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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. April 2017 | 16:25

    Han, Ehrenberg, Koselleck, Sennett, Machart, Crouch

    27.07.2012

    Philosophie und Politik

    Das erschöpfte Selbst, die Allmacht der Ökonomie und die politische Differenz –

     

    ein Überblick von BJÖRN VEDDER

     

    Philosophische Diskussionen entspinnen sich meist in recht exklusiven Kreisen und dringen kaum je darüber hinaus. Wenn sie es doch tun, dann liegt das häufig daran, dass sie etwas berühren, das als besonders drängend und problematisch wahrgenommen wird. 

     

    Die beiden Bücher des Karlsruher Philosophen Byung-Chul Han tun das vielleicht. Müdikeitsgesellschaft und Transparenzgesellschaft (beide in der Fröhlichen Wissenschaft bei Matthes und Seitz erschienen, das erste schon in der siebten Auflage innerhalb von zwei Jahren) thematisieren zwei zentrale Probleme: die gegenwärtige Zunahme an depressiven Erkrankungen und einer Erschöpfung, man selbst zu sein (die der französische Soziologie Alain Ehrenberg La Fatigue d'être soi genannt und damit Han souffliert hatte) sowie die vermeintliche Ursache dafür in einer Gesellschaft, die alles in dem Sinne transparent macht, dass sie es der Logik der Ökonomie unterwirft und mithin auch das Selbst zwingt, konsumierbar zu sein. 

     

    Dieses moderne Selbst, das Subjekt, das mit dem Beginn der Aufklärung in den Sattel der Geschichte gesetzt worden ist (wie es Reinhard Koselleck in Kritik und Krise beschrieben hat), scheint in ein Dilemma geraten zu sein. All die Möglichkeiten, die sich ihm anfangs boten, sich als Schöpfer seiner selbst zu verwirklichen, scheinen sich nun in Forderungen verkehrt zu haben, genau das unaufhörlich zu tun – und zwar in einer Weise, die ihm die Belohnungen einer solchen Selbstschöpfung verwehrt. So kommt das Subjekt weder zu einer festen Form des Charakters, von der aus sich eine Kontinuität der Entscheidungen oder sogar ein eigener Ethos ausmachen ließe – weil das auch eine Grenze der Konsumierbarkeit bedeuten würde –, noch erreicht es mit diesem Prozess der Selbstschöpfung das Gefühl, eine ausgezeichnete Individualität zu sein, wie ihm dies von der Romantik versprochen worden war – weil sich schließlich doch alle zu ähnlich sind und die Individualität ein Massenphänomen ist. Das moderne Selbst scheint also in einer Spirale aus Kreation und Depression gefangen zu sein, wie es ein von Christoph Menke und Juliane Rebentisch herausgegebener Sammelband formuliert, der dieses Jahr in der für solche Bücher recht seltenen zweiten Auflage erschienen ist.

     

    Doch schon ein kursorischer Überblick über diese Debatte zeigt, dass sie sehr am Subjekt hängt. Das hat in Deutschland gute Tradition, ist aber nicht die einzige Möglichkeit, die Dinge zu sehen. Eine andere Perspektive bietet die politische Philosophie, die mit Namen wie Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben verknüpft ist, und die sich um die Rückgewinnung eines Begriffs des Poltischen bemüht. Eine solche Rückgewinnung ist nötig, weil die oben skizzierten Probleme unter dem Siegel eines Verlusts des Poltischen stehen, wie ihn schon Richard Sennett Mitte der 1970er Jahre als Tyrannei der Intimität beschrieben hat.

     

    Dieser neue oder andere Begriff des Politischen speist sich aus dem Bewusstsein einer politischen Differenz zwischen la politique und le politique. Die Rede von le politique ist die Rede von dem Poltischen, das eine Modalität des gemeinsamen Handelns meint, ein Gemeinwesen von Gleichheit, Gerechtigkeit und Staatsbürgerlichkeit jenseits der politischen Konkurrenz und Ausübung politischer Macht im Regierungshandeln, die eben nur la politique ist. Oliver Marchart hat in seinem Band über Die politische Differenz die verdienstvolle Aufgabe übernommen, dieses Denken übersichtsartig zu sortieren und aufzubereiten. Das erleichtert nicht nur den Einstieg in diese Debatte, sondern auch eine Verknüpfung der beiden Diskussionen.

     

    Wie wünschenswert eine solche Verknüpfung wäre, zeigt auch der von Thomas Bedorf und Kurt Röttgers herausgegebene Band Das Politische und die Politik, in dem eine Reihe von Autoren den Begriff der politischen Differenz kritisch reflektiert, dabei aber doch in der Diskussion eben dieses Politischen verbleibt und sie kaum je mit der Diskussion um die Not des modernen Selbst zusammenschließt.

     

    Eine besondere Schnittstelle dieser beiden Diskussionen bietet vielleicht die Ökonomie, denn sie spielt eine wesentliche Rolle bei der Verkehrung der selbstschöpferischen Freiheit des modernen Subjekts in seine Depression. Die Frage, wie ein Begriff des Politischen zurückgewonnen werden kann, der dieser Depression entgegensteuert, ist damit auch eine Frage nach dem möglichen Einfluss der Politik auf die Ökonomie. Hier argumentieren die Arbeiten von Colin Crouch (Postdemokratie und Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus) dafür, dass die Politik keinen Einfluss mehr auf die Hauptakteure der Wirtschaft hat, weil die Politik nationalstaatlich organisiert ist, diese Hauptakteure aber multinationale Konzerne sind, die sich mit den Mitteln einer nationalen Politik nicht steuern lassen. Zumal hier wiederum politische und ökonomische Konkurrenzen herrschen, die es den Firmen erlauben, Volkswirtschaften und Konsumenten gegeneinander auszuspielen. Offensichtlich ist Crouchs Begriff von Politik, die hier nicht mehr greift, la politique und so verwundert es nicht, wenn er vorschlägt, einen Ausweg aus diesem Dilemma in einem gesellschaftlichen Verhalten zu suchen, das in seiner Betonung von Akten der Solidarität und einer Reflexion auf ein überparteiliches Gemeinwesen den Inhalten ähnelt, die die französische Philosophie unter le politique postuliert.

     

    Angesichts so deutlicher Schnittmengen des Nachdenkens über das Subjekt, das Politische und die Ökonomie sollte es verwundern, wenn sich diese Debatten nicht zusammenschlössen. Der Fortgang der Diskussion darf also mit Spannung erwartet werden.

     

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