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    Dienstag, 25. April 2017 | 16:29

    Heinz Dieter Kittsteiner: Die Stabilisierungsmoderne

    07.09.2012

    Geschichte als große Erzählung

    Dass sich gerade die Geschichte so halsstarrig weigert, Geschichten zu erzählen, und jeden Vertreter ihres Faches verfolgt, der das tut, ist sehr schade. Schließlich wissen wir seit Haydn White oder eben Aristoteles, dass auch Klio dichtet und schließlich erscheinen immer wieder schöne Bücher, in denen Historiker ihren Lesern eine Geschichte erzählen und damit auch Leser über den Kreis der Kollegen hinaus gewinnen. Dazu gehört auch Heinz Dieter Kittsteiners Die Stabilisierungsmoderne. Deutschland und Europa 1618-1715, findet BJÖRN VEDDER.

     

    Der Titel kündigt schon an, dass hier ein großer Bogen geschlagen wird, doch das ist eine Untertreibung. Kittsteiner hat diesen Band als ersten einer dreiteiligen Reihe über die Entwicklung der Moderne angelegt, deren zweiter von der Fortschrittmoderne und deren dritter von der Heroischen Moderne handeln sollte. Der überraschende Tod des Autors im Sommer 2008 hat das verhindert.

     

    Narratives Geschick

    Kittsteiner will »für ein breiteres Publikum einen größeren Zusammenhang umreißen« und versucht deshalb, »möglichst prägnante symbolische Ereignisse zu konstruieren«, die den Verlauf der Geschichte, Verhältnisse und Strukturen in ein Bild, in eine Szene bannen. Das öffnet freilich der akademischen Kritik die Flanke, Kittsteiner als »schrecklichen Vereinfacher« zu bezeichnen. Der Leser ist jedoch dankbar, nicht 200 Seiten über die Entwicklung des Milchkuhbestands in Lippe oder ähnliches lesen zu müssen, was in einer Historie für Historiker seine gute Berechtigung hat und wovon auch Kittsteiner zehrt, sondern auf sehr unterhaltsame Art unterrichtet zu werden.

     

    Besonderen Reiz gewinnt die Konstruktion prägnanter symbolischer Ereignisse dadurch, dass Kittsteiner sie mit Literatur und bildender Kunst flankiert und alles in einem gefälligen erzählerischen Gespinst verwebt. So verfolgt Kittsteiner etwa den Weg eines Landsknechts anhand seines Tagebuchs und verknüpft dessen Perspektive dann mit der historischen Schilderung.

     

    Wie die Moderne wurde, was sie ist

    Kittsteiner zeigt hier narratives Geschick, ist damit aber keine Ausnahme seiner Zunft. So legte zum Beispiel Andreas Welskopp im gleichen Jahr eine Kulturgeschichte der Prohibition (Amerikas große Ernüchterung) vor, der es mit ähnlicher Kunst gelingt, die Aufmerksamkeit ihrer Leser zu fesseln. Und doch ist Welskopps Buch ganz anders. Denn wenngleich es mit dem Projekt Kittsteiners den erzählerischen Anspruch teilt, ist es doch keine große Erzählung. Dafür ist es in seinem Erklärungsanspruch zu bescheiden und vielleicht auch akademisch zu redlich. Schließlich hatte sich die Geschichtswissenschaft versagt, Geschichtsphilosophie zu treiben, seit dem die Geschichtsphilosophie herausgefunden hatte, dass ihre Zeiten und damit die Zeiten der großen Erzählung vorbei sind.

     

    Kittsteiners Projekt ist aber genau das, eine große und auch geschichtsphilosophische Erzählung darüber, wie die Moderne wurde, was sie ist. Das macht es insgesamt angreifbar, nützt aber auch ungemein. Denn im ersten Anheben der großen Erzählung im Barock entsteht ein pralles Bild der Epoche, das umso interessanter ist, als das Barock einige Aktualität wiederzugewinnen scheint. In der Mode, in der Kunst, aber auch in der Ökonomie oder der Gesellschaftswissenschaft wimmelt es von Entdeckungen über vermeintliche Ähnlichkeiten zum Barock, ohne dass jedoch ein greifbares Bild der vergangenen Epoche vorhanden wäre, an dem sich eine solche Diskussion entspinnen könnte. Es liegt auf der Hand, dass ein solches Bild ruhig etwas gröber sein dürfte, wenn es nur plastisch ist. Kittsteiners Versuch, »möglichst prägnante symbolische Ereignisse zu konstruieren« und eben »für ein breiteres Publikum einen größeren Zusammenhang umreißen« kommt diesem Diskussionsbedürfnis sehr entgegen und hebt das Interesse an seinem Buch weit über jenes hinaus, das einer guten historischen Erzählung gilt. Aber das ist ja auch nicht wenig. 

     

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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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