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Uwe Anton: Wer fürchtet sich vor Stephen King?

23.09.2010

Die lange, dunkle Nerd Night der Seele

Dieser Band ist ein Beispiel dafür, wie man über das Populäre reden kann. Von JAN FISCHER

 

Nerd (engl. für Langweiler, Sonderling, Streber, Außenseiter, Fachidiot) ist ein gesellschaftlicher Stereotyp, der für besonders in Computer oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen steht. Manchmal wird auch ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient (IQ) als begleitende Eigenschaft genannt.

 

Das Populäre – das richtige Populäre, nicht dieses Im-Vorbeigehen-mal-kurz-Bruce-Willis-erwähnen-und-dann-ist-gut – sondern das richtige, tiefe Eintauchen unter die Oberfläche der angeblichen Oberflächlichkeit, das ist nur etwas für Sammler, für Wahnsinnige, für Besessene. Dass Uwe Anton so einer ist, wird allein schon beim Blick in den 40seitigen Info-Anhang von Wer fürchtet sich vor Stephen King? klar: „Bibliografie und kommentierte Filmografie“, steht zwar drunter, aber eigentlich ist es ein akribisch - fast pathologisch - vollständiges Dokument sämtlicher Veröffentlichungen Kings (englisch und deutsch) angefangen bei seinen Zeiten als Schüler, dazu kommen noch an die 40 Verfilmungen, Videospiele, Ebooks, Hörbücher und Bücher über King. Uwe Antons Buch ist nicht nur ein Buch über King – Uwe Anton, soviel ist klar, ist ein Fan. Und Fan kommt kommt fanatisch.

 

Gesunder Fanatismus

Nerdsein, Fansein: Wer über Stephen King sprechen will, kommt da gar nicht drumrum, auch das macht Uwe Anton in Wer fürchtet sich vor Stephen king? klar. Es sind ja nicht nur Kings Romane und Kurzgeschichten, über die einen Überblick zu behalten schon schwer genug ist. Da gibt es ja auch noch die PC-Spiele, eigenartige Ebook-Experimente, diverse Artikel und Kolumnen, Sondereditionen, außerdem besaß King jahrelang einen Radiosender. Ohne einen gewissen gesunden Fanatismus kommt man in diesem Wust nicht weit.

 

Die verquastete Schreibe der Literaturwissenschaft

Uwe Anton hat das alles – und mehr – wenn schon nicht im Bücherregal, dann zumindest auf dem Schirm, und was noch wichtiger ist: Er versucht gar nicht erst, den Wissenschaftler zu spielen, der die Unterhaltungsliteratur vom hohen Roß herab analysieren will, das kann er auch gar nicht, er steckt selbst viel zu tief drin im Salz der Literaturerde: Uwe Anton ist Übersetzer, unter anderem von Phillip K. Dick, außerdem Groschenromanautor, vor allem aber Mitglied im erlauchten Club der Perry-Rhodan-Autoren. Er versucht gar nicht erst, King in die Schublade der hohen und hehren Literatur hineinzurechtfertigen, solche Kategorien interessieren ihn schlicht überhaupt nicht, genausowenig, wie ihn die Literaturwissenschaft und ihre verquastete Schreibe interessiert.  

 

Wer fürchtet sich vor Stephen King? ist eine kommentierte Veröffentlichungsgeschichte, die Kings Leben anhand seines Werkes nachzeichnet, unwissenschaftlich, unterhaltend, detailliert, sauber recherchiert und fairerweise unverhohlen subjektiv, wobei Anton sich erlaubt, an zwei, drei Stellen kritische Anmerkungen zu Kings schwächeren Werken anzubringen. Wer fürchtet sich vor Stephen King? ist – abgesehen natürlich vom Informationsgehalt – nicht mehr und nicht weniger als eine beispielhafte Durchführung des angenehmen Sprechens über das Populäre auf Augenhöhe.


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