoren unterzeichneten Brief vor - gewissermaßen seine (virtuelle) Kündigung.

    Denn darin wurde ihm attestiert, er habe “durch sein öffentliches Auftreten und seine Äußerungen” während der Buchmesse, “die Tendenz des Verlagsprogramms” in den “Augen solcher, die (es) als Autoren und Käufer ermöglichen, desavouiert”. Seine Kontroversen mit Lektoren (vor allem Walter Boehlich) hätten diesen Eindruck der Unseldschen Illoyalität mit dem Verlagsprogramm verstärkt.

     

    Deshalb schlügen die Lektoren eine “Lektoratsverfassung” vor, die “den Notwendigkeiten der gemeinsamen Arbeit wie den Tendenzen des Verlagsprogramms entspricht” und zuständig sei “für alle Fragen der Programmgestaltung“ bis hin zur Honorierung, Vertrieb und Werbung. Beschlüsse würden dann mit einfacher Mehrheit gefasst, wobei der Verleger nur eine Stimme neben den neun Lektoren habe, die “auch für Neueinstellung und Entlassung von Lektoren” zuständig seien. Zwei von den Lektoren gewählte Delegierte könnten “bei Abwesenheit des Verlagsinhabers oder in dringenden Fällen selbständig die Verlage vertreten”.

     

    Obwohl zu jener Zeit die Gedanken einer bürokratischen “Sozialisierung” kapitalistischer Betriebe und deren “Kollektive Führung” virulent waren (wir haben zeitweise in der FR auch davon geträumt), kann man heute nur noch sowohl über die Unverschämtheit der Lektoren & deren naiven Glauben staunen, als auch über deren auf Anhieb durchschaubare Selbstbedienungsmentalität in ihrem Papier lachen.

    Siegfried Unseld  war - zurecht - schockiert und menschlich tief verletzt: zum einen “wegen des Vorwurfs des Desavouierens” (hatte er doch sogar Eigenmächtigkeiten der Lektoren “gedeckt”), zum anderen weil die Putschisten in ihrem Papier zur Machtübernahme (eines Wächterrates ante Rem) “weder das Wort Verlagsleiter noch irgendeine Leitungsbefugnis von mir zum Ausdruck” (Unseld) brachten. Wie auch, wollten sie doch, wie er sogleich bemerkte, “ohne mich als Verlagsleiter auskommen“?

     

    Selbst wenn Siegfried Unseld der schlaue Fuchs nicht gewesen wäre, als der er bekannt war & wurde, so hatten die Lektoren doch ihm selbst seine Trümpfe in die Hand gespielt: Denn weder kamen in ihrer “Verfassung” die anderen Mitarbeiter des Verlags, noch gar dessen ideelles “Humankapital” vor: die Autoren, die ja nicht von den Launen und Machtanwandlungen der Lektoren abhängig sein wollten.

     

    Die Angst der "Linken" vor ihrer sozialistischen Courage

    Unseld versicherte sich sogleich der persönlichen  Loyalität von Martin Walser, Max Frisch, Zbigniew Herbert,  Theodor W. Adorno und rief am 14. Oktober nach Frankfurt ein Forum ein, auf dem die neun Lektoren einerseits, Jürgen Habermas, Jürgen Becker, Uwe Johnson, Günter Eich, Hans Erich Nossack, Martin Walser, Max Frisch und H.M.Enzensberger anderseits und neben Unseld die vier Prokuristen der Verlage Suhrkamp/Insel teilnahmen.

     

    Als ein Aide-Mémoire der Lektoren die stundenlange Diskussion wahrheitswidrig zusammenfasste, wurde dem Verleger klar, dass er - wie ein von ihm zwischenzeitlich eingeholtes juristisches Gutachten befürwortete - mit den Lektoren nicht mehr zusammenarbeiten wollte. Walser, Becker, Johnson und Habermas erklärten sich bereit, vorübergehend Lektoratsaufgaben im Verlag zu übernehmen.

     

    In der Begeisterung über diese Freundesdienste im Augenblick der damit abgewendeten “Katastrophe” war der ebenso großzügige wie schlitzohrig-raffinierte Unseld von seiner spontanen Idee fasziniert, “den fähigsten Lektoren” Boehlich, Busch & Michel ein persönliches Darlehen von jeweils 200.000 DM zu geben, damit sie ihren “Sozialistischen Verlag” gründen könnten.

