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    Samstag, 29. April 2017 | 13:24

    Barney Hoskyns: Tom Waits. Ein Leben am Straßenrand

    15.03.2010

    Back in the good old world

    Eine Biografie zu schreiben beziehungsweise schreiben zu lassen, ist etwas durchaus Legitimes, vor allem dann, wenn der Porträtierte auf lange Jahre künstlerischen, politischen oder wie auch immer gearteten Schaffens zurückblicken kann. Eine Biografie zu schreiben beziehungsweise schreiben zu lassen, ist aber auch die größte etablierte Unart unserer Zeit, vor allem dann, wenn der Porträtierte gerade die Pubertät beendet hat und bis dato kaum einen einzigen sinnvollen Gedanken zu fassen im Stande war. Tom Waits zu sein und Biografien scheiße zu finden, ist legitim und trotzdem eine Unart, findet ANICA RICHTER.

     

    What`s He Building? (Mule Variations)

    Barney Hoskyns ist ein Fan von Tom Waits. Ohne Zweifel. Und er ist Musikjournalist.

    Das Ganze ist also ein bisschen wie in Almost Famous, nur ohne Stillwater, Kate Hudson und goldene Götter. Und, na ja, Hoskyns ist kein Teenager mehr, sondern ein Mann mittleren Alters, der sich entschieden hat, eine Tom Waits-Biografie zu schreiben.

     

    Vorab sei gesagt, dass Mr. Waits keine Biografie wollte. Und Mrs. Waits erst recht nicht. Eine Tatsache, die dazu führt, dass Barney Hoskyns mit Tom Waits. Ein Leben am Straßenrand eine Biografie vorgelegt hat, die vom Porträtierten nicht autorisiert ist.

     

    Und genau dieser Fakt hat zahlreiche Weggefährten Waits’ wie Jim Jarmusch, Keith Richards oder seine ehemalige Lebenspartnerin Rickie Lee Jones davon abgehalten, das biografische Unterfangen mit zahlreichen Anekdoten zu unterstützen.

     

    Obwohl Hoskyns schon auf den ersten Seiten des Buchs betont, dies nicht persönlich genommen und als Abwertung seiner Arbeit verstanden zu haben, kann er es sich nicht verkneifen, im Buchanhang den E-Mail-Verkehr offenzulegen, aus dem hervorgeht, wie mehr oder minder originell die Waits-Verbündeten ihm ihre Mitarbeit versagten. 

     

    (Goldener) Gott sei Dank gibt es Zeitungsarchive und virtuelle Welten, die reale und personelle Informationsquellen ersetzen. Und die es sogar ermöglichen, dass der Meister himself, Waits, auf fast jeder Seite des Buchs sein eigenes Leben kommentiert. Außerdem hat Hoskyns mit zahlreichen Musikern, Plattenlädenbesitzern, Pizzeriainhabern und Nachtschwärmern gesprochen, die irgendwann einmal in den Genuss von Waits Anwesenheit gekommen sind und darüber bereitwillig Auskunft geben.

     

    Und genau diese Gesprächspartner sind es, die es Hoskyns ermöglichen, ein überaus stimmiges, detailverliebtes und mitreißendes Bild eines Musikers und seiner Zeit zu zeichnen, das gleichzeitig so melancholisch ist, als hätte es Tom Traubert selbst gemalt.

     

    I Don`t Wanna Grow Up (Bone Machine)

    Es gibt Menschen, bei denen man sich wundert, dass sie ihr Leben überleben. Tom Waits ist so einer.

     

    Als Waits im Dezember 1949 in Kalifornien geboren wird, hat man von der sogenannten Beat Generation noch nicht allzu viel gehört. Jack Kerouac hat gerade einen Verleger für seinen ersten, von Kritikern gelobten, allerdings nicht besonders erfolgreichen Roman The Town and the City gefunden, William S. Burroughs lebt in Mexiko und wird erst in zwei Jahren versehentlich seine Frau bei der Nachstellung der Apfelszene aus Schillers Wilhelm Tell erschießen, und Allen Ginsberg wird wegen Autodiebstahls verhaftet, gibt vor psychisch krank zu sein und lässt sich für acht Monate in die Psychiatrie einweisen.

