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Thomas Brasch: Ich merke mich nur im Chaos

25.05.2009

Lass mich mit Deutschland in Frieden

Vor acht Jahren starb der Schriftsteller Thomas Brasch im Alter von nur 56 Jahren. Brasch, der 1977 aus der DDR in den Westen ging und dort als jemand gefeiert wurde, der er nicht sein wollte, rang den Zuständen auf beiden Seiten des geteilten Deutschlands ein literarisches Werk ab, das nur noch wenige Leser kennen. Die nun erschienenen Interviews zeigen ihn als Dissidenten wider Willen, als Übersetzer aus Not und als Seismographen des eigenen Schreibens. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

 

Schon bei Erscheinen seines ersten Prosabands Vor den Vätern sterben die Söhne bemerkte Reinhard Baumgart, es sei Glück und Unglück zugleich, was Thomas Brasch geschehen sei, nämlich als Person vor seinen Texten bekannt und in unzähligen Interviews durch alle Medien geschwemmt zu werden als hauptberuflicher Dissident. Das war 1977. Thomas Brasch war damals gerade mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach aus der DDR ausgereist und fand sich im Westen als öffentliche Person wieder. Hier passte er dank seiner Biografie in das Wunschbild des jungen, rebellischen Poeten. Hunderttausend Mark Vorschuss soll ihm für eine kurze Novelle über seine letzte Zeit im Osten angeboten worden sein. Doch Brasch eignete sich nicht als politische Vorführfigur, umso weniger, als er darauf bestand, die BRD sei nicht per se der bessere deutsche Staat. Nach diesem lautstarken und mit vielen Missverständnissen verbundenen Neustart im Westen nahm das Interesse langsam ab und bis kurz vor seinem Tod 2001 war es sehr still um ihn. Obwohl die Lesungen seiner Gedichte mit Katharina Thalbach ihm noch einmal eine gewisse Aufmerksamkeit einbrachten, ein richtiges Comeback zu Lebzeiten gab es für Brasch nicht. Nun liegen, als Fortsetzung seines Werkes aus dem Nachlass, gesammelte Interviews aus den Jahren 1976–2001 vor. Sie zeichnen in ihrer chronologischen Anordnung die Entwicklung eines Autors nach, dessen Werk oft wirkt, als wollte es sich selbst verhindern.

„Ich bitte dich, laß mich mit Deutschland in Frieden!/Du mußt mich nicht plagen mit ewigen Fragen/Nach Heimat, Sippschaft und Lebensverhältnis; –/Es hat seine Gründe – ich kanns nicht vertragen.“ Thomas Brasch hat diese Zeilen so wenig gesagt wie „Ich merke mich nur im Chaos“, den Satz, der diesem Buch den Titel gibt und der tatsächlich die Überschrift eines Gesprächs mit Fritz J. Raddatz ist, ohne dass sich diese Äußerung von Brasch darin fände. Aber er hat sie öffentlich zu Gehör gebracht, indem er eine Schallplatte mit Rezitationen von Gedichten Heinrich Heines auflegte und dann schwieg, während Georg Stefan Troller ihn dabei filmte. „Das Thema eines Schriftstellers ist nicht das Land, in dem er lebt, sondern das Problem, das er hat“, sagte er einmal. Ob er wollte oder nicht, für Thomas Brasch war das eine gleichbedeutend mit dem anderen. Er war es früh leid, über Deutschland sprechen zu müssen, tat es aber dennoch, vor allem während der ersten Jahre im Westen. Mehr als die Hälfte der Gespräche stammen aus dieser Zeit, in denen neben Theaterstücken der Prosaband Kargo und die Gedichte Der schöne 27. September erschienen und Braschs Film Engel aus Eisen entstand. Brasch gibt Auskunft über seine Erfahrungen an der DDR-Kadettenschule, über Privates aus der jeweiligen Gegenwart äußert er sich dagegen nicht. Wie sich seine Existenzbedingungen als Schriftsteller seit den 1980ern veränderten, erfährt man aus einem Gespräch über Braschs Shakespearebearbeitungen. Dass Shakespeare ins Deutsche zu übertragen eigentlich unmöglich und deshalb schon der Versuch unter Strafe gestellt werden sollte, erklärte er, und dass er dabei sein Handwerk (wieder) erlernen wollte, ist nur ein Grund dafür, es dennoch getan zu haben. „Zweitens, man braucht Geld. Von meinen Stücken könnte ich nicht leben, könnte nicht einmal die Miete für diese Küche bezahlen“, sagte er im Jahr 2000.

