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Mittwoch, 22. März 2017 | 23:05

 

Holger Hof (Hg.): Benn

29.11.2007

 
Auf den Platten die Iche

Ob Studentenfeier, Sonntagsausflug oder Stammrestaurant: Holger Hof macht die gesamte Bandbreite von Benns Leben in einer aufschlussreichen Bilderfolge sichtbar

 

Monumental, aus leichter Untersicht aufgenommen, die Lider leicht herabhängend: mit dem aus dem letzten Lebensjahr stammenden Titelbild beginnt eine beeindruckende Folge ganzseitiger Fotografien, die Gottfried Benn so zeigen, wie man ihn kennt: mal als erhabener Autor inszeniert, mal als Arzt vor dem Mikroskop, mal in der Uniform eines Oberstabsarztes der Wehrmacht – diese Aufnahmen passen zum Bild des kühl sezierenden Ästhetizisten und einem der wichtigsten Lyriker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dessen Vita jedoch den Makel einer zeitweiligen Mesalliance mit den Nazis aufweist.
Neben diese imposanten und bekannten Fotografien des Dichters hat der Benn-Kenner Holger Hof allerdings zahlreiche Bilder und Dokumente gestellt, die so gar nicht zum Bild des Großdichters passen wollen. Etwa den flapsigen Lebenslauf, den Benns zur Aufnahme in den Akademischen Turnverein Marburg schrieb, das Bild des breit grinsenden Studenten bei einer Feier mit Kommilitonen der Kaiser Wilhelm-Akademie oder als Dickerchen im Pullunder mit windverstrubbelten Haaren beim Sonntagsausflug in den Grunewald. Hier kommt ein ganz anderes Ich als das des wortbesessenen Beschwörers der Geisteswelt zum Vorscheinen, ein zuweilen biederes Ich, das sich auch einmal eine Anspielung auf Heinz Erhardt erlaubt. Sichtbar wird dieses Alltags-Ich auch in Grüßen von Jugendbekanntschaften an den gealterten Autor, in denen mitfühlend vom „armen Gottfried“ im Selliner Pfarrhaus oder vom lustigen Miteinander zu Studienzeiten die Rede ist.

Der Reiz der Oberfläche

Manche auf den ersten Blick belanglose Fundstücke reißen auch Abgründe auf wie eine im Nachlass von Elinor Büller aufgetauchte Visitenkarte. „Elinor Benn geb. Büller“ ist darauf zu lesen. Benn unterhielt jedoch in den späten 20er Jahren bis Mitte der 30er, der Zeit, in der er mit Elinor Büller liiert war, parallel noch eine Beziehung zu Tilly Wedekind und heiratete schließlich keine der beiden, sondern Herta von Wedemeyer, die Benn in seiner Zeit als Oberstabsarzt in Hannover kennengelernt hatte. Der knappe Kommentar Benns zu seinem Doppellieben: „Gute Regie ist besser als Treue.“

Solche Trouvaillen machen deutlich, worin der Reiz dieser Bildbiografie liegt: hinter mancher Bildoberfläche liegt eine Geschichte verborgen, die kein Text so prägnant vermitteln könnte. So erhält man einen einprägsamen Eindruck von der Welt, in der sich Benns Leben abspielte, etwa von der Fachwerkaltstadt Hannovers oder dem Selliner Pfarrhaus. Der Herausgeber greift nur sehr sparsam ein und lässt eher Texte Benns die Abbildungen kommentieren. Gedankengeschichtliche Verknüpfungen lassen sich mit dieser Montagetechnik zwar kaum darstellen, doch war nicht für den späten Benn die scheinbare Oberfläche der Existenz ebenso interessant wie die Tiefe der Gedanken? So schrieb er am 5. Juni 1950 an Armin Mohler: „Ich bedaure unendlich, daß man von Hölderlin oder Goethe nicht weiß, wieviel Zentimeter sie groß waren, wie hoch ihr Blutdruck war (...), ob sie pyknisch waren u. zur Dicke neigten oder leptosom, ob sie Durst hatten, ob sie Bier oder Wein tranken, ob sie gut schliefen.“ Dank der Findigkeit von Holger Hof gibt es nun Antworten, nicht nur auf einige dieser, sondern auch auf viele andere Fragen zu den zahlreichen Ichen Gottfried Benns.

Carsten Schwedes


Holger Hof (Hg.): Benn – Sein Leben in Bildern und Texten
Klett-Cotta 2007
Halbleinen im Schuber. 280 Seiten. 49,- ¤ (ab 01.04.2008 59,- ¤)
ISBN 978-3-608-95345-9

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