     

    Waits wächst in einer typischen 50er-Jahre-Nicht-Idylle auf. Die Mutter ist ein perfektes Abziehbild der biederen Hausfrau, der Vater ist Lehrer und gleichzeitig exzessiver Alkoholiker. Als Waits zehn Jahre alt ist, trennen sich die Eltern und der Sohn findet sich in jener Mutter-Vater-Schizophrenie wieder, die jedes Scheidungskind durchlebt. Die Zeit des Heranwachsens scheint für Waits, gerade in Hinblick auf den Alkoholismus seines Vaters und die Trennung seiner Eltern, nicht immer einfach gewesen zu sein. In einem Interview im Jahr 2004 sagte er über die Vater-Sohn-Beziehung: „Ich nehme an, mein Dad war ein Rebell, der einen Rebellen aufzog.“ Und: „Ich hätte die Zeit des Heranwachsens am liebsten direkt bis zum vierzigsten Lebensjahr übersprungen.“

     

    Die Ablehnung der Kindheit und die gleichzeitige Ablehnung des Erwachsenswerdens passen durchaus zusammen. Die Lösung ist: Man wird einfach nur ein bisschen erwachsen. Gerade so erwachsen, dass man noch zu sehen ist, wenn man hinter einem Klavier sitzt und spielt, gerade so erwachsen, dass man Schnaps trinken und Zigaretten kaufen darf, gerade so erwachsen, dass man mit Frauen vögeln und wunderbare Geschichten darüber erzählen kann. Gerade so erwachsen, dass man Songs wie Ol’55 und I Hope that I Don’t Fall in Love with You und ein Debütalbum wie Closing Time schreiben kann. Also 23.  

     

    Aber das geht nur, wenn du Waits bist.

     

    Yesterday is here (Big Time)

    Hoskyns wirkliche Leistung liegt nicht darin, dass er auf 700 Seiten alle möglichen und unmöglichen Details aus Tom Waits Leben zusammengetragen hat, sondern vielmehr in der Tatsache, dass er den Leser auf eine grandiose Art und Weise für Waits einnimmt.

     

    Wenn Hoskyns beispielsweise über die – aus Waits Sicht – grauenerregende Tour mit Frank Zappa und den Mothers of Invention im Jahr 1974 berichtet, bei der Waits im Vorprogramm auftrat und drei Wochen jeden Abend lautstark von Zappa-Fans für seine Musik gehasst wurde, dann will man zuerst Frank Zappa und danach all seinen fehlgeleiteten Anhängern aufs Maul hauen.

     

    Oder wenn Hoskyns über Waits’ Leidenschaft für Jack Kerouac und dessen Beatnik-Literatur-Evergreen On the Road schreibt, der für Waits eine Art Erweckungsmoment darstellt und in ihm, Kerouac gleich, einen „gewaltigen und unstillbaren Hunger nach Erfahrung“ (Lester Bangs) freisetzt und gleichzeitig eine lebenslange Kerouac-Verehrung bei Waits entfesselt, dann (sofern man es nicht schon längst getan hat) verspürt man einen überwältigenden Drang danach, dieses (Kerouacs) Buch zu lesen, in der Hoffnung, zu fühlen, was Waits gefühlt haben mag.

     

    Und schließlich, und das ist der größte Verdienst von Hoskyns, weckt diese Biografie eine Sehnsucht nach Waits’ Geschichten, nach seiner Art, die Welt in Worte und Melodien zu fassen. Songs wie Christmas Card From a Hooker in Minneapolis, Heartattack and Vine oder Tom Traubert’s Blues (um nur einige wenige zu nennen) sind nicht einfach „nur“ Musikstücke, sondern musikalische Mikrokosmen. Es sind Lieder, die dich nachts aus dem Bett treiben, weil du sie noch einmal hören musst, bevor du einschläfst.

     

    Hoskyns weiß das. Er weiß, dass Tom Waits einer der größten Geschichtenerzähler unserer Zeit ist, der gern von und aus allen Welten berichtet, nur aus seiner eigenen nicht.

     

    Gut, dass Barney Hoskyns auch ein großartiger Geschichtenerzähler ist.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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