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Michael Horeni: Die Brüder Boateng

21.09.2012

Drei Brüder, zwei Welten

Michael Horeni, Sportjournalist der FAZ, blickt in Die Brüder Boateng. Drei deutsche Karrieren hinter die Fassade dreier ungleicher Brüder, von denen es die beiden jüngeren, Kevin-Prince und Jerome, zu Spitzenfußballern geschafft haben, während dem ältesten, George, trotz großen Talents dies verwehrt geblieben ist. Horeni belässt es dabei keineswegs bei einer weiteren Fußballerbiografie. Der Fall der Boatengs steht sinnbildlich für einige der am hitzigsten diskutierten gesellschaftlichen Aspekte unseres Landes: Integration, zerrissene Familien und Bildungsungleichheiten. Von MARC STROTMANN

 

Der Kampf ungleicher Brüder begleitet uns seit Anbeginn der Geschichte. Im Alten Testament Kain und Abel, in der Literatur Dostojewskijs Brüder Karamasoff. Die ständige Nähe führt dazu, Protagonisten zu entzweien, erzeugt das Bedürfnis sich voneinander zu differenzieren. Ein Phänomen, welches sich in der Realität genauso findet wie in der Fiktion. Auch die Brüder Boateng sind, jeder für sich, auf den ersten Blick in vielerlei Aspekten unterschiedlich. Der robuste, aufbrausende Goerge, der selbstbewusste, zur Selbstverliebtheit neigende Kevin-Prince, der schüchterne, zurückhaltende Jerome. Dennoch finden sie trotz vieler Wirren zueinander. Was sie eint ist der Fußball.

 

George und Kevin-Prince wachsen in Wedding, einem Berliner Problemviertel auf. In den 90er Jahren dominieren dort eine hohe Kriminalitätsrate und Perspektivlosigkeit, ein Großteil seiner Bewohner sind Einwanderer und sprechen nur wenig Deutsch. Kurz nach Kevins Geburt verlässt der Vater Prince Boateng, ein Ghanaer der mit Mitte Zwanzig nach Deutschland kam, die Familie. Er heiratet eine andere Frau, sie bekommen einen Sohn, Jerome, der im eher beschaulichen Berlin-Wilmersdorf aufwächst.

 

Michael Horeni
Foto: Julia Zimmermann Michael Horeni
Foto: Julia Zimmermann

»Ghetto-Kid« und »Rüpelfußballer«

Es ist jene Diskrepanz, die Horeni zu schildern vermag. George und Kevin, die ohne Vater im Problemviertel groß werden, sich alleine durchkämpfen müssen, während der jüngere Bruder Jerome gediegenen Verhältnissen entstammt und trotzdem die Nähe zu seinen Brüdern sucht. Jeden Tag kommt er ins Wedding, um mit den beiden älteren im Fußballkäfig an der Panke sein Können zu messen. Der Sport schmiedet ein Band zwischen den Dreien, ist gleichzeitig ein Ventil, um Dampf aus dem brüderlichen Konkurrenzkampf zu lassen.

 

Horeni hat für sein Buch mit George und Jerome Boateng längere Interviews geführt, Kevin hat die Zusammenarbeit verweigert, der Veröffentlichung aber zugestimmt. Der Sportjournalist sprach zudem mit zahlreichen Weggefährten: mit Vater Prince, ehemaligen Jugendtrainern, einem früheren Lehrer und anderen Größen der Fußballszene, wie Dortmunds Meistertrainer Jürgen Klopp.

