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Ursula Muscheler: Möbel, Kunst und feine Nerven

19.10.2012

Kultus der Schönheit

Vor gut hundert Jahren lebte und revolutionierte der Belgier Henry van de Velde vieles auf seine ganz persönliche Art: Architektur und Design, Möbel, Kunst und feine Nerven. Ursula Muscheler lädt ein zur Spurensuche in einer außergewöhnlichen Vita. Von INGEBORG JAISER

 

»Es ist recht nett bei den Leuten, in ihrer vornehmen, kultivierten Einfachheit«, schreibt Eberhard Freiherr von Bodenhausen 1897 in der renommierten Kunst- und Literaturzeitschrift Pan. »Das sind die modernen Menschen.« Die Rede ist von dem belgischen Maler Henry van de Velde, der einige Jahre zuvor das avantgardistisch anmutende Haus Bloemenwerf in Uccle gestaltet hat und es auf bislang ungewohnte Weise zusammen mit seiner jungen Frau Maria bespielt. Der erste moderne Showroom? In dem polygonal geschnittenen Haus mit drei Giebeln herrscht ein neuer, frischer, natürlicher Geist, der doch nichts dem Zufall überlässt. Van de Velde hat sein Gesamtkunstwerk derart durchkomponiert, dass die Kleider der Hausherrin auf die Farben des Esszimmers abgestimmt sind und sogar Teller und Speisen einer strengen Farbharmonie unterworfen werden.

 

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs

Die Besuche neugieriger, kritischer, mondäner Gäste reißen nicht ab: Henri Toulouse-Lautrec, Julius Meier-Graefe, Edmont de Goncourt. Die Augenzeugen berichten in Gesprächen, Briefen, Zeitschriftenartikeln vom bahnbrechenden neuen Stil jenseits der bisher dominierenden Plüschigkeit und historisierenden Hässlichkeit. Als Van de Velde schließlich um 1900 nach Berlin zieht (und zwei Jahre später nach Weimar), ist er bereits ein Star. Nirgendwo in Europa gestaltet sich das Leben dynamischer, moderner als in der deutschen Hauptstadt. Vehement revolutioniert der charismatische Geschmacksdiktator Van de Velde den bourgeoisen Lebensstil. Ganz im Sinne von John Ruskin und William Morris sucht er eine neue Ästhetik im Einfachen, Gestalteten, Funktionellen. Längst hat er sich vom bloßen Maler zum Schöpfer von Gesamtkunstwerken entwickelt: Hugo von Hofmannsthal und Harry Graf Kessler zählen zu seinen engsten Anhängern und Kunden, für zahlreiche weitere Dichter, Maler, Künstler und Großindustrielle schafft er Inneneinrichtungen, Möbel, Tapeten, Lampen, Gebrauchsgegenstände – bis hin zu Kleidungs- und Schmuckstücken. Dass hübsche Möbel und hypersensible Nerven möglicherweise zusammengehören, zeigt die schöngeistige Clique rund um Van de Velde nur zur Genüge: Nervenzusammenbrüche, Migräneanfalle, neurotische Störungen und Depressionen gehören zur Tagesordnung.

 

Ästhetische Präsentation wertvoller Inhalte

Doch schon 1914 wird der Belgier zum »feindlichen Ausländer« und muss in die Schweiz fliehen. Welche Entwicklungen haben sich in diesen knapp 20 Jahren seines fruchtbarsten Schaffens vollzogen? Was hat ihn gewissermaßen zum Vater des modernen Designs gemacht? Ursula Muscheler, promovierte Architektin und Autorin, breitet in Möbel, Kunst und feine Nerven, detailliert und pointiert die Erfolgsgeschichte seiner Ideen aus, beschreibt kenntnisreich seine Projekte und Konzepte, die ohne den Rückhalt seiner loyalen Familie und seines exaltierten Freundeskreises gar nicht möglich gewesen wären.

 

Selten werden Zeit-, Architektur- und Designgeschichte so plastisch miteinander verwoben wie in diesem herausragenden Band aus dem Berliner Berenberg Verlag, der übrigens auf eine wertvolle äußere Präsentation seiner wertvollen Inhalte besteht. Alle Bücher des Verlags sind fadengeheftet und in Halbleinen mit schönen Vorsatzblättern gebunden. Das macht die Lektüre nicht nur zu einem spannenden, sondern auch zu einem ästhetischen Genuss. 

 

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