     

    Es ist heute schwer zu ergründen, ob das von Unseld als Bluff & Falle - oder wirklich erst gemeint war. Dafür spricht das Paradox eines sehr persönlichen Briefs an Karl Markus Michel (KMM), in dem der Verleger dem Lektor nicht nur seine Bewunderung, sondern auch (fast) seine (väterliche) Liebe erklärt. Nur wegen ihm habe er diesen wahnwitzigen Vorschlag gemacht, obgleich er zugleich indirekt hofft, gerade KMM werde bei ihm bleiben.

     

    Die Aufzeichnungen Unselds über seine Gespräche mit den Lektoren Braun & Michel, die (wie sich zeigte) nicht nur von seinem Vorschlag überrascht, sondern auch überfordert waren, gehören zu den amüsantesten Kuriosa des Buches. Denn Unseld musste ihnen nicht nur die Grundlagen der kapitalistischen Betriebswirtschaft, sondern auch noch erklären, wie sie ihren Verlag organisieren sollten (“Enzensberger in der Leitung, Boehlich in der Public Relations-Arbeit, Michel im reinen Lektorat, Busch im Managen”). Auf die Frage, ob er dann diesen Verlag nicht als Konkurrenz ansähe, bejahte Unseld und fügte hinzu, dass er im Falle eines Streits um einen Autor “immer das doppelte Honorar des sozialistischen Verlags anbieten” werde.

     

    Als Braun & Michel zum erstenmal mit dem Risiko des persönlich haftenden Gesellschafters bekannt gemacht worden und zu der Ansicht gekommen waren, eigentlich könnte nur einer ihren neuen sozialistischen Verlag leiten: der zurecht perplexe Unseld - da war der Verleger offenbar ebenso geschmeichelt wie gerührt und erklärte, keinen der Putschisten - selbst den “Giftbolzen” Boehlich, wie er ihn gegenüber Helene Weigel nannte - entlassen zu wollen.

     

    Das "Kursbuch" soll eigene Wege nicht nur anzeigen, sondern auch gehen

    Eine wöchentliche Lektoratsversammlung sollte die Arbeitsprozesse künftig transparenter und demokratischer machen, und nachdem Michel und Braun erklärt hatten, dass Unselds “Entscheidungsmöglichkeit in allen Fragen” als “persönlich haftender Gesellschafter klar respektiert werden müsse“, schien die Krise gewissermaßen im Hegelschen Sinne “aufgehoben“. Allerdings hatte die Auseinandersetzung um die Macht im Verlag doch so tiefe Wunden bei allen hinterlassen, dass außer Günter Busch alle anderen Lektoren im Laufe des nächsten Jahres den Verlag verließen. Damit war die “Chronik eines (internen) Konflikts” beendet.

     

    Das Jahr 1970 war das erste, das Unselds “Chronik der laufenden Ereignisse” (Handke) vollständig von Januar bis Dezember dokumentierte. Das Unbehagen mit Enzensbergers linksradikal-anarchistischem “Kursbuch”, das die Gebrüder Reinhard schon lange quälte, brachte auch den Suhrkamp-Verleger zunehmend in Verlegenheit. Unseld, der sich mehr & mehr als der “pater familias” seiner (durchaus unterschiedlich von ihm behandelten) Autoren oder deren Erben verstand, sah sein empfindlich & diplomatisch austariertes Gleichgewicht im Umgang mit seinen Autoren vor allem durch das “Kursbuch” gefährdet, weil dort Hausautoren wie Walser & Weiss ihre politischen Konflikte austrugen, Verlagsfremde aber wie z.B. Yaak Karsunke und Günter Grass (mit seinem “Plebejer”-Stück) gegen Hausautoren wie Brecht, Frisch oder Handke polemisierten.

