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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. April 2017 | 20:26

    André Schiffrin: Paris, New York und zurück

    26.08.2010

    Zur Verbesserung der Welt beitragen

    Die “Politischen Lehrjahre” des Verlegers André Schiffrin. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Der heute 75jährige André Schiffrin ist wahrscheinlich der einzige amerikanische Verleger, den man auch hierzulande namentlich kennt. Dabei ist er in Paris geboren, wo er heute halbjährig lebt und als lebenslang bekennender “Linker”, der Bourdieu,  Chomsky, Foucault und Hobsbawm in den USA verlegt hat, dort eine Ausnahmeerscheinung.

     

    Bekannt wurde Schiffrin bei uns durch den “Freibeuter” seines deutschen Verlegerkollegen Klaus Wagenbach. Im “Freibeuter” konnte man von dieser Kassandra des Buchmarkts schon Ende der Achtziger Jahre lesen, wie die großen amerikanischen Verlagskonzerne durch eine neue, ungebildete Managergeneration schlagartig 12 und mehr Prozent Profit aus einem einst seriösen Gewerbe erwirtschaftet sehen wollten, wo man bis dahin mit “Kultur & Anstand” auf 3-4% Gewinn kalkuliert hatte.

     

    Nicht der ominöse “Markt” verlangte diese angepeilte Profitmaximierung, sondern ein ungebremster Kapitalismus des “Shareholder value”. Damit wurde das gesamte Verlags-, Vertriebs- & Buchhandelsgewerbe der USA gründlich verändert, weil nicht mehr die “Mischkalkulation” vorhersehbare Verluste durch erwartbare Bestseller auszugleichen erlaubte, sondern jedes zur Veröffentlichung vorgesehene Buch seine Profitprognose erfüllen musste. D.h. ganze Bereiche der Buchproduktion fielen damit in den Großkonzernen unter den Tisch; und auf der Strecke blieben Traditionsverlage, deren bisherige Programme und deren Lektoren ebenso wie die ihnen entsprechenden Buchhandlungen: Ein weites Feld einzig für profitable, saisonal umgeschlagene und dann abgeräumte Bestsellerie.

     

    André Schiffrin, der seit mehr als 30 Jahren Verlagsleiter des einst von dem deutschen Emigranten Kurt Wolff gegründeten, aber längst von einem Konzern geschluckten “Pantheon” Verlags war, musste ihn 1990 verlassen, gründete aber aus Trotz & Mut & wider seinen eigenen Pessimismus ein Jahr später seinen unabhängigen Verlag “The New Press”, den er 2003 konsolidiert und erfolgreich in die Hände jüngerer Verleger gab - um mit seiner Frau das halbe Jahr in Paris, sprich: Europa zu verbringen, wenn er auch mit Schrecken Zeuge wurde, wie im geliebten Frankreich die gleichen kapitalistischen Konzentrationsbewegungen stattfanden wie in den USA; nur noch in Deutschland - geschützt durch den festen Ladenpreis - bemerkte er bisher noch keine “amerikanischen Verhältnisse” - wenngleich sie, durch die wachsende Dominanz von Buchhandelsketten wie DBH & Thalia und den Internetbuchhandel bald auch hierzulande auf die Tagesordnung kommen werden.

     

    Es waren auch seine europäischen Verleger- & Lektorenfreunde, die André Schiffrin sein 2000 bei Wagenbach auf deutsch erschienenes Buch “Verlage ohne Verleger” abverlangten, in dem er über “die Zukunft der Bücher” nachdachte. Nun haben die gleichen Freunde ihn ermutigt, von den “politischen Lehrjahren eines Verlegers” unter dem Titel “Paris, New York und zurück” zu berichten. Diesmal hat Matthes & Seitz André Schiffrins geistige Autobiografie - denn das ist das Buch - herausgebracht, allerdings in der nicht immer geglückten Übersetzung Andrea Marenzellers und in Druck gegeben von einem nicht sonderlich putzfreudigen Endlektorat.

     

    Der Vater hat die "Bibliothèque de la Pléiade" erfunden

    Dennoch ist man für das Buch dankbar, weil der Autor historische Informationen und Aufschlüsse über die USA anhand seines Lebenswegs liefert, die einem bisher verschlossen oder sogar unbekannt waren. Wahrscheinlich befähigen ihn zweierlei persönliche Situationen dazu: zum einen sein lebenslanger intellektueller transatlantischer Spagat; zum anderen seine fast ebenso lange politische Option eines nicht-kommunistischen “Linken”, der sich selbst als engagierten Sozialdemokraten bezeichnet.

     

    Der 1935 in Paris geborene André war ein von seinen jüdischen Eltern sehr geliebtes & verwöhntes einziges Kind. Sein Vater Jacques Schiffrin stammte aus einer reichen Familie, wurde in Baku geboren, wuchs in St. Peterburg auf und blieb, nach der Enteignung der Familie durch die Bolschewiki, in Genf, wo er während des 1.Weltkriegs studiert hatte. In Frankreich aber wurde Jacques Schiffrin zum Verleger und  zum “Erfinder” des Glanzstücks des französischen Buchhandels bis heute: der “Bibliothèque de la Pléiade”. Des großen Erfolgs wegen suchte der geniale, aber kapitalschwache Verleger Schiffrin 1933 für sein Projekt Schutz unterm Dach des Gallimard-Verlags. André Gide, mit dem Jacques (wie auch mit Roger Martin du Gard) eng befreundet war, stiftete die Verbindung.