Eigene Texte kommentiert Brasch nur selten, entwickelt aber poetologische Aussagen. Zum Schreiben gehöre „der äußerst geschärfte Instinkt, daß die Welt erst durch einen Menschen hindurch muß, um beschrieben werden zu können“. Und: „Beim Schreiben ist der Schreiber die Welt, nicht die Landkarte.“ Geschlossene Wirklichkeitsdarstellungen sind Braschs Erzählungen und Dramen dementsprechend nie geworden. Sein Werk hat etwas Un(ab)geschlossenes an sich, wie ein langer Prozess, in dessen Verlauf Brasch die zerrissene Form seiner Texte nicht langsam episch überwand, sondern fortsetzte, an der Wunde Deutschland laborierend und sich zugleich vehement dagegen sträubend, ihr eine zu große Bedeutung für sein Schreiben zuzubilligen. Den fragmentarischen Charakter seiner Texte haben Braschs Gesprächspartner schon früh bemerkt. Darauf angesprochen stellt er dies nicht in Abrede, verwehrt sich aber gegen eine Programmatik. „Ich kann Fragmente nicht herstellen. Schubert konnte sich nicht an den Tisch setzen und sich vornehmen, eine Unvollendete zu schreiben. Fragmente entstehen, weil einer nicht fertig wird mit etwas, obwohl er es will, nicht weil er es will.“ 

 

Parallelen zu Uwe Johnson

Überdeutlich erscheinen im Nachhinein die biografischen Parallelen zu Uwe Johnson. Johnson machte sein verlorenes Mecklenburg zum Stoff und starb, bevor die Geschichte ihm diesen Stoff wegnahm, indem sie ihn – politisch – zurückgab. Brasch hingegen erlebte die Wiedervereinigung und auch, wie dadurch die wichtigste Reibungsfläche für sein Schreiben verschwand, nämlich die gesellschaftlichen Widersprüche im Osten genauso wie im Westen. Während Heiner Müller mit dem Ende der DDR zu schreiben aufhörte und stattdessen für sich das Gespräch als neues literarisches Genre erfand, arbeitete Brasch sich an einem Prosaprojekt über den Mädchenmörder Brunke ab und verzog sich mit diesem Thema in die Vergangenheit. Ein Foto zeigt ihn an einem Tisch stehend, auf die Ordner mit den Manuskriptkonvoluten gestützt. Von den angeblich 27.000 beschriebenen Seiten blieben zuletzt nicht ganz hundert übrig. Herauszuheben ist auch deshalb ein langes Gespräch über Uwe Johnson, das Thomas Wild 2001 mit Brasch führte. „An ihm hatte ich all das, was mir nun bevorstand, schon einmal gesehen, in all den Verästelungen: die verschiedenen Versuche, mittels Güte, mittels Drohung, mittels dumpfer Verdächtigung einen Schriftsteller aus dem Osten im Westen auf die klare Freund-Feind-Linie einzuschwören“, sagte Brasch da über den Älteren. 1982 widmete er ihm ein Gedicht, weil er von Johnsons Schwierigkeiten wusste, den vierten Band der Jahrestage zu beenden.


Dass sein eigenes letztes Buch unter ähnlichen Qualen entstehen würde, konnte er selbst damals noch nicht absehen. In einem hat er Johnson nachgeahmt, nämlich in dem Versuch, Nachtwächter beim Goethe-Institut in New York City zu werden. „Wenn ich mich recht erinnere, war das Institut in so einem wunderschönen alten großen Haus am Central Park West gelegen. Ich stellte mir vor, zwischen 21 Uhr abends und 6 Uhr morgens in diesem Haus zu sein und, nachdem man dort sicher nicht viel zu tun gehabt hätte, nachts zu arbeiten. Ich wollte mir drei große Tafeln oder Bögen aufhängen, einen für Lyrik, einen für Drama, einen für Prosa. Morgens, bevor die ersten Angestellten kommen, hätte ich sie dann eingerollt, und am folgenden Abend wieder aufgehängt. Tagsüber hätte ich irgendwo in der Stadt geschlafen, auf einer Treppe oder im Park oder sonstwo, und nachts wäre ich zur Arbeit zurückgekommen. Sich auf diese Weise in so einer phantastischen Stadt aufzuhalten!“ Aber weil er keine Arbeitserlaubnis bekam, klappte die Sache letztlich doch nicht.

 

Die Herausgeberin Martina Hanf weist darauf hin, dass sie nicht historisch-kritisch gearbeitet habe, sondern dass sich der Band an ein Lesepublikum richte. Auch diesem darf man allerdings ein grundsätzliches Interesse an ergänzenden Informationen und Erläuterungen nicht von vornherein absprechen. Eine Kommentierung wäre noch wünschenswert gewesen, doch die gibt es nur in Gestalt einer biografischen Zeitleiste und eines Nachworts, das zugleich Editionsbericht ist. Dennoch, das Verdienst verstreute und schwer zugängliche Beiträge aufzuspüren und zu sammeln, ist ihr und dem Verlag hoch anzurechnen.

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