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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 01. Mai 2017 | 06:27

    Roland Barthes: Tagebuch der Trauer

    07.06.2010

    Der `Tod des Autors´

    Roland Barthes Tagebuch erscheint inmitten einer Konjunktur des Privaten. Noch nie wurde der Buchmarkt mit so vielen Tagebüchern, Offenbarungen und Beichten überschwemmt; noch nie wurde das Intime, Profane und Banale so gefeiert. Ob schonungslos ehrlich oder narzisstisch inszenierend, es scheint, der öffentliche Raum ist begierig danach, dem Intimen seine Absolution zu erteilen. Kritischer Einwand gegen solchen Konsum wird erstickt in der Befriedigung voyeuristischer Gelüste. Von ANDREA SAKOPARNIG

     

    Doch woher rührt die Enthüllungs- und Mitteilungslust? Geht es um die Wahrung oder Wiedererlangung verlorener Souveränität, gewissermaßen um narrative restitutio in integrum fragmentierter Identität? Was auch immer ihr persönliche Motiv ist, eines ist all diesen Dokumenten des Ich gemeinsam: Sie bezeugen einen unerschütterten Glauben an die Mitteilungskraft der Sprache und ihre kathartische Wirkung.

     

    Barthes glaubte nicht daran. Er veröffentlichte sein Tagebuch nicht – und hatte wohl auch nie vor, es zu veröffentlichen. Zwei Tage nachdem seine Mutter gestorben war, fing er an, beinahe täglich auf kleinen Karteikarten, wie er sie auch für seine Vorlesungsnotate benützte, zu schreiben, nur für sich. Als Roland Barthes Mutter mit 84 Jahren stirbt ist Barthes 62 Jahre alt. Zeit seines Lebens hat er mit ihr zusammen gelebt – 62 Jahre lang.

     

    Barthes war in der französischen Literatur- und Philosophieszene der 60/70er-Jahre die Gestalt, die im geschriebenen Text nicht den Ausdruck des Subjekts erkennen wollte. Kein Text – am allerwenigsten die Biografie und das Tagebuch –, so Barthes, hat seinen alleinigen Urheber in der Autorität des Autors. Die Sprache schreibt am Text mit und das auch gegen das Ich, das sich auszusprechen versucht.

     

    Nun wendet sich Barthes Reflexion gegen ihn selbst: Das Schreiben und das Geschriebene werden ihm, dem Kritiker jeder Ausdrucksästhetik, zum Ausdrucks- und Vermittlungsort seines verstörten Selbst. Gleichzeitig übt die Sprache Verrat. Bei einer Relektüre kann Barthes nur ernüchtert feststellen, dass das Schreiben doch nur „lächerlich“ sei.

     

    Existenzielle Notate

    Und doch, die Auseinandersetzung mit der Abwesenheit der Mutter hat vor allem in der Sprache ihren Ort. Dort ist sie nicht nur dumpf schmerzlich, dort schreibt sie sich ein als sprachlicher Mangel, als Unaussprechlichkeit: „In dem Satz ‚Sie leidet nicht mehr’, worauf, auf wen bezieht sich ‚sie’? Was bedeutet dieses Präsens?“ Tot ist die Mutter erst, als auch die Sprache ihren Tod durch ihr Versagen bezeugt, zugleich aber das Anschreiben gegen die den Tod entrückende Zeit erlaubt. Kühl und abstrakt misst sie die Distanz des „nicht mehr“, „nie mehr“ aus und macht sie umso fühlbarer. Das Vokabular der Trauer ist auch nach 14 Monaten dasselbe wie anfangs. Es ist ignorant und brutal gegen die persönliche Empfindung. Dennoch sind für Barthes die meist sehr kurzen, minutiösen Notate, die seismografisch den Pegel der Trauer dokumentieren, existentiell.