     

    Der enge Freund Gide, dessen „Tagebücher“ Jacques in der „Pléiade“ edierte, war es dann auch, der Schiffrin, seiner Frau und ihrem Sohn sowohl durch Geld als auch durch seine Verbindungen im letzten Augenblick (1941) die lebensrettende Flucht von Marseille über Casablanca nach New York ermöglichte. Der durch die „Arisierungsverlangen“ der deutschen Besatzer von Gallimard 1940 entlassene Jacques Schiffrin ist nach dem Krieg nie mehr in seine „Pléiade“-Rechte von den berühmten französischen Verlegern wieder eingesetzt worden und 1950 in New York gestorben; und obwohl seine Eltern, schreibt André Schiffrin, offenbar sehnsüchtig davon träumten, nach Paris zurückzukehren, war aus ihrem Sohn ein „kleiner chauvinistischer US-Amerikaner“ geworden. Allerdings auch ein ernsthafter, politisch hochinteressierter & -motivierter junger Mann - seit der Dreizehnjährige den Präsidentschaftswahlkampf 1948, in dem sich ein letztes Mal mehrere Kandidaten (darunter drei Linke) beworben hatten, aus nächster Nähe verfolgt hatte. „Politik wurde für mich das Mittel“, schreibt der 75jährige rückblickend, „ethische Forderungen in unserer Gesellschaft umzusetzen“.

     

    Die aufschlussreichsten Kapitel seiner politischen Biografie sind jene, in denen er rückblickend die späten Vierziger, die Fünfziger und Sechziger Jahre aus der Sicht des linken, jüdischen Schülers & Studenten beschreibt.

     

    André wurde von seinen Eltern sowohl als deren „Scout“ & Pilotfisch für eine mögliche Rückkehr nach Europa, als auch, um ihn zu „refranzösisieren“, schon 1949 für einige Zeit nach Frankreich geschickt. So lernte er von früh auf die unterschiedlichen politischen Entwicklungen & Gesellschaften in Europa & den USA kennen & vergleichen. Nach seinem Yale-Studium, wo er den virulenten Antisemitismus kennenlernte,  machte der bilingual aufgewachsene Student durch ein Stipendium aber in Cambridge beglückende Erfahrungen mit dem damaligen liberalen Studiensystem der britischen Eliteuniversität.

     

    Die CIA finanziert die naive studentische Linke der USA

    André war jedoch, neben seinem Studium, offenbar immer ein politisch höchst agiler & erfolgreicher Gründer & Beförderer von Studenten-Organisationen und ist in dieser Funktion mehrfach nach Europa, z.B. dem Wiener Weltjugendfestival  oder nach Berlin zu Treffen mit FDJlern gefahren. Was er allerdings damals nicht wusste, war die viel später erst bekannt gewordene Tatsache, dass FBI & CIA das „linke“ Studententreiben, das sich auf seine „westliche“  Freiheitlichkeit so viel zugute hielt gegenüber den kommunistischen Studentenorganisationen, sowohl zuhause geheimdienstlich verfolgten, als auch deren Auftreten auf internationalen Begegnungen finanziell fördernd subtil lenkten, ohne dass die sozialistischen Greenhorns es merkten. „Wir waren unschuldig“, erinnert er sich heute, da ihm das ganze Ausmaß der CIA-Manipulationen in den Kalten Kriegszeiten bekannt geworden ist.

     

    Schiffrin beschreibt vor allem, wie nach dem Ende des 2. Weltkriegs und dem Beginn des Kalten Kriegs die publizistische Öffentlichkeit in den USA sich Stück für Stück veränderte und eine linke Zeitung nach der anderen in New York einging. So bewarben sich noch 1948 sechs (!) Kandidaten um die dann von dem Demokraten Truman gewonnene Präsidentschaft, darunter waren zwei erklärte Sozialisten. Das sollte später nicht mehr vorkommen – nachdem McCarthy ein antikommunistisches Klima der Angst & der allgemeinen Verdächtigung verbreitet hatte, dessen irreparable Folge es war, als es wieder 1956 abklang, dass die politische Linke insgesamt seither in den USA als sozialistisch-sozialdemokratische nicht mehr Fuß fassen konnte. Wenn Präsident Obama  als „Kommunist“ verunglimpft werden kann, weil er  eine allgemeine Krankenversicherung eingeführt hat, offenbart allein diese kollektive Dummheit, wie weitreichend die geistigen & politischen Verheerungen der Fünfziger Jahre bis heute das öffentliche Bewusstsein der USA prägen.

     

    Nicht nur weil André Schiffrin sein Buch während der Jahre von George Bush jr. geschrieben hat, sondern auch weil ihm im Rückblick von den 350 New Yorker Buchhandlungen der Vierziger Jahre zu den 35 heutigen die Schwermut überkommt, ist seine Bilanz als Verleger & politischer Kopf negativ. Er sei, schreibt Schiffrin, am Ende, „immer noch ein Amerikaner in Paris“, weil er nicht im Stande sei, obwohl er viele politische Anschauungen mit den Franzosen teile, die „große kulturellen und sozialen Unterschiede“ zwischen Frankreich und den USA zu überwinden: „Ich werde die Jahre (...), die französische Erziehung, die ich nicht gehabt habe, nicht nachholen können. Ich kann aber Schritt für Schritt (...) die Bände der Pléiade lesen, mit denen ich aufwuchs, die zu lesen ich aber kaum Zeit fand, ich kann damit beginnen, die Geschichte und Kultur der Jahre nachzuzeichnen, in denen meine Eltern in Frankreich so glücklich waren. Einfache Freuden, die aber meiner Geschichte zu einem glücklichen Ende verhelfen“.

     

    Und uns zu einer ebenso aufschlussreichen wie anrührenden Erzählung von einem bewundernswerten Menschen, der sich & seinen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Idealen & humanistischen Überzeugungen treu geblieben ist.


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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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