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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 05:22

    Matthias Frings: Der letzte Kommunist

    20.04.2009

    Ein lebenssattes Buch

    Hoffentlich sorgt Frings medienwirksame und prämierte Biografie dafür, dass Roland M. Schernikau gelesen wird. Von TOM THELEN

     

    „Das traumhafte Leben des Roland M. Schernikau“ heißt der Untertitel von Matthias Frings Biografie Der letzte Kommunist. Eine zunächst verwirrende Zuschreibung für ein Leben, das nach nur 31 Jahren durch die Folgen einer AIDS-Erkrankung endete, das geprägt war von ökonomischer Not und von fortwährendem künstlerischem Misserfolg. Ganz am Ende musste Schernikau gar den Zusammenbruch der realen Umsetzung seiner eigenen gesellschaftlichen Utopie aus nächster Nähe erleben. Dorthin, in die untergehende DDR, war er noch im September 1989 übergesiedelt, ein Einzelner, der gegen den (damalig anschwellenden Flüchtlings-)Strom schwamm. Dieses Bild steht auch als Prolog am Anfang des Buches. Wie es dazu gekommen ist, erzählt Frings dann auf fast 500 fulminanten Seiten.

    Matthias Frings, vielen bekannt als Moderator eines ehemaligen Fernsehmagazins zur Sexualität, als Buchautor und Journalist, war ein Freund Schernikaus. Entsprechend dicht dran ist er. Er lernt den schon als Talent gefeierten Autor in der schwulen Subkultur Berlins kennen und begleitet ihn durch die 80er-Jahre. Dass dabei die Persönlichkeit Frings genauso detailliert und intim beleuchtet wird wie diejenige Schernikaus, ist ein interessanter Kunstgriff des Buches. Der andere ist die Parallelmontage der Geschichte von der „Republikflucht“ von Ellen Schernikau mit dem kleinen Roland hin zu seinem bereits im Westen lebenden Vater, einem offenbar windigen Opportunisten, der die überzeugte Sozialistin schließlich gar mit einer aufgehängten Hakenkreuzflagge brüskiert. Die Mutter-Kind-Geschichte wird im Präsens erzählt, das szenische Erzählen mit seinen psychologischen Implikationen ist nicht immer unproblematisch, besonders wenn Frings tief aus der Seele des kleinen Rolo spricht. Doch Frings ist sich seines recht gnadenlosen Subjektivismus’ durchaus bewusst. Sein eigenes Leben, sein Empfinden, seine Wahrnehmung gehören ins Buch, im Nachwort vergewissert er sich dessen und benennt einen Kronzeugen: „Er ist ‚mein Schernikau‘, andere müssen sich einen anderen herbeischreiben. Ihm hätte das gefallen. Wenn ich in Formulierungen oder Beurteilungen unsicher war, pflegte er zu sagen: „Das ist dein Buch! Du kannst darin machen, was du willst!“

    Grelles Sittengemälde der 80er Jahre Boheme

    Für den Leser ist das richtig gut. In greller Farbigkeit entfaltet sich ein Sittengemälde einer Epoche. Selten hat man über das Leben der Boheme im Berlin der 80er so facettenreich gelesen. Mode, Politik, Kunst und Nachtleben hängen dicht zusammen, Sex & Drugs & New Wave in der Inselstadt. Darin lebt auch Schernikau, der aber offenbar doch so anders ist als seine Freunde, bestechend durch seinen offenbar nicht zu brechenden Optimismus, seine unbremsbare Lebensfreude und seinen bemerkenswerten Intellekt. Er feiert mit den überzeugten „Westlern“, vergöttert und trifft Marianne Rosenberg, liest im Gegensatz zu seinen Freunden jedoch die als langweilig verschrienen DDR-Autoren und (vorrangig) Autorinnen Brigitte Reimann und Christa Wolf. Er wechselt Briefe mit Elfriede Jelinek und Peter Hacks. Hier erlebt man dann den gut recherchierenden Sachbuchautor Frings. Materialreich und solide skizziert er das intellektuelle Leben seines Freundes. Das permanente Scheitern von Projekten, die Ablehnung durch Verlage. Es gelingt Schernikau als West-Berliner schließlich zum Studium am Leipziger Literaturinstitut zugelassen zu werden. Am Ende dieses Studiums, am Ende der DDR hält Schernikau am 1. März 1990 auf dem außerordentlichen Schriftstellerkongress der DDR eine Rede als neues Mitglied und beginnt mit folgenden Worten: „Der eine weiß das Eine, der andere das Andere. Ich bin Roland M. Schernikau, ich komme aus Westberlin, ich bin seit dem 1.September 1989 DDR-Bürger, ich habe drei Bücher veröffentlicht, und ich bin Kommunist.“

    Frings Buch hebt eine Schatztruhe, ob die Literatur darin so golden ist, können nun die Leser entscheiden. Elfriede Jelinek verglich ihn mit Rainald Goetz im Subskriptionsaufruf zum kurz vor seinem Tod vollendeten und 1999 posthum erschienenen Opus Magnum legende: „Goetz ist lustig, Schernikau ist keck. Sie verlangen beide etwas, ja haben auch beide etwas zu bieten, der eine dröhnt, der andere will, daß es dröhnen soll, dafür haut er schließlich die ganze Zeit auf die Pauke. Dann dreht er sich um, und niemand folgt ihm, während der Goetz schon längst in der Menge verschwunden ist.“

    Vielleicht sorgt Frings medienwirksame und prämierte Biografie dafür, dass Schernikau gelesen wird. Sein 900-Seiten Werk legende ist lieferbar - neu, original und zum Originalpreis von 35 ¤ über jede Buchhandlung oder den Verlag erhältlich, und auch die kleinstadtnovelle und die tage in l. sind günstig zu haben. Matthias Frings hat die Tür zu ihnen geöffnet und dabei ein lebenssattes Buch geschrieben. Über ein Leben wie in einem Traum.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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