 

Resultat ist die Aufzeichnung dreier unterschiedlicher Lebenswege, Karrieren wie im Untertitel heißt, die eng miteinander verflochten sind. George Boateng, Mitte der 90er Jahre ein großes Stürmertalent, der ohne einen gesicherten Rückhalt auf die schiefe Bahn gerät, nur noch in den Tag hinein lebt und schließlich, nach mehreren Strafdelikten, für kurze Zeit ins Gefängnis wandert. Kevin-Prince, gewarnt durch den Absturz seines Bruders, schafft es mit jungen Jahren in die Bundesligamannschaft von Hertha BSC, die Medien feiern ihn als den kommenden Superstar. Der Ruhm steigt ihm zu Kopf, er trifft falsche Entscheidungen, welche in der deutschen Öffentlichkeit ein negatives Bild von ihm als »Ghetto-Kid« und »Rüpelfußballer« erzeugen. In Deutschland wird er vom Jahrhunderttalent zur Persona non grata. Erst über den Umweg Ausland kommt die Karriere wieder in Schwung. Jerome, stets in Kevins großen Schatten, trainiert eisern, um genauso gut zu werden. Auch er schafft früh den Sprung in die Bundesliga, doch ein weiteres Hindernis erschwert seinen Werdegang: das Negativ-Image seines Bruders.

 

TITEL-Kulturmagazin und das Göttinger Hochschulsportmagazin Seitenwechsel verlosen gemeinsam zwei Exemplare Michael Horeni: Die Brüder Boateng. Wer bis einschließlich 30. November an der Umfrage teilnimmt, kann ein Exemplar gewinnen.

 

Profi-Fußballspieler …

(2)… wäre ich auch gern.
(11)… langweilen mich.
(4)… haben kein leichtes Leben.

Nicht nur für Fußballfans

Es ist die gelungene Symbiose aus Sportlerbiographie und Gesellschaftsstudie, die das Buch lesenswert macht. Horeni dokumentiert Schlüsselmomente im Leben der drei Brüder und löst damit den Schleier um die einzelnen Lebensläufe. Dies ist besonders bei Kevin-Prince und Jerome interessant, da in den Medien ausgeschlachtete Begebenheiten aus einem anderen Winkel betrachtet werden. Die Ballack-Affäre beispielsweise, als Kevin Boateng den damaligen Nationalmannschaftskapitän kurz vor der Weltmeisterschaft 2010 in einem Zweikampf schwer verletzte, durch die er in den Medien endgültig als unbelehrbar, gar als nicht erziehbar erklärt wurde. In der Boulevardpresse tauchte er nur unter dem Namen »Ramboateng« auf. Er selbst hat zum Geschehen und seinem Konflikt mit Ballack geschwiegen. Auch die schwierige Position von Jerome Boateng, als deutscher Nationalspieler im Zwiespalt, von der Öffentlichkeit aufgefordert, Haltung gegen seinen Bruder einzunehmen, wurde von den Medien weitestgehend vernachlässigt. Horenis zeigt, dass immer mehrere Wahrheiten parallel existieren.

 

Des Weiteren ist es dem Journalisten gelungen, in einem nüchternen Sprachstil, die Sprunghaftigkeit der deutschen Gesellschaft zu reflektieren, gerade in sensiblen Themen. Nachdem die deutsche Nationalmannschaft in Südafrika den dritten Platz ergatterte, feierte die Bevölkerung die Multi-Kulti-Truppe als Paradebeispiel für gelungene Integration. Wenige Wochen später entflammte die Sarrazin-Debatte. Bundesbürger mit Migrationshintergrund sahen sich dem Vorwurf gegenübergestellt sich nicht genügend in die deutsche Gesellschaft einzufügen. Die Leistungen von Jerome Boateng und anderen Spielern mit ausländischen Wurzeln waren schnell vergessen.

 

Angenehm ist ebenfalls, dass, im Gegensatz zu anderen Fußballerbiographien, vor allem jene Philipp Lahms, die Literatur nicht als Abrechnung missbraucht wird. Prekäre Situationen werden sachlich behandelt. Horeni hat gründlich Recherche betrieben, ehemalige Weggefährten befragt und somit eine einseitige Sicht vermieden: eine nicht nur für Fußballfans zu empfehlende Lektüre.

 

 

TITEL-Kulturmagazin und Seitenwechsel verlosen außerdem Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Sports.

 

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