     

    Barthes Aufzeichnungen changieren zwischen professoralen Bemerkungen, Kleinanalysen zynischer Selbstbeobachtung, Reflexionen über die eigene endliche Subjektivität, dem Wunsch nach Anerkennung, der Angst vor der Einsamkeit und der Furcht vor dem Vergessen und dem Verschwinden des Geliebten. Sie suchen die Scham des übrig- und zurückbleibenden Überlebenden zu bewältigen, die bittere Erfahrung auszuhalten, auch ohne den anderen sein zu können. Sie zeigen ein Subjekt, das sich im Verlust sucht. Nicht zuletzt thematisieren sie die Mutter-Sohn-Beziehung in beklemmend ehrlicher und schonungsloser Weise als Liebesbeziehung. Barthes Ton schwankt zwischen empathischem Schmerz und apathischer Gleichgültigkeit: „Nicht einmal Lust, sich umzubringen.“ Immer wieder beklemmt uns seine Irritation über die „Welt mit dem Es geht weiter“, die in den Augen desjenigen, der gerade seine Koordinaten verloren hat, nur absurd erscheinen kann.

     

    Seine Trauer nimmt nicht ab, wird nicht leichter zu tragen. Acht Monate nach dem Tod der Mutter schreibt er: „das Gefühl, dass die eigentliche Trauer jetzt erst beginnt.“ Auch wenn sie seziert und genau beobachtet wird, lässt sie sich nicht analysieren und begreifen. Sie ist weder als Fieberkurve innerhalb feststehender Parameter einzuordnen, noch hat sie eine Kontinuität. Vielmehr scheint sie immer wieder aufs Neue in unempfundener Tiefe zu überwältigen. „Nun, das ist immer die gleiche doxa (mit den allerbesten Absichten): Die Trauer wird reifen (das heißt, sie wird mit der Zeit abfallen wie eine Frucht oder aufgehen wie ein Furunkel). / Doch für mich ist die Trauer unbeweglich, keinem Prozeß unterworfen.“ Der Kummer wird fortan zu Barthes Zuhause, in dem er sich einrichtet und regelrecht wohlfühlt, wohler als draußen in der unbekümmerten Welt.

     

    Zu Literatur `verkommen´

    Nein, das Tagebuch sollte wohl nie veröffentlicht werden. Barthes Entscheidung für diese Schreibweise war entschieden ethisch. Seine Diskretion gegenüber der Mutter, die durch keine Beschreibung profanisiert werden sollte, als auch gegenüber seinem trauernden Selbst, das seine Gefühle und seine Leere nicht einer lesenden Meute zur Schau stellen wollte, ist sprechend. Sie gewährt die unhinterfragte, hagiografische Inszenierung der Mutter, die, geschrieben für ein lesendes „du“, zum rhetorischen Moment verkümmert wäre. Und gerade deshalb kann Barthes darauf verzichten, ein Bild von seiner Mutter zu zeichnen. Sie bleibt im ganzen Text hinter ihm zurück, allenfalls durch ihn hindurch erahnbar. Wer sie war, davon erfahren wir beinahe nichts. Über sie zu schreiben, wäre für ihn unmöglich gewesen: „Ich spreche nur von mir. Ich kann nicht von ihr sprechen, sagen, was sie war, kein überwältigendes Porträt von ihr liefern.“

     

    Nun, da Barthes Tagebuch der Trauer erscheint, ist Barthes bereits dreißig Jahre tot. Sein Text wurde aus dem Nachlass ediert – und es ist das eingetroffen, was Barthes während des Schreibens befürchtete: er ist zur Literatur „verkommen“.

     

    Betroffen sind wir durch die Lektüre nicht, ebenso wenig befriedigt. Allerdings peinlich berührt und beschämt, dass wir dies lesen. Aber nicht zuletzt auch dankbar für Barthes Opfer, das er selbst forderte: „Die Geburt des Lesers muß mit dem Tod des ‚Autors’ bezahlt werden.“

    TITEL ist umgezogen!

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