     

    Hesse, Brecht und Max Frisch waren ohnehin “Unantastbare”, weil allein sie - solange die Erben Suhrkamps Nachfolger Unseld die Rechteverwertung von deren Oeuvre übertrugen - für den stetigen Hauptgewinn des Verlages sorgten. Nachdem Boehlich ohne seines Verlegers Vorwissen auf einem “Kursbogen” unter dem Titel “Autodafé” den Tod von Kritik, bürgerlicher Kultur & -Literatur behauptet & sein brotgebender Verleger darin einen direkten Angriff auf seine Verlage sah, schlug Unseld dem Duzfreund Enzensberger die Ausgliederung des “Kursbuchs” in einem eigenen Verlag vor, dessen allein verantwortlicher Geschäftsführer HME sein solle und der Name “Suhrkamp” äußerlich nicht mehr mit der Zeitschrift assoziiert sei. Das billigten die Reinharts - und  Enzensberger & Karl Markus Michel bestimmten damit ab Juni 1970 allein und ohne Auflagen die weiteren Wege des “Kursbuchs”.

     

    Der Wunsch aber der Schweizer Unternehmer, nicht mehr allein (als Finanziers) die Unabhängigkeit von Suhrkamp/Insel zu garantieren und für Unselds verlegerische Projekte in Vorleistung zu gehen, führte vorübergehend zu Gesprächen u.a. mit dem reichen Schwiegervater des Kritikers & Autors Reinhart Baumgart, wobei Unseld sogar von einem verlegerischen Triumvirat mit Martin Walser “schwärmte” & Baumgart zu seinem Nachfolger im Todesfalle machen wollte.

     

    Dieser Plan und eine andere in Aussicht genommene Beteiligung scheiterte, und Unseld gelang es, weitere Wünsche der Reinharts durch seine geschickte Diplomatie und schlitzohrige Menschenkenntnis der beiden Unternehmer abzuwehren und sie für ein weiteres finanzielles Engagement zu gewinnen -  um den “Nomos“-Verlag hinzuzukaufen. Dafür musste Unseld aber beim Mittagessen in Winterthur die Beschimpfungen der Ehefrauen wegen seines Kinderbuchprogramms hinnehmen - weil das etwas sei, vermerkt der genervte Verleger, das die “Herren und Damen Reinhart beurteilen können, was bei den literarischen Dingen nicht möglich ist”.

    Glücklicherweise, möchte man hinzufügen, weiß aber auch zugleich, welcher Meisterschaft es auf Unselds Seite bedurfte, die Herrschaften dennoch bei Laune zu halten und vor allem: kein Misstrauen der geldgebenden literarischen Ignoranten gegen den verlegerischen Impresario aufkommen zu lassen.

     

    Die Sorgen eines Hausvaters um die ihm Anvertrauten (incl. Erben)

    Waren seine mehrfachen jährlichen Reisen nach Winterthur Gänge zu den finanziellen Quellen, ohne die das von ihm dynamisch geführte Unternehmen nicht hätte expandieren können, so war der Verleger das ganze Jahr über immer wieder auf

    Reisen, um seinen „hausväterlichen Sorgenkindern“ durch seine „individuellen Autorenkontakte“ Trost, Ansporn & Zuspruch zu spenden und sein persönliches Interesse an ihrer Arbeit zu  bekunden. Selbstverständlich ist er sowohl bei Premieren & Preisübergaben dabei, als auch bei Beerdigungen – letzteres im Falle von Celan & Nelly Sachs, ersteres zur Büchnerpreisvergabe an Thomas Bernhard im Herbst 1970.

     

    Unselds Hauptreisen führten ihn (wegen der Hesse-Rechteauswertung) aber nach den USA, wo er befriedigt feststellt, dass Suhrkamp bei den großen amerikanischen Verlagen „an Boden gewonnen hat“. Ebensolchen Respekt registriert er auf der Buchmesse beim französischen Traditionsverlag Gallimard, dessen Dinner-Einladung (zusammen mit Frisch, Johnson und Augustin) der Suhrkamp-Verleger als „ehrenvoll“ empfindet.

