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Donnerstag, 23. März 2017 | 15:14

Thomas Rothschild: Bis jetzt ist alles gut gegangen

03.11.2012

Messerscharfes Vergnügen

Thomas Rothschild, in Österreich aufgewachsen, verließ das Land aus politischen Gründen und lehrte über drei Jahrzehnte Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart. In Deutschland ist er fest in der Kultur verwurzelt. Seine jetzt publizierte Aufsatzsammlung hat eine Menge Vorläufer (zuletzt: Alles Lüge. Das Ende der Glaubwürdigkeit, 2006), der vorliegende Band enthält Glossen und Aufsätze für titel-magazin.de und den Freitag – bevor der nach der Übernahme durch den nachwachsenden Augstein zum Mainstream ins Bett kroch und man sich seitdem leichten Herzens erlaubt, auf qualifizierte Journalisten wie Ingo Arend und Tom Strohschneider verzichten zu können. Von WOLF SENFF

 

Wir leben in Zeiten, da megalomane technologische Blockbuster ausgebremst werden, und »wer hätte sich träumen lassen, daß jene, die noch vor kurzem lieber tot als rot gewesen wären, für die Verstaatlichung von Banken plädieren würden.« (in: »Die Zwickmühle«). Was gestern als »links« verpönt war, geriert sich heute als Mainstream. Da scheut man sich zurecht, Thomas Rothschilds Texte in politische Schubladen zu sortieren.

 

Ein Text ruft uns Robert Jungk in Erinnerung, der vor fast einem halben Jahrhundert jene Forderungen formulierte, die unlängst ad 1: seitens der Bertelsmann Stiftung, ad 2: anläßlich der Salzburger Festspiele, ad 3: durch den Geschäftsführer des Millennium Projects, ad 4: als State of the Future Report präsentiert wurden. Paar Nummern kleiner hätten's auch getan, und früher (Robert Jungk!) wäre ziemlich hilfreich gewesen. Doch unsere Nadelstreifen kokettieren mit dem pompösen Auftritt und sind ansonsten nicht aus der Ruhe zu bringen. »Was ist ein Optimist? Einer, der beim zehnten Stockwerk zum Fenster hinausfällt und beim ersten Stock denkt: ›Bis jetzt ist alles gutgegangen.‹«

 

Österreich neu entdecken

Seinen besonderen Reiz zieht dieses Lesebuch aus der Vielfalt seiner Themen, und ebenso erfreulich ist, dass einzelne Themen wieder aufgegriffen werden, sie werden gedreht und gewendet, in neue Kontexte gestellt.

 

Wir erfahren manches Neue über Österreich und, mal im Ernst: Wann hätten wir zuletzt über Österreich gelesen? Österreich, mit Verlaub, ist gefühlt fast so entlegen wie der Pamir und der Himalaya, es ließe sich beim multiple choice wohl oder übel als eine der Hauptinseln Japans anbieten. Lieschen Müller hat vielleicht von dem Bauunternehmer Richard Lugner gelesen und der Frage, welche mehr oder weniger honorige Dame ihn gegen Honorar auf den Wiener Opernball begleitet. Rothschild zeigt eine etwas andere Seite, die an den Gestus von Manfred Deix erinnert. Bono, Frontman von U 2, verglich einst die Texte seiner Band U 2 mit den Bildern von Deix. 

 

Nonsense der Wissenschaft

Exponierte Themen sind außerdem Film & Schauspiel, Regietheater, Bildung, Bologna-Reform; ein Text über »Netzwerk« leitet über zu diversen Texten, in denen Rothschild unseren öffentlichen Sprachgebrauch seziert.

 

»Netzwerk« bezeichnet – alter Wein in neuen Schläuchen – den seit Jahrtausenden vertrauten Sachverhalt: Protektionismus, Seilschaft, Nepotismus. Das Phänomen, für jeden Quark einen Neologismus zu setzen, ist weit verbreitet. »Viele Wissenschaftler bestreiten ihre angeblich wissenschaftliche Tätigkeit mit der Neubenennung bekannter Tatsachen und geben vor, eine Einsicht zutage gefördert zu haben, wo sie lediglich Namen erfunden haben.« – damit korreliert der Nonsense, dass Ruf und Qualität eines Wissenschaftlers sich spätestens seit Bologna vorrangig daran misst, in welchem Maße er in der Lage ist, Drittmittel einzuwerben (»Der Wissenschaftler als Fundraiser«).

 

Waschechtes Lesebuch

Sprachlich außerordentlich präzis beobachtet wird dort, wo Thomas Rothschild »blühende Landschaften«, »rauchende Schlote« und »sexuelle Gewalt« vergleicht (in: »Beiwörter«), über den Bedeutungswandel von »Diskretion« nachdenkt oder süffige Wortpanscherei bei Angehörigen höherer Kreise zerpflückt (in: »Verfallserscheinungen«), den Unterschied zwischen »Antiislamismus« und »Islamophobie« erläutert sowie über »Denunziantentum« nachdenkt … und es gibt höchst originelle Nur-einmal-Glossen, u. a. über Charisma, Quotendummheit, den Kniefall von Warschau sowie ein sehr persönliches »Eingeständnis«.

 

Die Glosse hat immer den Vorteil, dass sie mit spitzer Feder zu schreiben ist und einen Sachverhalt in klare Worte fasst – messerscharf, möchte man sagen. Deshalb das Vergnügen mit diesem reichhaltigen Bändchen, einem sozusagen waschechten Lesebuch.

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