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Owen Jones: Prolls

26.10.2012

Very British?
No!

Die Bank- & Börsenwacht an der Themse, die nazifixierte Presse, Anti-Europapolitiker, mal wieder vors Objektiv geratene sekundäre Geschlechtsmerkmale von royals – viel mehr ist aus unseren Medien kaum zu erfahren über das Vereinigte Königreich. Das hiesige Traditionsbild aus Miss Marple und Jack the Ripper, exzentrischen Schrullen und stiff upper lips bleibt ungestört. Owen Jones räumt damit gründlich auf. Sein Buch Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse erzählt in Reportagen und Reflexionen, wie dieses Land heute tatsächlich tickt, nicht nur bei denen »da unten«. Von PIEKE BIERMANN

 

Spätestens als 2008 die ersten Gigabanken pleite gingen, schwante Vielen, dass es vielleicht doch etwas großspurig, zumindest voreilig war, 1989 den endgültigen Sieg des Kapitalismus auszurufen. Linkes Denken schien ein für allemal als Hirngespinst enttarnt, sein terminologisches Gebäude sturmreif geschossen. Gut, ein paar Restbegriffe ließen sich kapitalismuskompatibel instandbesetzen: »revolutionär« wurde zum Gütesiegel für jede mickrige Marktneuheit und »sozialistisch« zum verächtliches Synonym für alles, was noch nicht in den modern times angekommen war. Aber »Klasse« war nur noch als Wortpartikel der angeblich klassenlosen Gesellschaft brauchbar, das neue Etikett für Exquisites hieß premium

 

Häme über arme Leute

Die Prophezeiung von der klassenkonfliktfreien neuen Weltbefindlichkeit hat sich bekanntlich nicht so ganz erfüllt. Der Banken- und Börsencrash führte sturzgeburtartig zu einer Renaissance antikapitalistischer Energie, im Denken wie im Handeln, und jetzt auch weltweit vernetzt. 2010/11 die nächste Zäsur. Plötzlich explodierende Unruhe, an verschiedenen Orten und scheinbar zusammenhanglos: Studentendemos in England, »Occupy!«- und »Indignados«-Tumulte in der halben westlichen Welt, »arabischer Frühling« in Nordafrika. Das ist, in groben Zügen, die Szenerie, in der dieses Buch 2011 – nicht nur auf der Insel – seine Wucht entfaltete.

 

Sein Autor Owen Jones, geboren 1984, aufgewachsen im angestammten working-class-Milieu von Stockport, das zu Greater Manchester gehört. Er war Gewerkschafts- und Labouraktivist, hat einen Oxford-Abschluss in (US-amerikanischer) Geschichte und lebt heute in London als freier Publizist, offen schwul und explizit sozialistisch. Er verkehrt also auch in anderen Milieus, salonlinken zum Beispiel. Eines Dezemberabends ist er zum Dinner eingeladen, und der Gastgeber will ein paar Gäste, die sich Sorgen über die aktuelle Kreditklemme machen (müssen), mit einem Witz aufmuntern: »Ist doch schlimm, dass Woolworth zumacht. Wo kaufen jetzt die ganzen Prolls ihre Weihnachtsgeschenke?« Die Dinnerparty besteht aus lauter linksliberalen, multikultivierten Männern und Frauen, hetero sind auch nicht alle. Einen rassistisch oder sexistisch getönten Spruch hätten sie nicht geduldet. Bei Häme über billigheimernde arme Leute dagegen zuckt niemand auch nur zusammen.

 

Klassenhass von oben

Jones spürt dahinter einen virulenten, aber verleugneten Klassenhass von oben und geht ihm in einer Serie brillant recherchierter Reportagen nach. Das neue Hassobjekt, entdeckt er, ist eine höchst erfolgreiche politisch-mediale Konstruktion durch Dämonisierung. Jene »Prolls« sind die Überreste der zerschlagenen, einst stolzen alten Arbeiterklasse. »Seit Thatcher die Fabriken dichtmachte, haben wir hier die Generation ›Stütze‹«, wie es einer der Interviewten formuliert. Blairs New Labour hat das noch verschärft. Nach Thatchers Vision sollten gefälligst alle in Richtung Mittelschicht streben, auf dass die ganze Gesellschaft alsbald klassenlos werde. Blairs Mantra hieß schlicht: Wir sind alle Mittelschicht.

 

Durchs Raster fielen alle, die da nicht mitziehen konnten oder wollten. Verarmt, deklassiert, bildungsentfernt (worden), also ohne Aufstiegschancen, ethnisch heterogen – kurz: die »Prolls« sind der ideale Sündenbock und Mülleimer für Frust und Aggression aller anderen. Sie haben keinen Zugang zu Medien und Institutionen für öffentlich sanktionierten Widerstand. Das macht nicht nur wehrlos nach außen, sondern zwingt einen unter die physikalischen Gesetze des Druckausgleichs: Die eigene Wut über die Entwürdigung kann nur nach innen abgeleitet werden, gegeneinander.

 

Sozialismus revisited

Jones hat aber nicht nur ein scharfes Auge für die so Entwürdigten und Bedrückten und das interne rassistische und sexistische Konfliktpotential. Er seziert auch, wie ihre Dämonisierung rechtsradikalem Populismus die Bühne bereitet, bis hinein in vermeintlich liberal-bürgerliche Kreise; wie sie ethnische Gewalt verschärft, statt zu deeskalieren; und wie sie de facto just den Klassenkampf wieder einführt, getarnt als »Krieg in urbanen Problemzonen«. Er verankert drittens sorgfältig alles, was man als »ideologisch«, als bloße »Verschärfung des Klimas« abtun könnte, im materiellen Unterboden von gestiegenen Schulgebühren, gestrichenen Stipendien, gekürzten Sozialhilfen, gekappten kommunalen Jobs.

 

Sein Buch erscheint im Frühjahr 2011 und schlägt ein wie der Blitz. Zufällig veröffentlicht kurz danach das renommierte Meinungsforschungsinstitut BritainThinks eine Studie, die seine Analyse durch weitere Zahlen und Fakten untermauert. Und im August folgt die fatale Bestätigung in der Praxis: Es brennt im ganzen Land, allein in London lodern so viele Feuer gleichzeitig wie seit den deutschen Bomben nicht mehr. Jones ergänzt sein Buch für eine Neuauflage 2012. »Die Dämonisierung trieb ungeahnte Blüten«, schreibt er, und dazu gehört nicht zuletzt die Propaganda von lauter plündernden und brandschatzenden »Schwarzen«, die bloß geil auf Markenturnschuhe und Plasmafernseher seien. Im neuen Vorwort geht er auf jeden Vorwurf seiner Kritiker ein, durchaus dankbar im Ton: Dass man endlich wieder öffentlich über Klassenfragen spricht, ist schließlich sein roter Faden.

 

Ist das britisch oder kann da jeder mitmachen?

Die Neuausgabe ist jetzt fast gleichzeitig auf Deutsch erschienen und sollte unbedingt auch hier einschlagen. Denn bei allen historischen Unterschieden zwischen der Insel und unserem Stückchen Kontinent, zwischen der einen und der anderen working class-Tradition – nichts von dem, worüber Jones schreibt, klingt exotisch. Im Gegenteil, man hat beim Lesen ziemlich oft das Gefühl: Der Mann schreibt über Deutschland. Und auch wenn die deutschen »Prolls« nicht ganz deckungsgleich mit den »chavs« des englischen Originals sind – Häme über »Unterschichtfernsehen« löst hierzulande ebenso wenige Zuckungen aus.

 

 

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 2. Oktober 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.

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