     

    Die Rechteverwertung der Brechterben (sei´s in Ost-Berlin Helene Weigel, sei´s in den USA Stefan Brecht) zeigt Siegfried Unseld auf der Höhe seiner diplomatischen & kaufmännischen Meisterschaft – auch als eine literarische  Hommage, die der Weigel zugedacht war, fehlerhaft ist und ärgerlich & peinlich für ihn. Das gleiche Missgeschick passiert mit einem Max Frisch gewidmeten Band der „Edition Suhrkamp“, der ganz & gar nicht des Autors Zustimmung findet. Der zu dem zürnenden Schweizer ins Tessiner Berzona buchstäblich „einbestellte“ Verleger wurde mit Vorwürfen konfrontiert, die er „kaum aufzeichnen konnte“ und die er Frisch gegenüber als „unbarmherzig und ungerecht“ bezeichnete. Zu den „Sonderlichkeiten meines Besuchs“ gehört aber auch, dass der von Unseld doch besänftigte Choleriker sich bereit erklärte, auf der Messe zum Kritikerempfang aus seinem zweiten Tagebuch vorzulesen.

     

    Der Verleger, der 1968 das Verlagshaus in den Lindenstraße (das der Verlag 2010 verließ) von der „Kreditanstalt für Wiederaufbau“ mit einem Kredit von ihr erworben hatte, konnte seine Rückzahlungsschwierigkeiten 1970 (2 Mio. DM) durch einen kleinen Bittgang bei Hermann Joseph Abs (Deutsche Bank) aus der Welt schaffen: ein Anruf von Abs bei der Kreditanstalt genügte – und Unselds Schulden waren storniert. Wie er sowohl dem Österreicher Peter Handke als auch dem Schweden Peter Weiss, der monatlich 5000 DM (!) vom Verlag bezog, aus deren Steuerproblemen verhalf, verrät die „Chronik“ jedoch nicht.

     

    Dafür aber, dass er schon damals wusste, wie Wolfgang Koeppen ihn an der Nase herumführte mit seinen ewig versprochenen Arbeiten. Es gelang Unseld nicht, ihn von seiner alkoholkranken Frau zu trennen, die peinlicherweise sich dem Verleger sogar einmal anbot – eine anderes persönliches Angebot von der Rechteinhaberin Ödon von Horvárths, die auf „Lustige Witwe“ machte, schlug er ebenfalls aus. Abschlägig wurden auch Feuilletonredakteure wie der (große) Francois Bondy bei der „Weltwoche“, aber auch mindere wie K.L. Tank („Sonntagsblatt“) oder Rudolf Hartung „Neue Rundschau“ mit „möglichst freundlichen Worten“ beschieden, die im Gegenzug zu ihrer wohlwollenden Behandlung der Suhrkampbücher eigene Werke (ihre Kritiken) von Unselds Verlag ediert zu sehen wünschten.

     

    Als Handelsreisender zu den Autoren (& ihren Beerdigungen)

    Dagegen zeigt der Verleger mehrfach, wie sehr er sich um „seine“ Autoren sorgt, wenn er z.B. überlegt, „was wir unternehmen können, um Djuna Barnes zu helfen“, die in New York in miserablen Verhältnissen lebt oder wenn er – trotz Zeitnot für die Produktion – jüngste Werke Becketts doch noch zu dessen Geburtstag ihm präsentieren möchte oder Unseld den letzten Wunsch der verstorbenen Nelly Sachs erfüllt, obwohl er ihm falsch erscheint.

     

    Während man in dieser ersten von Unselds „Chroniken“ den Verleger als Handelsreisenden zu seinen Autoren erlebt – also sein spezifisches business-as-usual bis zuletzt hier kennenlernt –, dürften jene Passagen, die vielleicht aufregensten sein, in denen der Pläneschmied der Buchbranche dokumentiert, dass er damals schon weit vorausgedacht hatte.

     

    Mit dem langsamen Aussterben der Reihe „Bücher der Neunzehn“ entwickelte Unseld neue Projekte. Waren die monatlich erscheinenden, verbilligten Hardcover-Sonderausgaben aus 19 westdeutschen Verlagen seit 1954 als Konkurrenz zu den damals den klassischen Buchhandel bedrohenden Boom der Buchgemeinschaften und Leseringe (vor allem Bertelsmanns) gedacht, so hatte Unseld nicht nur zuhause, sondern auch in den USA und Großbritannien mitbekommen, dass die Umsätze der Hardcover-Programme stagnieren, während die der Taschenbücher steil stiegen (und somit die Entwicklungstendenz seiner Verlage bestätigten).

