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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 01. Mai 2017 | 06:27

    Stefan Klein: Da Vincis Vermächtnis

    23.04.2009

    Neues vom Alleskönner

    Vegetarier, Lebensschützer und Erfinder von Kriegsmaschinerie, Maler, Architekt und Wissenschaftler – Leonardo da Vincis Vielseitigkeit und die Paradoxien seines Lebensweges geben uns auch heute noch etliche Rätsel auf. Stefan Klein widmet sich nun dem Naturwissenschaftler Leonardo. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Mit dem rauschebärtigen Vater der Evolutionsbiologie, Charles Darwin, kommt man in diesem Jahr nicht aus. Die populärwissenschaftliche Prosa vermisst so ziemlich jeden Quadratmeter seines Lebens neu, nimmt Darwins Schriften mit auf die Reise zu den topographischen Ursprüngen seiner Theorie, vergleicht ihn mit den Diskursen Michel Foucaults und verteidigt sein Erbe gegen den zunehmenden Einfluss des Kreationismus. Eine der schönsten Ausstellungen des Evolutionsjubeljahres in der Frankfurter Schirn zeigt Darwin gar als Impulsgeber für die Künste – der Kampf ums Überleben als Kampf der Formen sozusagen.

    Die tiefe Verschränkung von bildenden Künsten und naturwissenschaftlicher Erkenntnis ist ohnehin seit geraumer Zeit als Thema wissenschaftlicher Arbeiten aus verschiedensten Lagern en vogue.

    Dan Brown als Pate?

    Die Sterne sollten also eigentlich günstig stehen für Stefan Kleins neueste populärwissenschaftliche Arbeit, die uns neue Einblicke in das Schaffen Leonardo da Vincis verspricht. Der promovierte Physiker und Wissenschaftsautor will uns den großen Renaissancemeister aus der Perspektive der Naturwissenschaften vorstellen, als Visionär und brillanten Beobachter, als ausgebufften Entwickler genauso wie als enorm effizienten Handlanger der Kriegsmaschinerie. Dies trifft in der Tat neben dem Faktor Populärwissenschaft noch einen weiteren Nerv des allgemeinen Publikumsgeschmacks: Dan Browns „Da Vinci Code“.

    Diesem enorm kassenträchtigen Vorbild aus der Welt der Spannungsliteratur ist wohl auch der seltsame Titel der Arbeit geschuldet – „Da Vincis Vermächtnis“. Diese Betitelung bleibt leider auch mit größten Mühen des Augenzudrückens immer noch falsch, da das italienische „da Vinci“ im Namen Leonardos eigentlich nichts anderes als „aus (der Stadt) Vinci stammend“ bedeutet. Man kann dies jedoch getrost mit einem leichten Schmunzeln als verlegerisches Kuriosum übergehen, da Kleins Arbeit mit den schnelllebigen Hypes dieses Geschäfts gottlob wenig zu tun hat.

    Wiedersehen mit einer Altbekannten


    Klein führt uns auf durchweg profunde Weise in die naturwissenschaftliche Denkwelt Leonardos ein. Kunsthistorische Feinheiten blendet er zumeist demütig aus – sie fallen nicht in sein genuines Themengebiet. So gelingt ihm ein kleines wissenschaftsgeschichtliches Kunstwerk: Er schreibt über einen der größten Meister der Renaissancemalerei, ohne diesen primär als Maler zu betrachten. Das heißt allerdings nicht, dass er Leonardo Malerei aus der Betrachtung ausschließt. Im Gegenteil, Kleins bestes Kapitel widmet sich furchtlos der säkularen Ikone der Malerei schlechthin, der Mona Lisa.

    Furchtlos ist Klein, weil er die etlichen Regalmeter an Forschungsliteratur einfach beiseite schiebt und die Mona Lisa als Produkt der Leonardoschen Wahrnehmungsakribie beschreibt. Was ihn wiederum zu der verwegenen These bringt, jenes Portrait hätte mehr mit computergenerierten Bildern zu tun als mit der Malerei des Zeitgenossen Raffael: „Leonardo malte dieses Gemälde nicht nach der Wirklichkeit, er erschuf eine neue – eine virtuelle Realität.“

    Es sollte den Bildwissenschaften nicht unbedingt schwer fallen, die These eines generellen Antagonismus von Leonardo und der Bildauffassung der Renaissance als x-te Variation der Mär von der außergewöhnlichen Stellung Leonardos zu entlarven. Sie zeugt vor allem von einem grundsätzlich schiefen Verständnis des Mimesis-Topos – kein Künstler kann und will die Realität vollständig in ein Bild überführen, das Bild folgt eigenen Gesetzmäßigkeiten. Nichtsdestotrotz ist Kleins Mona-Lisa-Kapitel eine erfrischende Lektüre – thesenreich und vor allem unangepasst.

    Reich illustrierte Wissenschaftsprosa


    Klein diskutiert im Verlauf seines Buches Leonardos Liebe zum Wasser ebenso wie seine Verstrickung in mehrere Kampfhandlungen, die man durchaus als Ökonomisierung des Tötens begreifen könnte. Er begreift Leonardos mechanische Skizzen als Vorstufe moderner Roboter, beleuchtet des Meisters anatomische Zeichnungen und sein Verhältnis zu den Glaubenslehren der katholischen Kirche. Dabei bleibt er stets klar im Ausdruck, seine Prosa kommt – sujetgerecht – eher nüchtern als elegant daher.

    „Da Vincis Vermächtnis“ ist ein leicht verständliches aber nie plattes Stück Wissenschaftsprosa für jedermann, das an der Grenze von Natur- und Kulturwissenschaften dem Phänomen Leonardo nachspürt, ohne dabei allzu sehr in die Ecke des begeistert-emphatischen Nachbastelns alter Versuchsanordnungen aus den Skizzenbüchern des Meisters abzudriften. Es lohnt sich also für alle naturwissenschaftlich Interessierten – gerade im Darwin-Jahr – den Blick zurück auf eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der westlichen Kulturgeschichte zu werfen.
    Mit Kleins reich illustrierter Studie sollte dies auf jeden Fall gelingen.

     

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