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Rüdiger Safranski: Goethe & Schiller

26.11.2009

Weimaraner Gipfeltreffen

Rüdiger Safranski hat wieder zugeschlagen! Nachdem schon der 200. Todestag Friedrich Schillers in der literarischen Nachbereitung von Safranski dominiert wurde, scheint auch die Feier des 250. Geburtstags des Dramatikers nicht ohne ihn vonstatten gehen zu können. Und wieder irrt das kaufende Publikum nicht: Goethe und Schiller ist eine höchst vergnügliche Studie. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Der größte Makel an jenen Büchern, die wir arg gönnerhaft „populärwissenschaftlich“ zu nennen pflegen, ist ohne Zweifel ihr Hang zu Superlativen, die Übertreibung in den meisten Fällen ihr liebstes Stilmittel. Auch Rüdiger Safranski scheint nicht ganz frei davon zu sein. Über die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller schreibt er beispielsweise:

„Im Rückblick nannte Goethe die Freundschaft ein glückliches Ereignis. Ein solches bleibt es für uns auch heute noch, denn man wird in der Geschichte des Geistes lange suchen müssen, um etwas Vergleichbares zu finden (...).“

Das Pathos dieses Ausschnitts wäre sicherlich selbst Friedrich Schiller etwas zu dick aufgetragen vorgekommen. Und doch: Man mag Safranski auch ganz ohne rührselige Verklärung gerne zustimmen. Der Briefwechsel zwischen den beiden Giganten der Weimarer Klassik zählt ohne Zweifel zu den interessantesten Überlieferungen der deutschen Literatur: ein lebendiger Werkstattbericht, ein fruchtbarer ästhetischer Diskurs und nicht zuletzt - das Zeichen einer Freundschaft, die weit über das normale Maß einer utilitaristischen Arbeitsgemeinschaft hinausging.
Es ist eben jener Briefwechsel, den Rüdiger Safranski zur Grundlage seines zweiten Schiller-Buches macht. (Nach dem Sensationserfolg Friedrich Schiller oder Die Erfindung des Idealismus aus dem Jahre 2004.) Dass Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft nun pünktlich zum 250. Geburtstags Schillers erscheint, ist den üblichen Marktmechanismen geschuldet, ändert jedoch nichts an der Qualität der unterhaltsamen Studie. Zwar wirkt Goethe & Schiller ab und an wie eine ausgebaute und in der Fokussierung leicht verschobene Version des Erfolgsbuches Schiller, aber gerade deswegen besitzt es auch alle Vorteile, die schon Safranskis Schiller-Biographie auszeichneten.
Im Gegensatz zu den gewichtigeren universitären Schiller-Arbeiten – Maßstäbe setzte hier sicherlich Peter-André Alts zweibändige Biographie – kommt Safranskis Arbeit leichtfüßig und geradezu beschwingt daher. Selten vergreift er sich im Ton, das oben zitierte Beispiel bleibt eine Ausnahme. Nette Anekdoten finden bei ihm ebenso ihren Platz wie kleine literaturwissenschaftliche Werkexkurse. Sein Zitatenschatz ist reichhaltig, wird aber unaufdringlich in den Text eingewoben. Kurz: Safranski kann schreiben.

Das Jubiläum beginne!

Einige Interpretationen geraten ihm dabei merkwürdig bieder. So weiß er über den großartigen Wallenstein, jener diskursiven Fundgrube von widerstreitenden ästhetischen und semantischen Motiven, nur recht wenig zu sagen, und auch Goethes Werke bleiben zum Teil erstaunlich blass.
Dabei entscheidet sich Safranski jedoch klugerweise für eine deutliche Perspektivierung des Geschehens. Vom ersten Aufeinandertreffen der beiden Größen bis zum Tod Schillers bleibt der Schwabe der eigentliche Mittelpunkt des Buches. Der ältere Goethe wird durch Schiller gespiegelt und entwickelt erst nach und nach ein schärferes Profil. Dieses Verfahren verdeutlicht noch einmal Safranskis Anliegen: Mit dem Fokus auf Schiller kann er paradoxerweise noch eindrücklicher zeigen, wie sehr die Freundschaft mit dem jungen Dramatiker den Geheimrat künstlerisch beflügelte, ihm eine zweite Jugend bescherte.
So ist Goethe und Schiller ein höchst unterhaltsames, gut geschriebenes Buch geworden, das nur selten in die Falle der Übertreibung tappt, durchaus solide informiert und seinem Gegenstand ohne allzu aufdringlichen Plauderton zumeist gerecht wird. Angestaubt wirkt Safranskis Prosa tatsächlich nie. Und so schafft er es, auch den beiden Heroen der Klassik ein Stück ihrer literarischen Bodenhaftung zurückzugeben und Lust auf eine neuerliche Lektüre ihrer großen Werke zu machen. Anregender kann man das Schiller-Jahr also kaum feiern.

 

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