     

    Wie prekär die Situation geworden war, wurde ihm durch das ernsthafte Ansinnen Ledig-Rowohlts bewusst, mit Unselds Kleinimperium zusammenzugehen. Die Gebrüder Reinhard, denen Unseld von den ersten Annäherungen des Hamburger Verlegers berichtete, gaben aber sofort ihr Desinteresse zu erkennen. Schade.

     

    Als Unseld Ende Juli 1970 den Deutsche-Bank-Vorstand Abs besuchte und sie sich allgemein über die Situation der Verlage unterhielten, brachte Unseld „das Problem des Kassetten-Fernsehens“ zur Sprache & Abs wollte ihn mit „wichtigen Leuten der BASF“ zusammenbringen, welche diese neuartigen Tonträger entwickelten.

     

    Offenbar stand dieses Interesse an einem neuen Medium im Zusammenhang mit einem Unternehmen, dessen Kooperation von zehn interessierten deutschen Verlagen an die Stelle der „Bücher der Neunzehn“ treten und einer Vielzahl von prekären Entwicklungen im deutschen Buchgewerbe entgegentreten sollte. Siegfried Unseld war offensichtlich der Spiritus rector, der sich für ein Modell nach dem Muster des „Deutschen Taschenbuch Verlags“ (dtv) elaborierte Gedanken machte. Er nannte das buchgemeinschaftliche Unternehmen: „Der Buchclub“, der im Gegensatz zur „Resteverwertung“ der bestehenden Clubs innovativ sein müsste.

     

    Der große Plan eines medialen Buchclubs von 10 Verlagen

    Unseld entwarf dafür ein Programm, dessen „Zielgruppe junge Leute sein“ müssten. Hier, was er in seinen Worten, vorsah: „Zeitgenössische Literatur; Aufbau einer Bibliothek der Weltliteratur; Bücher des Wissens; Schallplatten: Dichter lesen; Hörspieldiskothek; Die Jugendbibliothek (mit Heft-Folge über Berufe: wie wird man Volkschullehrer, Ingenieur, Pilot, EDV-Programmierer, Abgeordneter, Journalist, Reporter, Fernsehmensch ); Empfehlung für neue Kinderbücher; Jährliche Anthologien; Das deutsche Lesebuch; Jahreschronik: das Jahr 1970: Daten und eine Auswahl der besten Leitartikel; in Verbindung mit den Fernsehanstalten: die besten Fernsehspiele: bebildert; Literarische Fußballfibel.“ (Kursivierungen von mir).

     

    Interessant ist neben der Idee einer „Woche des billigen Buchs“ zeitgleich mit dem Winter- oder Sommerschlussverkauf  der Kaufhäuser, aber auch die Vorstellung „einer Art Reise- und Versandbuchhandlung“ (Mail-Order), welche (ohne die Ahnung des Internets) die virtuelle „Amazon“-Buchhandlung vorwegdenkt.

     

    Das waren große, ausgreifende Pläne eines Enthusiasten, der immer aufs Große hinaus wollte. Aber seine Verleger Kollegen fühlten sich wohl - wie Karl Markus Michel dem Werben Unselds um ihn bereits ängstlich entgegengehalten hatte - in die Enge getrieben von Unselds  „atemberaubenden Vitalität mit der beneidenswerten, aber nicht ungefährlichen Fähigkeit, immer wieder Neues anzuregen“ - und blieben reserviert gegenüber diesem grandiosen Projekt, von dem wir nun - wie so vieles andere - aus Siegfried Unselds Aufzeichnungen eines Verlegers im Jahre 1970 zum erstenmal erfahren haben.

     

    Als er sein Werk der „Chroniken“ begann, erklärte er der Nachwelt, die er damit im Auge hatte und die er nun erreicht hat, er sei sich „eingedenk, dass ein Verleger im Grunde genommen immer nur an den Büchern beurteilt werden soll, die er macht, nicht an den Worten, die er über diese Bücher oder über andere Gegenstände verliert“. Das mag sein und in den meisten Fällen zutreffen. Nur: in seinem Fall eben nicht. Das macht seine Größe aus.


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