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Noel Martin: Nenn es: mein Leben

24.06.2007


Wie viel Leid passt in einen Menschen?

Noel Martin möchte im Juli sterben. Doch vorher erzählt ein Buch von seinem Leben und davon, wie Neonazis ihn zum Querschnittsgelähmten machten.

 

Wer ihn vor einiger Zeit bei Johannes B. Kerner gesehen hat, weiß, dieser Mann will nur noch eins: sterben. Dafür hat er sich seinen 48. Geburtstag ausgesucht. Am 23. Juli wird er sich, wenn nichts dazwischen kommt, von einer Sterbehilfeorganisation in der Schweiz eine Spritze geben lassen, die ihn einschlafen und nie wieder erwachen lässt.

Noel Martin heißt der Mann, der nicht länger leben will, obwohl er einen Sohn hat und demnächst zum ersten Mal Großvater werden könnte. Er ist britischer Staatsbürger jamaikanischer Herkunft, seine Hautfarbe ist schwarz. Was nicht weiter erwähnenswert wäre, wenn ihm nicht gerade diese Hautfarbe bei einem Arbeitsaufenthalt in Deutschland zum Verhängnis geworden wäre. Am 16. Juni 1996 griffen Neonazis ihn und einige Freunde in Mahlow, Brandenburg, an. Im Auto versuchte er zu entkommen, doch sie warfen einen großen Stein nach ihm. Martin kam von der Straße ab und sitzt seither vom Hals ab gelähmt im Rollstuhl.

So viel Leid

Die Angreifer wurden zu acht und fünf Jahren Haft verurteilt. Sie sind heute längst wieder frei, während der Angegriffene für alles, was er tun will, pflegerische Hilfe braucht - lebenslänglich. Ein paar Jahre lang übernahm seine Ehefrau Jacqui diesen Job, dann starb sie an Krebs. Wie viel Leid passt eigentlich in einen einzigen Menschen hinein?

Sehr viel. Zu diesem Befund kommt die jüngst erschienene Autobiografie Martins, aufgezeichnet von seinem Freund Robin Vandenberg Herrnfeld. Sie trägt den Titel «Nenn es: mein Leben» und zeichnet einen Lebenslauf nach, der geprägt ist von langen Phasen des Schmerzes, der Demütigung und der Verletzung fundamentaler Rechte eines Menschen dunkler Hautfarbe in Europa und von wenigen kurzen Phasen des Glücks.

Rassismus

Wenn es etwas gibt, das Martin sein Leben lang begleiten wird, dann ist es der Rassismus. Das Buch beginnt mit einer Jagdszene in Jamaika, wo er bis zur Schulzeit aufwächst – einer Jagd weißer Männer auf schwarze Kinder. Als ihn die in England lebende Mutter später zu sich nach Birmingham holt, setzt sich die Jagd ungebrochen fort.

Anfangs sind es weiße Mitschüler, die Noel durch die Straßen hetzen und verprügeln, später kommen britische Faschisten hinzu und die ganze Zeit über ist es die Polizei, die ihn und andere Jamaikaner grundlos mit irgendwo in der Nähe begangenen Verbrechen in Verbindung bringen.

Doch wer glaubt, Martin wachse deshalb in einer Atmosphäre der Angst heran, der irrt. Er stellt sich den Angreifern, wieder und wieder, behauptet sich gegen Vater und Mutter, die ihn und seinen Bruder verächtlich und nicht selten gewaltsam behandeln, gegen die Polizeischikanen und gegen Lehrer, die ihm keine Chance geben.

Eigenwillig und souverän

In seinen Worten klingt das so: «Der Rassismus in den Sechzigern und Siebzigern. Die Ungerechtigkeiten in der Schule. Die systematischen Belästigungen durch die Polizei. Es war schwer, damit zurechtzukommen. Man konnte nur darüber lachen. Das Lachen als einzige Waffe gegen ein rassistisches System.»

Martin gewinnt aus den Drangsalierungen eine Stärke, die ihn schließlich zum erfolgreichen Bauunternehmer werden lässt. Er weiß, dass er – wenige Freunde ausgenommen - auf niemanden zählen kann, und verwandelt dieses Wissen in eine Lebensstrategie: «Verlass dich nur auf dich selbst.» Damit fährt er gut, seine souveräne Eigenwilligkeit bringt ihm beruflichen und privaten Erfolg ein. Als Gipser macht er sich im Baugewerbe selbständig, mit Jacqui findet er die Frau fürs Leben.

16. Juni 1996

Doch dann kommt der 16. Juni 1996. Deutschland hat ihn bereits zuvor in einigen rätselhaften Träumen heimgesucht, die ihn aber nicht abschrecken. Als Subunternehmer heuert er auf einer Baustelle in Mahlow nahe Berlin an. Die Kollegen erzählen, dass sie schon seit Monaten auf ihren Lohn warten und, typisch, als sich der Neuankömmling der Sache annimmt, wird das Geld schließlich ausgezahlt. Außerdem warnen ihn die Arbeiter vor der Neonaziszene in und rund um Mahlow, die schon länger dunkelhäutige Bauarbeiter zu schikanieren versuche.

Noel Martin sieht sich vor. Aber dass sie ihn gezielt von zwei Seiten attackieren – einer wirft einen Stein auf sein Auto, ein anderer versucht ihn mit dem eigenen Wagen von der von der Straße abzudrängen -, damit hat er nicht gerechnet. Sein Auto knallt beim Ausweichversuch gegen einen Baum, die beiden Mitfahrer kommen mit leichten Verletzungen davon, nur ihn selbst hat es voll erwischt.

Als ihn Tage später jemand im Krankenhaus fragt, ob er die Berührung seiner Füße spüre, muss er mit «Nein» antworten. Die Ärzte rechnen mit seinem baldigen Tod, und als er überlebt, geben sie ihm eine einprozentige Chance auf eine Genesung. «Diese Chance werde ich wahrnehmen», sagt er.

Noch ein Schlag

Diesmal jedoch wird Noel Martin merken, dass Wille allein nicht reicht. Er wird zum Pflegefall, was ihn nicht umwirft solange es Jacqui ist, die ihn pflegt. Am 10. April 2000 heiraten die beiden und zwei Tage später ist seine Ehefrau tot – Krebs. Nun erst beginnt das eigentliche Martyrium. Von Ärzten und Pflegern fühlt er sich schlecht behandelt und bevormundet, Druckstellen entzünden sich und führen zu wochenlanger Beschränkung allein aufs Bett, Freunde wenden sich ab und in Martin reift der Entschluss, nicht länger leben zu wollen.

Nun rückt der Tag näher, an dem er sterben möchte. Vielleicht muss er das Datum noch einmal verschieben. Denn sein Besitz soll in eine Stiftung eingehen, die Kinder in Afrika und Jamaika unterstützen wird. Dafür aber sind noch einige juristische Klippen zu überwinden. Es kann auch sein, dass er noch operiert werden muss, damit er überhaupt reisefähig ist und in die Schweiz gelangen kann. Nicht einmal der Tod macht es Noel Martin leicht.

Maik Söhler


Noel Martin: Nenn es: mein Leben. Von Loeper Literaturverlag. Karlsruhe 2007. 250 Seiten. 19,90 Euro.

Ersterschienen in der Netzeitung am 12. Mai 2007.

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